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Die Welt · 1900-07-27 · 30 (27.7.1900) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
30 (27.7.1900)
Article
Was wir in London sehen sollen
Date
1900-07-27
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 30 „Die Welt«* Seite 3 Wendung bei der Hand, Palästina sei nicht imstande, alle Juden zu ernähren. Trägt die Haide von Hampstead alle die Thier- und Pflanzennahrung, deren die Millionen Londons täglich bedürfen? — Von allen Leckerbissen, die auf den Frühstückstisch des Londoners kommen, wächst kein einziges auf dem Haideboden von London; alle Zonen der Erde bestreben sich aber, ihre besten Erzeugnisse auf den Londoner Markt zu bringen. Amerika wetteifert mit Ungarn um die Gunst, die Millionen an der Themse mit Weissbrot zu versorgen; Indien sucht dem Reiche der Mitte als Theelieferant den Rang abzulaufen; Ceylon und der Congostaat suchen die Mokkabohnen zu verdrängen; die Normandie schickt in schnellen Schiffen die besten Producte ihrer Milchwirtschaft über den Canal. Und diese Liebenswürdigkeit der Lieferanten wird nicht durch Uebermacht erzwungen, sondern durch Arbeitskraft und Arbeitsfreudigkeit erkämpft. Stehen wir Juden den Engländern an Arbeitskraft nach? Das wird der Mattherzigste unter uns nicht behaupten. Oder fehlt es am Willen zur Arbeit? Jene Juden, die das behaupten, beurtheilen die grosse Mehrheit unseres Volkes entweder nach einigen schlechten Exemplaren oder nach sich; wir aber, die wir an unserem eigenen Leibe tagtäglich von neuem erfahren, dass der Jude das dreifache Mass an Arbeit, an geistiger oder leiblicher Arbeit, leisten muss, um den dritten Theil des Lebenslohnes zu erhalten, der dem Nichtjuden zufällt; wir, denen die übermenschlichen Kraftanstrengungen der jüdischen Massen bekannt sind, die wir mit eigenen Augen gesehen haben, wie ein galizischer Zwischenhändler bei jedem Wetter um drei Uhr nachts den Getreidewagen besteigt, um am Morgen den Jahrmarkt zu erreichen, wie er den ganzen Tag centnerschwere Getreidesäcke hebt und mit halbgefrorenen Fingern bindet, um nach der Sclavenarbeit einen lächerlich kleinen, nicht immer sicheren Gewinn, zu erzielen; wir, die wir die Erdarbeiter von Boryslaw und die Wasserträger von Tarnow gesehen haben, wir wissen, dass unsere jüdische Arbeitskraft, die jetzt an unwürdige, wertlose Kämpfe vergeudet wird, gross genug ist, um auf dem alten, eigenen Boden ein schöneres London zu schaffen.-- Eine zweite Londoner Sehenswürdigkeit, die wieder uns Juden weit mehr als alle anderen Reisenden angeht, findet man über alle armen Stadtviertel zerstreut. Es genügt aber vollkommen, ein Beispiel dieser merkwürdigen Einrichtung zu sehen. Eine kurze Fahit über die City hinaus bringt uns nach Toynbee Hall. Das rothe Gebäude mit dem schmalen Eingange hebt sich scharf ab von den Warenhäusern der lauten Umgebung. Der Hochsommer ist nicht besonders geeignet, die Bestimmung von Toynbee Hall vor Augen zu führen, denn es ist Ferienzeit; aber der stille Hof mit seinen grünen Wänden, der Salon, dessen Fenster offen stehen, die Bibliothek, die so ziemlich immer benützt wird, das Schachzimmer — diese Räume allein zeigen dem Besucher, dass er sich in einer Welt befindet, die sich zwar räumlich mitten in Whitechapel befindet, geistig aber von diesem armen Stadttheile so weit entfernt ist, wie die Universität Oxford von einem Hottentotten-Kraal in Südafrika. Was hat dieses akademische Gebäude in Whitechapel zu thun? Man lasse sich vom Secretär die Bestimmung der einzelnen Räume erklären und wird den Charakter des Ganzen erkennen. Die Reichen und Gebildeten suchen in Toynbee Hall den Armen und Unwissenden näher zu kommen. Junge Leute aus den besten Häusern siedeln sich mitten unter der Armut von Whitechapel an, um mit dem Volke Fühlung zu bekommen. Der Reichthum des Westens sucht die Armut des Ostens auf, weil er fühlt, dass die gesellschaftliche Ordnung der neuesten Zeit die Nation in zwei feindliche Lager getheilt hat, weil ihm der richtige Instinct sagt, dass dieser Riss schon jetzt zu einem unheilvollen Kastenwesen geführt hat und für die nächste Zukunft den Staat mit dem moralischen Untergange bedroht. Ein modernes Volk darf nicht in Heloten und Aristokraten zerfallen; England aber war auf dem besten Wege, diesen Zustand zu erreichen. Wir Juden schauen das schmucke Gebäude an, das die Lösung der socialen Frage in England anbahnen soll, und gedenken nicht ohne Scham der verachteten Klaus in der fernen, unwissenden Polackei. Die Juden des Ostens, auf die wir Europäer so selbstzufrieden herabsehen, die armen, altgläubigen Juden der Wunderrabbis und des endlosen, alleinseligmachenden Talmudstudiums, diese Leute haben lange vor Arnold Toynbee die Nothwendigkeit der Toynbee-Hallen erkannt und dieser Erkenntnis gemäss unzählige Toynbee-Hallen ins Leben gerufen. Ob Klaus oder Bet-ha-Midrasch oder Minyan — der Name ist gleichgiltig: im Wesen haben alle drei dieselbe Bestimmung und alle drei werden dieser Bestimmung gerecht. Wo es eine Klaus gibt, da gibt es keinen Unterschied zwischen Arm und Reich. Draussen, auf dem Markte, im Geschäftsladen mag der blinde Zufall herrschen, den Würdigen mit Armut schlagen, den Schlechten mit Reichthum überschütten — in der Klaus, in der Gott und seiner Lehre geweihten Stätte herrscht die menschliche Vernunft, welche die Missgriffe des Schicksals gutmacht, dort wird der Fromme geehrt, der Gelehrte bewundert, dort schätzt sich der Reiche glücklich, neben dem würdigen Armen einen Plaiz zu erhalten. Die gesellschaftliche Gleichstellung, die unter den hochcivilisierten Völkern eine Utopie geworden ist — die Juden des Ostens haben sie thatsächlich, ohne es vielleicht zu wissen. Und wir, die westlichen, die aufgeklärten Juden? Wir haben als gelehrige Schüler der Völker jeden Zusammenhang zwischen Armen und Reichen zerrissen, wir haben zwischen Sehwachen und Starken eine Mauer errichtet, damit die Klagen der Unglücklichen nicht etwa die Glücklichen in ihrem Behagen stören. Jüdische Brüderlichkeit? Jüdische Solidarität? Ja wohl, so lange man selbst arm ist und dieser Brüderlichkeit bedarf; sobald man in eine höhere Kaste hinaufsteigt, ist jede Berührung mit den Armen eine Befleckung. Indessen spielen die Söhne unserer Reichen Marx und Lassalle und gehen regelmässig nach London, um in Toynbee Hall die unblutige Lösung der socialen Frage zu studieren. Seht sie Euch an, die Toynbee Hall, Ihr Theilnehmer am Congresse, und denkt darüber nach, ob wir Juden gut daran gethan haben, vor lauter Bildungsdrang urtheilalos alle altjüdischen Einrichtungen zu zerstören. (Schluss folgt.) Assimilationsbestrebungen im Elsass. Von Dr. Elias (Mülhausen). Wenn irgendwo die Bedingungen für eine Assimilation günstig waren, so war es im Elsass seit der Zeit der Judenemancipation. Die jüdische Bevölkerung war Telativ gering, der Staat trat mit allen seinen Mitteln für eine Assimilation ein, das Bürgerthum schwärmte für Voltaire und Rosseau, das Volk schien die Ideen von Freiheit

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