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Die Welt · 1900-07-20 · 29 (20.7.1900) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
29 (20.7.1900)
Article
Von den Leiden der Auswanderer
Date
1900-07-20
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 29 ,Die $l Welt" Seite 7 ebenfalls über die brutale und herzlose Behandlung, die ihnen auf dem Schiffe zutheil wurde. Die Auswanderer in Pressburg. Unser Gesinnungsgenosse, Herr Rabbiner Dr. Samuel Funk aus Pressburg, theilt uns mit: Mit dem am 16. Juli aus Budapest eingetroffenen Dampfer waren 360 jüdische Emigranten in Pressburg angekommen, welche von den zu ihrem Empfange herbeigeeilten Stammesgenossen reichlich unterstützt und bewirtet wurden. Einige Mitglieder meiner Gemeinde begleiteten"' die Bedauernswerten unter meiner Führung nach Wien, um auch hier den armen Auswanderern an die Hand zu gehen und sich für sie bei der „Israelitischen Allianz" zu verwenden. In Pressburg übergab mir Herr Schiffscapitän G 1 o s z für die Auswanderer 25 fl., die ihm von der jüdischen Gemeinde in Waitzen zur späteren Vertheilung eingehändigt worden waren. Herr Gl osz benahm sich den Auswanderern gegenüber in wahrhaft menschenfreundlicher Weise. Zwei erkrankten Frauen stellte er eine ganze Kajütcn-Abtheilung zur Verfügung. Auch sonst kam er den Unglücklichen in jeder Weise entgegen. Eine Gruppe von 300 Auswanderern in Wien. Samstag, den 7. d. M. abends, ist auf dem Donau-Qai eine grosse Zahl rumänischer Auswanderer angekommen, einer der stärksten Trupps zu Schiff auf der Donau, der bis jetzt hier eingetroffen ist. Noch in keiner Gruppe, berichtet die „N. Fr. Pr.", war so viel Elend und Jammer zusammengehäuft wie unter den heutigen Ankömmlingen. Es sind mehr als 300 Personen, darunter sehr viele Frauen und kleine Kinder, die in ihren dünnen, fadenscheinigen Kleidchen einen erbarmungswürdigen Anblick gewähreu. Unter diesen kleinen Wesen sind noch viele Säuglinge. Wenn man diese Kinder sieht, die in Noth und Elend hinausgestossen worden sind, so fühlt man ein unsägliches Mitleid mit dem bitteren Lose der hilflosen Geschöpfe. Als der Dampfer sich dem Landungsplatze am Handels »mai näherte, sah man den grössten Theil der Auswanderer auf dem Oberdeck eng zusammengedrängt. Bald darauf legte das Schiff an der Landungsbrücke an. Man hörte, wie der Führer eine kurze Ansprache an die Auswanderer hielt, und ein dreimaliges Hurrah erscholl von dem Schiffe /.um Ufer. Zuerst entstiegen die anderen Passagiere dem Schiffe: nach ihnen kamen in langem Zuge die jüdischen Aus. wanderer über die Brücke. Man hatte die Empfindung, als würde das Elend in allen möglichen Gestalten da vorüberziehen. Zuerst trippelten die Kinder über die Brücke, von den Müttern an der Hand geführt, während viele auf den Armen getragen werden mussten; sie trugen dünne, zerrissene uud zusammengeflickte Kleidchen und fröstelten unter dem kalten Luftzüge, der über das Wasser strich. Mit grossen, verwunderten Augen blickten sie um sich und Hessen sich ohne Klagelaut fortschleppen. Dann sah man wieder kleine Mädchen und Buben, noch im zarten Kindesalter, die grosse Bündel mit Habseligkeiten schleppten, unter der schweren Last fast zusammenbrechend. In die fahlen, abgehärmten Gesichter der Frauen hatte der Jammer deutlich seine Spuren gegraben. Erloschenen, düsteren Blickes schritten sie weiter und suchten den Blicken der neugierig herumstehenden Leute auszuweichen. Wie die Kinder, sind auch sie mit wenigen Ausnahmen sehr armselig gekleidet. Nun folgen im langen Zuge, mit dem Gepäck beladen, die Männer; ein strenger Zug fester Entschlossenheit spricht aus ihren ernsten, sonnverbrannten Gesichtern. Die meisten sind noch jung an Jahren; aber auch Greise mit weissen Haaren und in gebückter Haltu-ngsieht man unter ihnen. Weitere Auswanderergruppen in Wien. Der Zuzug der rumänischen Auswanderer hat anscheinend noch immer nicht den Höhepunkt erreicht. Nahezu täglich treffen mehr oder minder zahlreiche Gruppen in Wien ein. Montag den 16. d. M kam ein Trupp von 326 Personen mit dem Dampfer „Vesta" der Donau-DampfschifTfahrts-Gesellschaft auf dem Handelsquai an. Sie stammen aus Bukarest, Galatz und Vaslui und haben sich an der Grenze zusammengefunden. Auch ein Professor aus Bukarest, namens Michael Stern, beiludet sich unter ihnen. Dem alten Manne wurde schon zum zweitenmale unter einem nichtigen Yorwande die Schule, die er leitet, gesperrt. Er musste seine Familie in bitterer Noth zurücklassen, um sich in weiter Ferne eine neue Existenz zu gründen. Neugebildete Gruppen. In Rosnov hat sich eine Auswanderergruppe von 15 Familien constituiert. Sie gedenkt sich am -20. Juli nach Canada einzuschiffen. — Auch in Crajova ist eine neue Gruppe in Bildung begriff.m. — In G a 1 a t z hat sich eine Gruppe „Menascheh Ben Israel" gebildet, deren Mitglieder etwas Vermögen besitzen. Die stramm organisierte und gut ausgerüstete Gesellschaft tritt die Reise am 1'-». d. M. an und begibt sich zunächst nach London, wo eines ihrer Mitglieder dem Zionisten-Congresse als Delegierter beiwohnen und auf demselben über die Lage der Juden in Rumänien sprechen will. Die Gruppe „Menascheh Ben Israel" bildet nämlich eine schekelzahlende Hundertschaft und hat als solche das Recht, einen Delegierten aus ihrer Mitte zum Congresse zu entsenden. Von London reist die Gruppe sodann nach Canada. — In Vaslui hat sich dieser Tage eine neue Emigranten-Gesellschaft von i-00 Familien mit 1600 Seelen, ferner eine Gruppe von 1-20 Mädchen gebildet. — In Focsani ist eine Gesellschait von 150 Auswanderern gegründet worden, deren einzelne Mitglieder 50—200 Francs besitzen. Eine Anregung. Einem zionistischen Führer ist dieser Tage von einem Kaufmanne in Galatz die folgende Mittheilung zugekommen: In Anbetracht des Umstandes. dass die Auswanderungs- Bewegung sich derzeit nicht mehr eindämmen lässt und immer grössere Dimensionen annimmt, hat sich der erwähnte Kaufmann mit einer ausländischen Dampfschiffahrts-Gesellsehaft in Verbindung gesetzt und von derselben die Zusicherung erhalten, dass sie bereit ist, grössere Gruppen von 800—looo Personen auf Separatschiffen, und zwar auf Schrauben- Schnelldampfern modernster Construction, von Galatz direct nach New-York oder Montreal in Canada zu befördern. Die Preise der Fahrt sammt Beköstigung würde die Gesellschaft wie folgt berechnen: Galatz—New-York 200 Francs, Galatz—Montreal 235 Francs für die Person. Der Briefschreiber schlägt nun den verschiedenen Unterstützungs- Comites u. s. w. vor, von der betreffenden Schiffahrts- Gesellschaft gemeinsam einen oder mehrere Dampfer zu den angegebenen, überaus günstigen Bedingungen zu chartern. Es würden dadurch bedeutende Summen erspart werden und auch das Los der armen Auswanderer, die jetzt ihr Elend durch ganz Europa schleppen und die grössten Strapazen erdulden müssen, würde bedeutend gemildert werden. Naive Gemüther. Einige jüdische Blättchen und von Juden geleitete „liberale" Tageszeitungen begrüssen das neue rumänische Fusionsministerium, an dessen Spitze der Junimist P. Carp steht, mit grosser Ueberschwenglichkeit, und sprechen die Hoffnung aus, dass das Los der Juden unter dem neuen Regime sich zum Besseren wenden werde. Das ist eine

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