Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 30 (27.7.1900)
- Article
- Die auswandernden Frauen und Mädchen und die "Allianz"
- Date
- 1900-07-27
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 30 „Die 2^ Welt*' Seite 7 bisher zugestanden hat, ist, dass sie die Mädchen einige Zeit noch hier behalten will, damit man ihnen eventuell privatim Arbeit verschaffe. Sollte die „Allianz'4 auf ihrem Standpunkte verharren, so müsste man alles versuchen, um diesen Mädchen, denen man bei der „Allianz"' nicht weiter fori helfen will, in Wien Arbeit zu verschaffen. Der Vorein _.\hnia" bittet deshalb namentlich die jüdischen Frauen und Mädchen, sich dieser Armen anzunehmen; ist es doch in erster Reihe die Pflicht der jüdischen Frauen und Mädchen, ihre Schwestern vor physischem und moralischem Verderben zu bewahren. Vielleicht wäre es am allerbesten, wenn sich ein Hilfscomite von Frauen und Mädchen bildete, denn ausser dieser Gruppe gibt es noch andere Mädchen und Frauen, deren Väter und Männer weitergeschickt worden sind, während sie selbst zurückbleiben mussten, um — so will es die „Allianz" — in kurzer Zeit nach Rumänien zurückzukehren, wo sie ohne Mann, ohne Heim und ohne alle Mittel allerdings sehr bald jeder „Hilfe" entbehren werden können, da sie dort sammt ihren Kindern unfehlbar dem Hunger erliegen müssen. Jüdische Mädchen und Frauen, helfet! Es ist höchste Zeit! Ein menschenfreundlicher Capitän. Der Vorstand der-israelitischen Gemeinde in Vukovar (Croatien) sendet uns folgende Danksagung: Unsere hartbedrängten rumänischen Glaubensgenossen, welche auf ihrem Leidenswege unsere Schiffstation passieren, erfreuen sich auf den Fahrzeugen, die sie benützen, nicht immer jener menschenfreundlichen Behandlung, wie sie es von jedermann verdienen würden: umso eher sieht es der gefertigte Vorstand als seine Pflicht an, dem Coramandanten des Postschiffes „Josef Karl", Herrn Capitän Leo B u c h b e v g e r, für sein uneigennütziges, humanes und edles Entgegenkommen, welches er und die ihm unterstehenden Schiffsofficiere und Schiffsmannschaften den unglücklichen Emigranten angedeihen lassen, auf diesem Wege den innigsten Dank auszusprechen. V u k o v a r, den 20. Juli 1900. Für die israelitische Cultusgemeinde : Der Vorstand : Victor Bau m. Die Lage der jüdischen Studenten in Rumänien. Aus dem Briefe einiger jüdischer Hochschüler in Bukarest an einen zionistischen Führer entnehmen wir die folgenden Stellen : ..... Wenn die Lage des physisch arbeitenden jüdischen Proletariats wahrlich elend genug ist, so ist die Lage des geistigen Proletariats, insbesondere der jüdischen Studenten, geradezu unerträglich. Das Studium ist für die jüdischen Studenten besteuert, und zwar mit schier unerschwinglichen Taxen. Von allen anderen liberalen Berufen ausgeschlossen, müssen sie sich alle dem Medicinstudium zuwenden. Aber welche Hindernisse stellen sich ihnen da entgegen! Gerade weil die medicinische Facultät von den Juden so stark frequentiert wird, ist hier die Fremdentaxe am höchsten. Diese Taxe muss auch von denjenigen Studierenden erlegt werden, die bereits immatriculiert waren, bevor das betreffende Gesetz in Rechtskraft erwachsen war. Der gewesene Unterrichtsininister Taku Jonescu gab die Ungeheuerlichkeit dieser Bestimmung selbst zu und befreite auch demgemäss die absolut mittellosen Studenten, die vor dem Inslebentreten des Taxengesetzes ihr Studium an der Facultät betiieben hatten, von der Errichtung der Fremdentaxe. Allein, als einer der wüthigsten Judenfeinde Rumäniens, Istrati, das Portefeuille des öffentlichen Unterrichtes übernahm, wurde das Gesetz wieder mit aller Strenge zur Anwendung gebracht . . . Und dann diese Behandlung von Seiten der Collegen und Professoren! Es gibt keine Vorlesung, die nicht mit malitiösen Anspielungen, mit boshaften „ironischen" Ausfällen auf die Juden gewürzt wäre!... Aber am unglücklichsten sind wir zwanzig Studenten, die wir dieses Schreiben an Sie richten. Gezwungen, zu einer erbärmlichen Existenz zu gelangen, um unsere Angehörigen am Leben zu erhalten, ist es uns ganz unmöglich, die hohen Taxen zu leisten, die man uns unerbittlich abfordert. Wir stehen also vor der Nothwendigkeit, unser Studium nach so vielen Jahren zu unterbrechen. Abgesehen davon, dass uns jede andere Carriere verschlossen ist, schmerzt es uns tief, dass wir das geistige Bedürfnis, wissenschaftliche Kenntnisse zu erwerben, nicht befriedigen können. Unser Schmerz ist umso tiefer, als wir die Hoffnung gehegt haben, uns eines Tages unserem Volke hierzulande nützlich zu erweisen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Studien im Auslande fortzusetzen. Wir haben beschlossen, uns womöglich dem Studium der Agronomie zuzuwenden, um nicht nur uns selbst, sondern unserem ganzen Volke nützlich sein zu können . . . Da unsere Mittel jedoch zur Durchführung unseres Vorhabens unzulänglich sind, nehmen wir uns die Freiheit, Sie um die Geltendmachung Ihres Einflusses in jüdischen Kreisen zugunsten unseres Planens zu ersuchen . . ." Ein Steinbombardement auf die Auswanderer. Eine Gruppe von rumänischen Auswanderern hatte in Wien in der Talmud-Thoraschule, II. Malzgasse lf>, Unterkunft gefunden. Am 17. d. M. mittags versammelten sie sich im Hofe, um die von Wohlthätern gespendeten Portionen Wurst und Brot entgegenzunehmen, als plötzlich aus den auf den Hof gehenden Fenstern des rückwärts befindlichen Hauses ein förmliches Steinbombardement auf die Leute eröffnet wurde. Grosse Aufregung bemächtigte sich aller, zumal da sich unter den Attaquierten auch Frauen und Kinder befanden. Manchen gelang es, unter dem Hausthor Zuflucht zu finden, andere giengen auf die Gasse. Hier bildete sich eine grosse Menschenansammlung. Inzwischen begaben sich einige in der Nachbarschaft wohnende Leute in das Haus, woher die Steine geworfen worden waren, fanden jedoch die Gangfenster schon unbesetzt. Niemand wollte ihnen über die Person der Thäter Auskunft geben. Als sie wieder auf die Strasse traten, fanden sie die Polizeiwache damit beschäftigt, die angesammelte Menge zu zerstreuen. Die Auswanderer kehrten, nachdem Ruhe eingetreten war, in den Hof zurück. Eine Gruppe von über 500 Auswanderern in Budapest. Die grösste rumänische Auswanderergruppe, die bisher in Budapest gesehen wurde, war diejenige, die am 21. d. M. dort eintraf. Sie umfasste 5:>t> Personen. Verschiedene Wohlthätigkeitsvereine und Private nahmen sich der Unglücklichen liebreich an und sorgten für deren Verpflegung und Weiterbeförderung. Auf der Wiesenfläche bei Predeal. Rumänische Blätter berichten, dass seit circa zwei Wochen Glo jüdische Auswanderer auf der Wiesenfläche bei Predeal an der rumänisch-ungarischen Grenze ein förmliches Feldlager aufgeschlagen haben. Die ungarische Grenzbehörde hat ihnen nämlich die Passage der Grenze nicht gestattet, da sie nicht über die erforderlichen Geldmittel verfugen. In die Heimat wollen aber die Leute unter keinen Umständen zurückkehren, können dies auch nicht thun. da sie Emigrantenpässe haben. Nun campieren sie schon Ii Tage im Freien und wissen nicht aus, noch ein. Des Nachts suchen sie in 20—30 Zelten, die sie mit sich führen, Schutz.