Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 30 (27.7.1900)
- Article
- Ausblicke / -u.
- Date
- 1900-07-27
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 ,DIe 2$s Welt^ Nr. 30 Barbareien der Boxer mit Recht die grösste Entrüstung ausgedrückt wird. Bei all dem Elende, welches die Auswanderungen ans Tageslicht gebracht haben, kann man sich dennoch nicht verbergen, dass dieselben auch Erfreuliches zur Folge hatten. Heute gibt es wohl kaum noch einen vernünftigen Rumänen, der es mit seiner Vaterlandsliebe ernst nimmt, der nicht die Gefahr erkannt hätte, die in einer Fortsetzung der bisherigen antisemitischen Politik liegt. Man sieht heute allgemein ein, was bis nun nur ein eiziger rumänischer Staatsmann, nämlich P. P. Carp, begriffen und auch ausgesprochen hat, dass die jüdische Bevölkerung ein arbeitsames und nützliches Element bildet. Dass dieser P. P. Carp jetzt berufen wurde, eine Regierung zu bilden, welche an Stelle derjenigen, die in ihrer Mitte einen I s t r a t i beherbergte, treten soll, ist auch nicht so ohne weiters als von der Judenfrage unabhängiger Zufall zu betrachten. Neben der Geldfrage bildet nur noch die Judenfrage die jetzige Sorge der rumänischen Staatsmänner. Ob sie von der Regierung Carp gelöst werden wird, ist freilich sehr fraglich, jedenfalls aber bürgt die ganze Vergangenheit des Herrn Carp dafür, dass er sich in der Judenfrage nicht blind und taub stellen wird. Uebrigens würde eine solche Politik bei der jetzigen Agitation auch unmöglich sein. In gut unterrichteten Kreisen will man wissen, der erste Regierungsact des Herrn Carp werde die Judenfrage betreffen. Möglich ist es schon, aber man ist in Rumänien gewöhnt, in Judeusachen sehr skeptisch zu sein. Es heisst also : Abwarten. —u. Officiöse Verschleierung. Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht die „Frankfurter Zeitung" folgende sehr interessante Zuschrift : „Zufällig fiel mir die Nummer des officiösen Blattes „La Roumanie" aus Bukarest in die Hände, in welcher es den ausländischen Zeitungen auf die Artikel bezüglich der Lage der rumänischen Juden antwortet. Ich habe viele Jahre in Rumänien gelebt, kenne die Lage der dortigen Juden sehr gut und möchte nun einige Irrthümer des officiösen Blattes richtigstellen. Nach der „Roumanie" sollen 24 J u den in der letzten Session naturalisiert worden sein, während in Wirklichkeit nur zweien dieses hohe Glück zutheil geworden ist, nämlich dem Herrn Dr. G a s t e r, Secretär des Justizministers D i s e s c u, und Herrn Dr. Rosenthal, Secretär des Advocaten Cornea — eines einflussreichen Conservativen. Es wurden wohl noch andere naturalisiert, aber — getaufte Juden. Die rumänischen Minister, hohen Beamten und Professoren wetteifern förmlich miteinander, um die Zahl der zum Christenthum bekehrten Juden zu vermehren. So zählt der Minister Dr. I s t r a t i schon 34 Pathenkinder. Sodann behauptet „La Roumanie", dass 24 Percent der staatlich angestellten Aerzte Juden sind. Einst war dies vielleicht der Fall, aber schon seit mehreren Jahren gibt es in ganz Rumänien nur einige jüdische Aerzte in Staatsstellungen. Ueberhaupt wird ein jüdischer Arzt, der im Lande geboren ist, im Lande studiert hat und sein Doctordiplom von der rumänischen Facultät hat, nicht definitiv ernannt, sondern nur für eine bestimmte Zeit contractlich engagiert, aber trotz des Contractes kann er jederzeit von dem Präfecten ohne einen besonderen Grund des Dienstes entlassen werden. So entliess vor einigen Jahren der vielgenannte Präfect von Dorohoi, Moruzzi, drei Aerzte, nämlich Dr. A n g h e 1, Dr. Ornstein und Dr. H a l p e r n, obgleich sie ihren Dienst musterhaft versahen ^und ihre Contracte noch auf zwei Jahre lauteten. Derartige Entlassungen sind sehr häufig im Lande vorgekommen. — Ferner meint „La Roumanie", dass die Lage der rumänischen Juden sich nicht verschlimmert hätte — das ist schon wahr, denn schlechter kann sie nicht mehr sein!" Die auswandernden Frauen und Mädchen und die „Allianz". Vom literarischen Geselligkeits-Vereine jüdischer Mädchen „Moria" erhalten wir folgende Zuschrift: Unter den vielen tausenden rumänischen Flüchtlingen, die jetzt durch Europa ziehen, befinden sich auch zahlreiche Frauen und Mädchen. Sind schon die Männer, die in eine ungewisse Zukunft ohne alle Hilfsmittel hinausziehen müssen, sehr zu bedauern, so ist das in noch viel höherem Masse bei den Frauen, Mädchen und Kindern der Fall. Man braucht nur diese Jammergestalten, denen das physische und seelische Leid unauslöschbare Spuren ins Gesicht geprägt hat, anzusehen, um das Unglück dieser Armen zu ermessen. Und doch waren alle diese Mädchen und Frauen in der rumänischen Heimat fleissige Arbeiterinnen, die. oft nicht nur für sich, sondern auch für ihre Familien den Unterhalt erworben hatten. Nun müssen die regen Hände feiern. Alle Anstrengungen, irgendwelche Arbeit in Rumänien zu erhalten, scheiterten. Der Hunger und die brutalen Verfolgungen der rumänischen Behörden zwangen diese Armen, Rumänien zu verlassen. Auf ihrem Leidenszuge durch Oesterreich-Ungarn kommen die jüdischen Emigranten auch nach Wien. Hier werden sie von der »Israelitischen Allianz* in Empfang genommen. Die „Alliar.z" erhält von allen Seiten Gelder mit der ausdrücklichen Bestimmung der Spender, dass diese Summen zur Unterstützung und Weiterbeförderung der rumänischen Flüchtlinge verwendet werden sollen; doch wird den Ankömmlingen nicht in der hilfsbereiten Weise entgegengetreten, die man von einer solchen Corporation erwarten sollte. Zwar sorgt sie für Quartier und Verköstigung der Emigranten und auch für die Weiterbeförderung mehrerer Gruppen, aber die Hilfe wird diesen Leuten nicht geboten, wie es sich unglücklichen, arbeitsfähigen und arbeitswilligen Leuten gegenüber geziemt. So wie die „Allianz" es thut, behandelt man Professionsbettler, nicht aber Leute, denen man im Auftrage anderer, deren Mandatar man ist, eine ganz bestimmte Hilfe zutheil werden lassen soll. Es ist ja richtig, die Arbeit ist eine sehr grosse, und die Situation scheint der „Allianz" über den Kopf gewachsen zu sein. Das sollte sie aber bekennen und Kräfte heranziehen, die sie gerne unter den jetzigen Verhältnissen unterstützen möchten. Aehnliches hat sie bereits gethan. Die Art aber, wie sie diese Personen, respective Corporationen zu behandeln pflegt, ist nicht geeignet, ein Zusammenwirken mit der „Allianz" als gedeihlich erscheinen zu lassen. Das hat sich deutlich gezeigt, als eine Gruppe jüdischer Schneiderinnen aus Galatz in Wien anlangte. Die „Allianz" hatte unter anderen den Verein „Moria" aufgefordert, sie bei der Unterbringung und Versorgung dieser Emigranten zu unterstützen. Die Delegiertinnen dieses Vereines, die sich mit grossem Eifer der Sache annahmen und in allen Kreisen für die Versorgung dieser Gruppe Propaganda machten, mussten auf einmal zu ihrem Erstaunen erfahren, dass die „Allianz" diese Mädchen wieder nach Rumänien zurückschicken wolle, trotzdem denselben die Rückkehr nach Rumänien bei Strafe verboten ist, trotzdem sie erklärten, in Rumänien verhungern zu müssen, trotzdem sie schwuren, lieber alle den Tod in der Donau zu suchen, als diese „Hilfe" zu acceptieren. — Die Mädchen sind lauter qualificierte Arbeiterinnen und haben ihre letzten Habseligkeiten ^verkauft, um nur aus Rumänien entfliehen zu können. Sie sind gut organisiert und bilden eine Art Genossenschaft zur gegenseitigen Unterstützung und gemeinsamen Arbeit. Trotz aller Bemühungen der „Moria" und vieler anderer Leute will die „Allianz* von ihrem Vorhaben nicht abgehen. Das Aeusserste, was sie