Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 29 (20.7.1900)
- Article
- Paris / H. G.
- Date
- 1900-07-20
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 ,Die Welt4* Nr. 29 ein Nachtquartier oder auch etwas Nahrung schenkt. Aber neben derartigen tröstlichen Schauspielen allgemein humaner Theilnahme. welcher Anblick wird uns von Seite unserer eigenen Stammesgenossen geboten? In wahrhaft ergreifender Weise schildert hier der Redner die unglaublichen Vorgänge in Stanislau, die nicht genug scharf gerichtet werden können. Leider stehe dieser beschämende Fall nicht vereinzelt da. In würdiger Weise reihen sich ihm andere an: Die Intervention des jüdischen Reichsraths-Abgeordneten in Budapest, welcher den Antrag gestellt hat. den auswandernden Juden die ungarische Grenze zu verschliessen, der „rührende" Empfang, der den Emigranten von Seite der jüdischen Cultusgemeinde in Wien zutheil wurde, wo sich bekanntlich die christlichen Schiffahrtsbeamten der Hilflosen annehmen musstec — oder schliesslich auch die Aufnahme in London, wo einige .wohlthätigc" Juden von keinem sehnlicheren Wunsche beseelt waren, als die Unglücklichen nach Rumänien zurückzubefördern". . . Manche unserer Gegner gehen sogar so weit, dass sie die Schuld der jüdischen Auswanderung direct dem Zionismus zuschieben. Sie sagen: „Diese Katastrophe ist Euer Werk. Denn Ihr habt in der Seele dieser Unglücklichen das Gefühl menschlicher Würde angefacht. Ihr habt in der Seele dieser Ahnungslosen den Gedanken der Selbstbefreiung genährt!" Nun, einem solchem Vorwurfe gegenüber könne selbst der Ruhigste sein kühles BJut nicht bewahren, und wie ein Schrei der Empörung kam es aus dem Munde Dr. N o r d a u s : ..Elende! Wisst Ihr denn nicht, dass Ihr uns mit Eurer Beschuldigung das herrlichste Lob spendet? Ja, es ist wahr, und wir rühmen uns dessen: Wir haben in der Seele des Juden den Drang nach Freiheit geweckt, wir haben in ihm das Gefühl der menschlichen Würde wachgerufen, wir haben ihn aufgerüttelt zu neuer Schaffenslust, und ihn gelehrt, zu kämpfen für sein Volk und seine Zukunft!" Ein rauschender Applaus folgte diesen voll zitternder Erregung hervorgebrachten Worten. -Die Schaffung einer moralischen Einheit des Judenthums, die Wiederherstellung eines starken Solidaritätsgefühls und die Aufrechterhaltung einer zielbewussten Organisation, das sind für den Augenblick die wichtigsten Factoren, deren Mangel unsere rumänischen Brüder leider so schwer zu büssen haben!" Mit diesen Worten, die in der Zuhörerschaft einen mächtigen Eindruck hinterliessen, schloss Dr. Nordau seinen überaus glänzenden Vortrag. H. G. Havre, 29. Juni. Dieser Tage ist eine Anzahl von russisch-jüdischen Auswanderern auf dem Wege nach Moisesville, einer der argentinischen Colonien der Ica hier eingetroffen. Es waren 214 Erwachsene, :-)'.) Kinder von S —12 Jahren, 73 von 3—S und 3(5 unter 3 Jahren. Die Leute kamen von Libau auf einem dänischen Dampfer und gehen auf einem französischen Schiffe nach Buenos Ayres weiter. Algier, 21). Juni. Die erste Kammer des hiesigen Civilgerichtes hat die Entscheidung gefällt, dass die städtischen Gemeinden von Algier und Mustapha für die Verluste solidarisch haftbar sind, welche den jüdischen Einwohnern durch die Excesse der Antisemiten erwachsen sind. Für den enormen Verlust freilich, der ihnen durch den Boycott seitens der verhetzten Bevölkerung zugefügt wird, kann niemand aulkommen. Capstadt. Ein jüdischer Luftschiffer, Michaels, verunglückte neulich indem er beim Aufstiege mitsammt dem Fallschirme in das Molteno-Reservoir stürzte, welches Capstadt zum grössten Theile mit Wasser versorgt. BeitscbFifteoFUpdscbau. Marranen des Zionismus. Unter dem Titel „Falsche Propheten" veröffentlicht die „Ungarische Wochenschrift" in ihrer Nr. 14 vom 5. d. M. einen sehr beachtenswerten Artikel aus der Feder unseres Gesinnungsgenossen S. Bettel heim in Pressburg. Der Artikelschreiber beschäftigt sich in eingehender Weise mit der Haltung der ungarischen Judenheit gegenüber dem Zionismus. Hier einiges von den Bettelheim'schen Ausführungen : „Die Orthodoxie ihrerseits, hätte man glauben sollen, müsste in dem Zionismus einen willkommenen Bundesgenossen in dem Kampfe gegen die von ihnen beiden gleich verabscheute Assimilationsbestrebung begrüssen. Weit gefehlt! In der Weltabgeschlossenheit ist der an den engen Horizont des Gemeindelebens gewöhnte Blick der Orthodoxie kurzsichtig geworden. Sie erkennt den nahenden Freund nicht und streckt ihm, misstrauisch abwehrend, beide Hände entgegen. Doch können wir sicher sein, dass die Orthodoxie uns bei näherer Bekanntschaft ihre Dienste anbieten wird. Bei der felsenfesten Treue und Aufopferungsfähigkeit derStrenggläubigen wird dies eine wertvolle Eroberung sein. Besser weiss aber die assimilationssüchtige Neologie die für sie lebensgefahrliche Bedeutung der zionistischen Idee zu würdigen. Mit der Wuth, wie sie der struggle for life eingibt, fielen ihre Organe über den ersten Befürworter der zionistischen Sache her. Sie denuncierten Zionismus und Patriotismus als einen Incompatibilitätsfall. Damit hatten sie richtig en eicht, dass feinsinnige Naturen, angewidert von ihrem brutalen Terrorismus, es vermieden, ihre zionistische Gesinnung in der OefTentlichkeit laut werden zu lassen. Und solche Marranen des Zionismus gibt es in Budapester Intelligenzkreisen gar viele." Feuilleton. Lieder eines Bekehrten. XI. Den jüdischen Müttern! Beseelt vom glühenden Freiheitsdrange, Den tausendjährige Knechtung schuf. Ergeht an Euch, o jüdische Mütter, Mein lauter, hilfeflehender Ruf! In Eure liebevollen Herzen, In Euren heiligen Mutterschoss, Leg' ich voll endlosen Vertrauens Des ganzen Volkes künftiges Los. Ihr seid die lichtverklärte Hoffnung, Drauf Israel seine Zukunft baut — Zu Euch empor, Ihr Leidensmütter, Erwartungsvoll mein Auge schaut. O seht, uns Juden hält umschlungen Ein inniges Familienband, Und alle Kinder unseres Stammes Sind sich wie Brüder anverwandt. Denn alle sind wir gleich verachtet, Und alle sind wir gleich gehasst, Und alle sind wir gleich gemieden, Und schleppen all' die. gleiche Last . . . Und so wie unsere Seelentiefe Von einem grossen Leid durchbebt, Ist auch das Schicksal Eurer Kinder Mit dem des Volkes fest verwebt. Drum, Mütter, lehret Eure Kleinen, Voll Mitgefühl und Zärtlichheit Den Bruder in sein Herz zu schliessen, Ihm beizustehen jederzeit: Lehrt Euren Sohn, mit Stolz zu tragen, Mit kühnem, unerschrock'nem Muth Den argverhöhnten, vielgeschmähten Und ehrenvollen Namen „Jud""! Lehrt ihn, voll opferfreud'gen Sinnes Dem Wohl des Volks sein Blut zu weih'n, Lehrt, Mütter, ihn, was es bedeutet, Ein Kämpfer und Märtyrer sein!