Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 29 (20.7.1900)
- Article
- Wien [Nachricht]
- Date
- 1900-07-20
- Page
- 11 (sequence 1)
- Language
- German
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JNr. SJ9 „Die o Welt" Seile II Correspondenzen. Wien. Ein auf den Namen Marcu Z i c 1 e r aus B r a i 1 a lautender rumänischer Emigrantenpass, der seinem Inhaber in Verlust gerathen ist, befindet sich im Besitze des Congress-Bureäus. Der Verlustträger kann den Pass im Secretariate des Actions-Comites, IX., Türkenstrasse beheben. Wien. Durch eine Sammlung der Mitglieder des literarischen Geselligkeits-Vereines jüdischer Mädchen „Moria" kamen für die jüdischen Auswanderer aus Rumänien von einer Tischgesellschaft des Herrn Daniel Löwy Kronen und durch die einzelnen Mitglieder des Vereines bisher 43-30 Kronen, sowie Wäsche und Kleidungsstücke, dem Vereine zu, welche durch die Präsidentin ihrem Zwecke zugeführt worden sind. Hierfür sagt der Verein allen Spendern besten Dank. Olmütz. Donnerstag den 5. 1. M. fand hier ein vom Vereine „Zion" in Olmütz zugunsten der heimatlos gewordenen rumänischen Juden veranstaltetes Gartenfest statt. Wir können mit Freude einen ansehnlichen Reingewinn verzeichnen. Unsere jüdischen Gäste gaben gerne, und selbst viele, die sonst mit dem Kreuzer zu rechnen gezwungen und gewöhnt sind, leisteten aus eigenem Antriebe und freudig Ueberzahlungen zugunsten der armen Brüder. Wir hatten auch ziemlich viele arische Besucher, die durch ihr Erscheinen bei dem von uns veranstalteten Feste für arme Juden einen Beweis der Sympathien gaben, deren sich unsere Bestrebungen bei der christlichen Welt erfreuen. Nicht anwesend waren natürlich viele Ausnahmsjuden, viele Auserwählte des auserwählten Volkes. Die Einladung war an alle Menschenfreunde gerichtet. Graz. (EineErklärung derGrazer Studentenschaft.) Die hiesige deutsche Studentenschaft hat im „Grazer Tagblatt" eine Erklärung veröffentlicht, in der sie sich mit den Corporationen der Innsbrucker Universität in Angelegenheit, der Berufung des jüdischen Professors B ä r nh e i m e r solidarisch erklärt. Die Grazer Studentenschaft spricht insbesondere ihr Bedauern darüber aus, dass der von Innsbruck nach Graz berufene Dr. D immer sich für die Ernennung des Prof. Bärnheimer eingesetzt habe, und erklärt, die deutsche Studentenschaft könne deshalb dem Professor D i m m e r nicht jenes Mass von Vertrauen und Hochachtung entgegenbringen, welches die Voraussetzung eines gedeihlichen gemeinsamen Wirkens sei. Berlin. Gegen die clerieale „Germania", welche sich an der antisemitischen Hetze aus Anlass des Konitzer Mordes eifrigst betheiligt und namentlich immer wieder behauptet hatte, die Justizbehörden thäten den Juden zuliebe nicht ihre Pflicht, ist wegen zweier Artikel über den Konitzer Mord seitens des Ober-Staatsanwalts Wulff in Marienwerder ein Strafantrag gestellt worden. — Der Berliner „Montags-Zeitung" wird aus Könitz gemeldet: Gegen die antisemitische Berliner „Staatsbürger-Zeitung" und ihre Mitarbeiter ist ein Strafverfahren wegen Aufreizung zum Classenhasse eingeleitet worden, nachdem zahlreiche Juden sich mit einer Beschwerde an den Minister des Innern gewendet hatten. Die kürzlich in der Redaction der „Staatsbürger-Zeitungvon der politischen Polizei vorgenommene Hausdurchsuchung steht damit im Zusammenhange. In Anklagezustand sollen versetzt werden der Verleger Wilhelm B r u h n und der Bürgermeister a. D. Zimmer, von denen die für aufreizend erachteten Artikel geschrieben worden sind. Schlochau (Westpreussen). Der Landrathamts-Verwalter des Kreises Schlochau, Herr v. Mach, hat im „Kreisblatte " folgende Bekanntmachung erlassen: „Die aus Anlass des Konitzer Mordes immer weiter um sich greifenden Ausschreitungen haben in den letzten Wochen in unseren Nachbarkreisen theilweise einen so bedrohlichen Charakter angenommen, dass neben der Heranziehung der bewaffneten Macht, wie sie in Könitz stattgefunden, der Herr Minister des Innern sich veranlasst gesehen hat. die Gendarmeriemannschaften der betreffenden Kreise erheblich zu vermehren. Auch in den Kreis Schlochau sind auswärtige Gendarmen commandiert worden, nicht etwa aus Anlass ernsterer Excesse, sondern in der Absicht, die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung für die Zukuufi zu gewährleisten. Ich spreche an dieser Stelle öffentlich das Vertrauen aus, dass das Einschreiten der Gendarmerie im Kreise Schlochau nicht erforderlich werden wird, und richte an alle besonnenen, friedliebenden Kreiseingesessenen die dringende Bitte, sich nutzloser Krawalle und Ausschreitungen gegen die Juden zu enthalten und an ihrem Theile dazu beizutragen, dass unser Kreis Schlochau mit gutem Beispiele vorangehe, die in weiteren Theilen '1er Provinz Westpreussen und Pommern gefährdete öffentliche Ruhe und Ordnung in vollem Umfange wieder herzustellen. Ich sichere meinen Dank jedem zu, der an seinem Theil zur Erfüllung dieser Bitte beiträgt. - Schlawe (Pommern), iU. Juni. Nachdem gestern das Militär zum Manöver ausgerückt war, begann der Pöbel sofort gegen die Juden loszuziehen. Sämmtliche Schaufenster der jüdischen Geschäftsläden und zahlreiche Scheiben in jüdischen Häusern wurden unter Hepp-Hepp-Rufen zertrümmert. Der angerichtete Schaden wird auf 1000 Mark geschätzt. Königsberg. Die angesehensten hiesigen Bürger haben sich mit der Bitte an die Regierung gewendet, keine weiteren Ausweisungsbefehle über russische Juden in Königsberg zu verhängen: sie betheuern. dass dieselben hochachtbare Leute sind, die den Handel in der Stadt fördern und mit wohlthätigen Spenden nicht nur ihre Glaubensgenossen, sondern auch nichtjüdische Anstalten bedenken. Paris. (Eine Conference von DoctorMax N o r d a u.) Am 30. Juni vereinigte der Verein „Mebassereth Zion* im „Cafe du Globe" zu Paris ein überaus zahlreiches und erlesenes Publicum zu einem Vortragsabend, der einen glänzenden Verlauf nahm. Die Sitzung wurde von Doctor Alexander Marmorek eröffnet, der die kritische Lage der rumänischen Emigranten schilderte und zur thatkräftigen Mitarbeit am gemeinsamen Befreiungswerke jeden einzelnen Juden aufforderte. Nach einer kurzen Pause nahm Dr. Max Nor da u das Wort. „Die unmittelbaren Aufgaben des Zionismus" lautete das Thema, das unser geliebter Meister diesmal gewählt hat und dessen Ausführung die gesammte Zuhörerschaft mächtig gefesselt hielt. Der Redner begann mit der Schilderung der furchtbaren Katastrophe, die über unsere Brüder in Rumänien mit ungestümer Gewalt hereingebrochen ist. Zweihundertfünfzig- bis dreihunderttausend Seelen konnten sich gestern noch in der Illusion wiegen, ein — wenn auch nicht festes und sicheres, aber immerhin Schutz und Obdach bietendes — Heim zu besitzen! Und mit einemmale bricht es wie Donnerschlag über sie herein. Der Boden schwindet unter ihren Füssen. Sie fühlen sich gepackt von einer dämonischen Faust, die sie zurückschleudert über die Grenzen des Landes, in dem sie geboren sind! Angesichts einer solch schrecklichen Katastrophe wirft nun der Redner die Frage auf, welches im allgemeinen die Haltung des Judenthums sei? Und ach, vor seinen Augen entrollen sich Bilder, die ihm gleich Schreckphantoraen den Schlaf seiner Nächte trüben. Die rumänischen Juden, zum Hungertode verurtheilt, verlassen das Land zu Fuss. In jammervollen Scharen streifen sie dahin, von Land zu Land, hinaus insUngewisse.DiesertraurigeZugheimatloserWanderer sei derart erschütternd, dass sogar die christliche Bevölkerung ihm überall, wo er hinkommt, mit dem Ausdrucke tiefsten Mitleids nachblickt, und den Heimatlosen mitunter