Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 29 (20.7.1900)
- Article
- Aus dem Kloster der Felicianerinnen in Krakau
- Date
- 1900-07-20
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 1U „Die o Welt" Nr. 29 licher Mädchen, die von den Felicianerinnen an blutarme Handwerker, die kaum das tägliche Brot verdienen, verheiratet wurden." Weiters erzählte der junge Mann: „Eltern werden zu ihren Kindern nicht vorgelassen. Geschwister dagegen ja. Ich fand deshalb bei meiner Schwester ziemlich leicht Zutritt, als ich si« besuchen wollte. Zuerst musste ich mich bei der Oberin melden, die mich sehr salbungsvoll ompfieng und Thränen über mein Ketzerthum zu weinen begann. „E i 1 e n S i e," rief sie mir händeringend zu, „eilen Sic, so sehr Sie können und retten Sie Ihr Seele 11 heil wie eslhre brave Schwester bereits mit der Hille des Herrn begonnen." Da ich aber auf ihren Wunsch nicht eingieng, rieth sie mir, wenigstens zu Gott zu beten, dass er mich erleuchte. Darauf wurde ich zu meiner Schwester geführt. Bei unserer Unterredung blieb eine Nonne fortwährend an der Seite meiner Schwester und verhindere dadurch, dass diese sich etwa beklage. Die Mädchen, die ich im Klostergarten mehr herumschleichen denn gehen sah, waren alle abgehärmt und krank. Es ist dies kein Wunder, denn sie kommen nur einmal des Tages in die Luft und erhalten die kärglichste Kost: um 6 Uhr früh ein Glas Milch — natürlich nachdem sie vorher eine Stunde gebetet haben — dann arbeiten sie bis 12 Uhr. Das Mittagessen ist mehr als kärglich: es besieht grösstentheils nur aus Gemüse und Brot. Bis zwei Uhr wird gebetet und soikuin bis zum Abend Wäsche gewaschen. Das Nachtmahl besteht wieder aus einem Glase Milch und einem Stück Brot. So leben oder siechen vielmehr die Mädchen dahin, bis die Nonnen sich überzeugt haben, dass sie fromm genug sind, um an einen Schwachkopf verheiratet oder einem Pfaffen als Wirtschafterinnen zugestellt zu werden." Zur Gutenberg-Feier. Aulässlich der Gutenberg-Festlichkeiten, welche in der abgelaufenen Woche stattgefunden haben, möge auf folgende Talmudstelle hingewiesen werden. Im Tractat Joma 38a berichtet die Mischnah von einem gewissen B a r - K a m z a r tadelnd, dass er eine in der Schreibkunst gemachte Erfindung nicht mittheilen wollte. Der Talmud fügt ergänzend hinzu, Bar-Kamzar habe a»i seinen fünf Fingern vier Federn befestigt und dasTetragrammaton, den vierbuchstabigen Gottesnamen, in einem Zuge niedergeschrieben. Sollte in B a r -K a m z a r vielleicht schon die Idee gedäinmeit haben, die Gutenberg auf die beweglichen Buchstaben geführt hat V In diesem Falle würde sich das Kunststück Bar-Kamzars, das seinerzeit so grosse Bewunderung erregte, auf die einfachste Art erklären lassen, ohne dass man an eine kaum fassbare Fingerfertigkeit denken müsste. Die vierStifre des B ar -Kamzar waren nämlich nichts anderes, als Stäbchen in der Form von Federn, an deren unterer Fläche ein erhabenes Buchstabonbild, genau so wie bei unseren Drucktypen, eingeschnitten war. Wahrscheinlich besass B a r - K a m z a r für jeden Buchstaben des Alphabets einen oder mehrere solcher Stifte und er hatte, um ein beliebiges vierbuchstabiges Wort auf einmal zu fixieren, nur die betreffenden Typen, die an der Buchstabenfläche mit einer Farbe bestrichen waren, zu gebrauchen. L. W. Gabriele d'Annunzio, der vielgenannte italienische Dichter, ist bekanntlich unter die Politiker gegangen, hat sich zum Deputierten wählen lassen und binnen wenigen Monaten seinen Uebertritt von der conservativen Gruppe zur äussersten Linken vollzogen. Er hat sich auch eifrig an der im italienischen Parlamente zuletzt betriebenen Obstruction betheiligt, und da die Mehrzahl der jüdischen Deputierten auf Seiten der Regierung standen, und besonders der von Juden abstammende Sydney S o n n i n o eine Stütze der Regierung war, so predigt d'Annunzio jetzt eifrig den Antisemitismus. „Corriere Israelitico" bringt die Belege aus d'Annunzios jüngsten Schriften. Es ist von traurigem Interesse, zu beobachten, wie auch in einer der letzten, von den Assimilations - Anhängern vielberufenen Oasen der „Gleichheit" der Antisemitismus an die Oberfläche kommt. Ein Luzzatto-Gedenkbuch. Der 22. August d. J. ist der 100. Geburtstag des grossen jüdischen Gelehrten Samuel David Luzzatto, der sich um die Ausgestaltung der modernen Wissenschaft des Judenthums unvergängliche Verdienste erworben hat. Aus diesem Anlasse wird der geschäftsführende Ausschuss des Verbandes der jüdischen Literatur-Vereine in Berlin ein Luzzatto-Gedenkbuch herausgeben, das verschiedene Beiträge namhafter Gelehrter, wie Bacher. Berliner, Braun, Bentfeld. Kayserling etc., enthalten wird. Die nöthigen Mittel zur Bestreitung der Kosten dieser Publication werden die grösseren Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland aufbringen. Jüdische Kunst. Mit grossem Interesse verfolgt man in Bei liner Kunstkreisen die Thätigkeit des decorativen Malers und Zeichners E. M. Lilien, eines treuen Gesinnungsgenossen, welcher, in der von der Secession eingeschlagenen Richtung fassend, die Auswüchse der secessionistischen Phantasie vermeidet und zu einem edleren, modernen Stil zu gelangen bestrebt ist. Ein weites Bethätigungsfeld findet die Phantasie des Künstlers in der Ausschmückung einer Gedichtesammlung des Freih.v. Münchhausen, welche der Geschichte, den Bräuchen und den Idealen des Judenthums gewidmet sind. Für diese neuen „hebräischen Melodien", die ein hannoverscher Verleger im Laufe des Winters zu veröffentlichen gedenkt, entwirft .Lilien zahlreiche stilvolle Seitenumrahmungen in Folioformat und eine Reihe von Textillustrationen, Vignetten etc. Er findet hier Gelegenheit, neben den Gebilden seiner eigenen Phantasie die schönsten Motive, mit denen die jüdischen Handschriften-Copisten des Mittelalters ihre in der Londoner und Wiener Bibliothek aufbewahrten Arbeiten geschmückt, für die moderne Decorationskunst zu verwenden. Von überraschender Wirkung ist eine von Lilien ersonnene Titelschrift: lateinische Buchstaben, die aber so geformt sind, dass sie fürs Auge ganz den Charakter der hebräischen Quadratdruckschrift gewinnen. Ein scandalöser Vorfall, der sich am 20. Jänner d. J. in der Synagoge zu Berlin, Schwedterstrasse, abgespielt hatte, beschäftigte am 3. d. M. das Schöffengericht. Der Kaufmann Simon B e e r w a 1 d hatte nämlich den Rabbiner Doctor T i 1 1 w a n g e r in seiner Predigt unterbrochen, indem er ihm zurief: „Schweigen Sie! Es wäre gut, wenn man Ihnen den Laufpass gäbe!" Ein anderer Zwischenrufer, der bis jetzt nicht eruiert werden konnte, schrie: „Gehen Sie nach Galizien zurück und handeln Sie dort mit Eiern!" Beerwald rechtfertigte sich, indem er angab, er habe Grund zu der Annahme gehabt, dass die Predigt des Rabbiners direct auf ihn gemünzt gewesen sei. Der Staatsanwalt beantragte 2<X) M. Geldstrafe. Der Anwalt des Rabbiners stellte den Antrag, das Schöffengericht möge sich als incompetent erklären und den Act an das Landgericht abtreten, da zweifellos Religionsstörung vorliege. Der Gerichtshof wies dieses Begehren mit der Begründung ab, dass die Gebetsübungen in der betreffenden kleinen Synagoge nicht als öffentlicher Gottesdienst angesehen werden können, und verurtheilte Beerwald wegen Ehrenbeleidigung zu 200 M. Geldstrafe. Der Wochenbericht der Wiener israelitischen Cultusgemeinde für die Zeit vom 24. bis zum 30. Juni 1900 weist 54 Geburten, 10 Trauungen und 45 Sterbefälle auf. Personalnachricht. Unser Gesinnungsgenosse Herr Doctor Rudolf Schauer in Mainz hat sich mit Frl. Ella Naschauer aus Wien verlobt. — Unser Gesinnungsgenosse Herr Doctor Noe Davidsohn in Warschau, Präses der akademischen Verbindung „Safrus", hat sich mit Frl. Regine Ettinger verlobt.