Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 29 (20.7.1900)
- Article
- An der Klosterpforte
- Date
- 1900-07-20
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 ,Die 2& Welt1 Ni. 29 Er schüttelte den Kopf. „Hätten wir uns ganz orthodox gehalten, dann wäre der Vorwurf noch grösser gewesen. Die Zeit verlangt ihr Recht und nmss es bekommen. Wir Juden verlangen auch das Recht unserer Zeit, und wir kriegen's nichts. Wir können's machen, wie wir wollen, es nützt gar nichts, wir behalten Unrecht! — Ah!" er stand auf und reckte sich hoch empor. „Komm", mein Kind, komm'! Es passt sich nit, dass wir da noch länger sitzen, wie die Bettler. Noch lebt der alte Gott. Wir haben das unsere gethan, jetzt lass' alles andere seine Sorg* sein! Du hast recht, unser Kind ist gestorben — und wehe denen, die es umgebracht haben!" Er wendete sich mit dem Gesichte zum Kloster, hob die Arme hoch. — Der volle Mond goss sein Licht über ihn. In seinen Mienen zuckte es voll tiefen Wehs. Laut erklang es in die stille Nacht hinaus, in der Sprache des alten Testaments: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!" Beide wollten sie gehen. Eins sah auf das andere, und wie sie sich so anschauten, und jeder am Gesichte des anderen jene Verwüstung merkte, die schwerstes Leid nur zu bringen vermag, die Furchen noch vertieft durch das geisterhafte Licht des Mondes, da quoll aus dem Mitleid mit dem Lebensgefährten die Empfindung des eigenen Leids. Ein lautes Schluchzen erschütterte sie beide, und sie umfiengen sich ganz plötzlich, wie um Stütze zu bieten und zu begehren. ,.So ein süsses, schönes Kind soll man verlieren!" drang es stossweise durch das Weinen der Frau. „Und wenn sie's schon taufen, zurückgeben müssen sie 's doch, mir — mir, seiner Mutter! Ich hab's unter Schmerzen zur Welt gebracht, dreizehn Jahr' hab' ich's behüt* und geführt — mein Kind, mein Fleisch und Blut! Wie kann das nur sein? Lieber Schemuel, das kann doch nicht sein--- bloss weil wir Juden sind — bloss nur deswegen!" Der Mann und die Frau, die bisher mit den Polizisten verhandelt hatten, kamen näher. „Ich falle zu Füssen — gute Nacht!" riefen ihnen die Wächter nach. Der Mann war von gedrungener Gestalt, seine Kleidung gut städtisch, der blonde, in der Mitte getheilte Bart, das frisch geröthete, luftgebräunte Gesicht, sie unterschieden ihn von den übrigen Bewohnern dieser Stadt. Er sah trotzig nach der Klosterpforte, die Frau mit dem leidensvollen Gesicht sorgfältig stützend. „Na also, da bist Du nu!" redete der Mann seine Gefährtin an. „Fang" Du mir nur auch nich zu weinen an!•' Die Frau schüttelte den Kopf. „Ich möcht" sie doch nur 'n bisschen trösten, weisst Du, was 'ne Mutter ist, die kennt das. Und ich bin ja auch mal so dagestanden." „Na ja, aber wir haben's doch ganz anders getragen,- warf der Mann ein. Die Frau blickte wehmüthig zu ihm auf. Der Blick schien fast ein Vorwurf. Kanarienstein und seine Frau waren die Stufen herabgekommen : sie sahen fragend auf die beiden, die sie freundlich begrüssten. Sie sprachen deutsch mit gar seltsamer Betonung, die zwei. „Ich wollt' Ihnen nur sagen, dass Sie sich nicht weiter aufregen sollen," begann der Blonde. „Es hilft ja doch nichts. Ich hab's probiert, bin herumgelaufen von einem zum anderen — aber geholfen hat's nichts. Das Mädel haben wir nie wieder gesehen." Die Frau seufzte schmerzlich auf. „Aber Sie — Sie sind doch kein Jud?" fragte Kanarienstein zaghaft. „Nein, wir sind Protestanten — Protestanten, Evangelische, Lutherener." So suchte er den Juden das Verständnis für sein Bekenntnis zu erschliessen. „Aber Sie sind doch auch Christen; da macht's doch nichts! Ihr Kind war doch schon getauft!'- meinte Kanarienstein. „Glauben Sie, dass es uns weniger geschmerzt hat? Erstens sind wir stramme Protestanten aus einer Pastorenfarn ilie. Ich bin hergekommen und hab' ne Handelsgärtnerei errichtet, denn hier versteh'n sie ja nich mal, Kohlrüben zu pflanzen. Unsere Voreltern haben grosse Kriege geführt für ihren Glauben. Wir wollen nichts mit Rom zu thun haben. Aber von all dem is ja gar keine Rede. Das wär's ja nich — nur dass se mir das Kind festhalten und ich mein eigen Fleisch und Blut nich wiederseh'n soll im Leben — das, das können wir nich verwinden!" Kanarienstein sah auf die zwei voll Verwunderung. Also nicht nur den Juden geschah so schweres Leid — auch diesen hatte man das Kind genommen! Er konnte es nicht fassen, nicht verstehen. Seine Frau hatte auch nicht alles begriffen, doch sah sie mit wehmüthigem Blicke zu der deutschen Frau auf. aus deren Augen ihr so volles Mitgefühl entgegenleuchtete. ..Ein schönes, liebes Kind!" stöhnte sie. „Unseres war r.uch so schön und lieb und gebildet. Wir haben sie im Kloster französich lernen lassen. Und dann haben sie mir das Mädel behalten." Die Stimme zitterte vor verhaltenen Thränen. ..Na, nich weinen, Alte!" warnte der Mann. „Seh'n Se, meine Lieben, das hab' ich denen da drin nicht gegönnt — weinen vor solche hartherzige Menschen! Nee, die wissen ja nich, wie unsereinem zu Muthe is, die haben ja selber keine Kinder! Nee, das thut 'n rechter deutscher Mann nich — nee! Nich mal ein Weib!" Dabei drückte er den Arm seiner Frau, deren Brust bedenklich aufzuckte. „Nee, nieine Meinung hab' ich ihnen gesagt, ganz gehörig! Wissen Se, was ich ihnen gesagt hab'? Ein Fluch sind Se für das arme Land! hab' ich Ihnen gesagt. Zugrunde richten thun Sie's — weil ein Land ohne Gerechtigkeit nich existieren kann! So ein armes, ausgepresstes Land wie Galizien gibl's ja in ganz Europa nicht mehr! hab ich ihnen gesagt." Der Mann schwieg nun eine Weile. Dann fuhr er ruhiger fort: „Ich verkauf meine Gärtnerei und geh' heim, zurück nach Deutschland — weg, weg von hier. Denn seh'n Se, wenn ich hier bleib*, einmal paekt's mich doch undichvergess* mich und steh* vor dem Thor da. so wie Sie. — Nee — nee!" Er hob den Arm wie abwehrend gegen das Kloster. „Nee! Wir haben ja noch Kinder, die sollen hier nich erzogen wern." Wir geh'n heim, zurück. Dort wer'n wir's wohl vergessen — mit der Zeit." Seine Frau hatte sich abgewendet; sie wollte nicht sagen, dass eine Mutt r nio vergesse, nie vergessen könne. Sie reichte der Jüdin die Hau I. Sie sahen sich in die Augen — kein Woit wurde gesprochen und sie hatten sich doch alles gesagt. Auch die Männer nahmen Abschied. Kanarienstein leitete sachte seine Frau über den weiten Platz, wortlos-zogen sie durch die mondbeschienen, menschenleeren Strassen. Von den Thürmen meldeten sich wieder die Glocken. Zehn Uhr. Auch der Thürmer blies sein Stückel. Sie blieben stehen, wie um zu horchen, und es war doch nichts als der Wunsch, die Heimkehr zu verzögern. Immer langsamer wurde ihr Schritt, immer zagender die Bewegung. „Schemuel, mein Kind!" begann sie, als das Haus zu sehen war. „Der Deutsche hat recht: wenn man vergessen soll, muss man weg von hier — weit weg.'\ Gedankenvoll stimmte der Mann kopfnickend zu. „Recht hast Du, mein Kind'/* Eine Weile dachte er nach. „Er hat recht, der Deutsche, dass er zurückgeht — heim — nachhause. Wo aber sollen wir hingehen?" — - (.Beil. T.")