Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 29 (20.7.1900)
- Article
- Lieder eines Bekehrten
- Date
- 1900-07-20
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 29 „Die a£ Welt" Seite 13 Und wenn von Feindeshass verwundet Der Sohn in Eure Arme flieht, Am Mutterherzen auszuweinen Den tiefen Schmerz, der ihn durchzieht — Dann tröstet ihn mit weichen Worten Gleich einer guten Himmelsfee Und lindert seine Flut von Thrätien Und stillt sein namenloses Weh . . . Erzählet ihm von seinen Brüdern. Wie sie gelitien hart und schwer Und wieviel" heute noch vergiessen Dieselben Thränen — ach — wie er —! Lasst ihn im Glanz vergangener Zeiten Trost finden für die Gegenwart Und lasst ihn träumen von der Zukunft, Die so viel grosser Thaten harrt. Und fragt er Euch nach seiner Heimat Mit bangem, wehmuthsvollem Sinn — Dann. Mütter, weiset voll Begeist'rung Auf das verlorne Z i o n hin! Zu seinem heiTgen Vaterlande Flögst ihm die ganze Liebe ein . . . Sie soll fortan sein höchstes Fühlei>. Der Leitstern seines Lebens sein! Paris, Ende Mai l'.»00. Heinrich Grünau. An der Klosterpforte. Ein galizisches Zeitbild. Von H. York-Steiner. (Schluss.) Die Polizisten trieben die Leute energisch zurück. Sie giengen auch schliesslich. Was gab es denn noch zu sehen? Ein Jude und eine Jüdin, die zusammen vor der Klosterpforte hockten, die Frau in Tücher gehüllt, der Mann nach dem Monde blickend, fast unbeweglich. Nur manchmal fuhr er über die feuchte Wange. Er, der starke Mann. Sein Herz bebte ihm bei dem Gedanken, dass er seinem Kinde so nahe war — und es nicht sehen durfte. Er hatte sich erniedrigt und gefleht, als er endlich nach vielen Mühen und Aufregungen das Kloster betreten durfte. „Nur sehen will ich mein Kind, liebe, gute, einzige Klosterfrau, nur sehen — ich sterb' ja vor Sehnsucht!a Und sie hatte ihn getröstet. „Im Himmel sehen wir uns alle wieder," hatte sie gesagt. „Da werden Sie auch Ihr Kind sehen." Neben ihm hatten zwei kräftige Gendarmen gestanden mit Gewehren — und hinter einer von diesen Wänden sein Kind — und bei der Wand haben sie müssen stehen bleiben, alle, keiner hat sich vorgewagt. Das hatte er nicht begreifen können, diese geheimnisvolle, seltsame Macht, die ' alle natürlichen Bande löst und alle menschlichen Rechte aufhebt. Eine geheimnisvolle Mauer hielt sein Kind umfangen, und er ist dagegen angerannt, gegen diese unsichtbare Macht, und nun sass er da mit wüstem Haupte, krank an Leib und Seele. Er, Chajim Kanarienstein, sass auf offenem Markte und jettelte am das, was sein war — um sein Kind, und er bekam es nicht. Alle, alle, sprachen davon — alle verdammten die Räuber seines Kindes, und keiner konnte es zurückbringen — niemand! Seine Augen drangen fast aus ihren Höhlen, so sehr trieb sie die innere Erregung, als er diesen Gedanken zu Ende dachte. Aber er hielt an sich, er wollte seine arme Frau nicht noch mehr erschüttern. Wieder wischte er sich das bleiche Gesicht. Dann sprach er liebreich zu ihr. Die Männer seiner Begleitung standen im Gespräche mit zwei Herreti. Der eine, ein schmächtiger blonder Mann mit goldenem Kneifer, machte einige Notizen, dann empfahl er sich. Im Gehen sagte er zu seinem Begleiter: „Ich bitte Sie, es hat eigentlich gar keinen Zweck. Seit einem Monat füttere ich alle Blätter mit dem Fall Kanarienstein : erst die Nachrieht vom Verschwinden der Sarah, dann die muthma^slichen Gründe, Einschreiten der Behörde, Deputation an den Minister, Interpellation im Reichsrathe, Durchsuchung des Klosters — es liest's kein Mensch mehr. Schliesslich, die Fälle verlaufen alle gleich bei uns : erst grosse Aufregung, Depeschen nach Wien, von da in alle Welt. Wenn man's zusammenrechnet, kosten sie Hunderttausende, diese Nachrichten. Die Folge: grosse Entrüstung, von Krakau bis San Francisco, lange Leitartikel voll schöner Sentenzen über Rechtsbruch und Rechtlosigkeit. Staat im Staate u. s. w. — dann nach einigen Wochen Achselzucken auf allen Linien — nicht eiumal eine Notiz mehr. Ja, wenn es einen Krawall gegeben hätte, ausgerücktes Militär, eingeschlagene Fenster, dass hätte die Sache noch einigermassen interessant gemacht — aber so! Bloss das verletzte Recht — Du lieber Gott! — Ich kann mich schliesslich auch nicht zu sehr exponieren — Du weisst ja: „Qui mange du Pape en meurt!" Die Begleiter Kanariensteins sahen, dass der Platz leer wurde, und dass der Judenheit keine Gefahr mehr drohe. Sie gaben de7n Ehepaare noch einige Verhaltungsmassregeln und giengen dann auch ihrer Wege, die Augen vor dem Crucifix scheu niederschlagend. Der Platz ward nun ganz menschenleer. Nur in der Ecke hinter dem Chor der Kirche standen die Polizisten im Gespräche mit einem Manne und einer Frau. Der Mond war hochgezogen und sandte sein ruhiges, kaltes Licht hernieder. Die Luft wurde immer kühler, je heller das Licht erstrahlte. Frau Kanarienstein hüllte sich fester in ihre Tücher. Ein Schauer zog durch ihren Körper. In der grossen Spannung ihres Empfindens, da hatte sie es nicht gefühlt, was von aussen in sie kam — nun fror sie. „Es ist kalt, mein Kind!" mahnte der Mann. „Es ist kalt! Du kannst doch nicht die ganze Nacht da bleiben!~ Sie nickte. Sie hatte sich gefasst und versuchte, ruhig zu sprechen. Diese Ruhe aber, sie wirkte erschütternder als ihr aufgeregter Schmerz. ,,Ich will nur ein bissei hier sitzen, Schemuel, ein bissei. Denk* Dir, wir sitzen am Grab von unser Kind!" Eine Weile hielt sie inne, betroffen von dem, was sie gesagt hatte. Sie fasste sich und sprach weiter: „Denn einmal muss es doch aufhören für mich, zu leben. Jeden Tag warten und jede Stund" zittern, dass ich se wiederselm wer", mein Kind, und dann kommt's doch doch nit — kommt nie nit, das halt" ich ja nit aus. Gestorben is se, mein Kind! Morgen setzen wir uns hin, die sieben Trauertag* zu halten.- Das traf den Mann bis zur Erschütterung. Er hatte ja noch immer gehofft, irgendwo Hilfe zu finden, man durfte es doch nicht zugeben, meinte er, dass den Eltern ein Kind genommen werde, genommen gegen Gesetz und Recht. Sie sagten freilich, sie wäre gutwillig gekommen, es behagte ihr nicht in der Enge der kleinen Verhältnisse, und das orthodoxe Judenthum sei ihr beschwerlich gewesen. Aber warum konnte er sein Kind nicht sprechen, um zu hören, was ihr eigener Wille sei? Und was ihr vorgeredet worden war, in was man sie hineingesetzt hatte? Manchmal meinte er, das Reich müsse zusammenstürzen, weil sein tiefstem Fundament, die Gerechtigkeit, ins Wanken gekommen sei. Es geschah aber gar nichts, kein äusseres Zeichen verrieth den inneren Bruch — die Welt gieng ihres Weges über die gebrochenen Herzen eines Vaters und einer Mutter. Sein Kind lebendig todt! — Nun schluchzte er tief auf. dass die Frau emporschaute aus ihrer Vermummung. Das war noch schwerer als alles andere — ihren Mann weinen sehen! Ihn, der bisher selbst das Schwerste mit Gelassenheit zu tragen versucht hatte! Sie nahm seine Hand um! streichelte sie sanft. „Sei ruhig, Schemuel, Gott hat's so gewollt! Vielleicht haben die Leut' recht, vielleicht ist's eine Straf, weil wir nicht gar so fromm gewesen sein." Sie sah fast anglich auf seinen halbmodischen Rock.