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Die Welt · 1900-07-20 · 29 (20.7.1900) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
29 (20.7.1900)
Article
Brief aus Rumänien
Date
1900-07-20
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 ,Die 2& Welt" Nr. 29 „Der Rumäne," sagte einst eia geistreicher rumänischer Staatsmann, „wird als Stipendiat geboren, lebt als Beamter und stirbt als Pensionär." Und wirklich kann man das rumänische Volk in zwei grosse Kategorien eintneilen, in die ackerbautreibende Landbevölkerung und die Beamtenschaft in den Städten. Trotz aller Bemühungen der Regierung, trotz aller kostspieligen Handwerksschulen ist es noch immer nicht gelungen, einen rumänischen Handwerkerstand heranzubilden, und so mancher, der mit gutem Erfolge die Handwerksschule absolvierte, hängt sein Handwerk an den Nagel, um lieber einen kleinen Beamtenposten zu bekleiden. Wer nur zur Noth die edle Kunst des Schreibens und Lesens versteht, hat keinen anderen Wunsch, als seine Krähenfüsse als Beamter zu verwerten. Er sucht und findet einen Protector, der ihm ein Aemtchen verschafft. Freilich sind die Gehalte der kleinen Beamten erbärmlich genug, und sie brauchen vielleicht das Dreifache bloss für ihre Menüs plaisirs. Aber das ist ihre geringste Sorge. Wozu wären die Juden denn da? Man presst ihnen die Seele aus dem Leibe, man lässt sie Blut schwitzen, und die Sparsamen, die da wissen, dass hinter ihnen andere gierig wartend stehen, um bei einem Regierungswechsel an den Futtertrog zu gelangen, sammeln Vermögen. Die Ausbeutung ist in ein förmliches System gebracht, und jeder Umstand wird benützt, um den Juden "Geld auszupressen. Ja die Sicherheitsorgane spielen sogar des lieben Erwerbes wegen die Rolle der Kunstmäcene. Kommt eine Truppe ambulanter Schauspieler, Kunstreiter oder Seiltänzer in eine Stadt, dann übernehmen die Sicherheitsbeamten, natürlich gegen fette Tantiemen, die Vertheilung der Entreebillette, und selbstverständlich werden sie nur den Juden aufgedrängt. Wer von diesen wird es wagen, einem der Gefürchteten die Annahme eines Billets zu verweigern, um rächende Chicanen oder gar den Ochsenziemer, dieses landesübliche Ueberredungsmittel, auf sich heraufzubeschwören? Und so muss mancher arme Jude seufzend seinen letzten Franc hergeben und mit Frau und Kindern hungern, vim abends das unerwünschte Vergnügen zu haben, den Luftsprüngen eines Gauklers zuzusehen. Die Rumänen nennen sich stolz die Belgier des Ostens. Verstehen sie darunter das arbeitsame und aufgeklärte belgische Volk, oder jene belgischen Auswürflinge, die am Congo die Greuelthaten der spanischen Conquistadoren wiederholen? Mögen sie diese Frage selbst beantworten. ,r Doch lasst uns gerecht sein : Die Schuld liegt nicht am rumänischen Volke. Die Rumänen sind im allgemeinen ein gutmüthiger, toleranter Menschenschlag, und kein Volk ist vielleicht so wenig zum Antisemitismus veranlagt, als eben das rumänische. Die Schuld liegt an jenen Kreisen, die die Massen förmlich zum Antisemitismus drillen, die in wahnsinniger Zerstörungswuth den Feuerbrand des Hasses in den Frieden der Städte werfen und Bürger gegen Bürger aufreizen. Die Schuld liegt an jenen politischen Strebern aller Paiieien und insbesondere der conservativen Partei, die die Judenfrage zum politischen Hebel machen und dabei die theatralische Pose von Vaterlandserrettern annehmen. Die Schuld liegt an den regierenden Kreisen aller Pai-teien, die sich wetteifernd an judenfeindlichen Gesetzen überbieten zu müssen glauben. Die Schuld endlich an dem verzweiflungsvollen Exodus der rumänischen Juden trägt das unredliche Stveberthum Filipescus, die Incapacität Kantakuzenes und der taktlose, antisemitische Fanatismus lstratis. Doch das Nähere in einem weiteren Briefe. Chinesische Juden. Reisende haben wiederholt mehr oder weniger zuverlässige Nachrichten über uralte Judengemeinden in China nach Europa gebracht, aber was wir hörten, war zu unklar und verschwommen, um ein besonderes Interesse für diese etwaigen „Splitter des jüdischen Volkes" zu wecken. Jetzt steht es anders. Englische und französische Sinologen haben aus chinesischen (Juellen allerlei unanfechtbare Thatsachen zur Geschichte unserer Stammesgenossen festgestellt, andere Forscher haben die Inschriften der einstigen Synagogen von Kai-fung-fu entziffert, und in neuester Zeit hat die englisch-jüdische Gemeinde von Shanghai mit den Ueberresten der chinesischen Juden unmittelbar Fühlung bekommen. Marcus Adler hat in einem überaus lehrreichen Vortrag das zerstreute Material sorgfältig gesichtet, und nun sind uns diese chinesischen Stammesgenossen so nahe gerückt wie unsere Brüder in Russland oder Californien. Die ersten authentischen Berichte über chinesische Juden halicn wir d-m Jesuiten zu verdanken: Pater Ricci erhielt Kenntnis von der Existenz jüdischer Gemeinden in Kai-fung-fu, der ehemaligen Hauptstadt von Honan, und Hang-tschau-fu sowie anderen chinesischen Städten; die Synagoge in Kai-fung-fu besass eine Gesetzesrolle, die mehr als fünfhundert Jahre alt war. Ricci und sein Nachfolger, Julius Alexi, besuchten diese Synagoge zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts, und hundert Jahre später kamen neuerdings Jesuiten nach Kai-fung-fu, die von jüdischen Niederlassungen in Ning-po und Ning-Rea berichteten und ganz genau die Synagoge beschrieben, ja sogar Uebersetzungen der auf den Wänden und Grabsteinen befindlichen Inschriften veröffentlichten. Aus diesen Inschriften und Berichten der Jesuiten ist ersichtlich, dass sich unter der Regierung der Dynastie Han (von 200 vor bis 220 nach Christi) bereits Juden in China ansiedelten, und zwar dürfte dies kurz nach der Verfolgung der Juden in Babylon im Jahre 34 oder 3ö Jahre später nach der Zerstörung Jerusalems, kann aber auch schon viel früher stattgefunden haben. Die alte Handelsstrasse gieng über die Steppen und Hochländer Centraiasiens durch Mesopotamien und Persien, und auf diesem Wege mögen Theile der zehn Stämme Israels nach China und nach Cochinchina gelangt sein. Im achten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung waren die Juden Chinas so zahlreich, dass die Regierung einen Minister für jüdische Angelegenheiten ernannte. Die Juden hatten sich über diese Einrichtung nicht zu beklagen. Es herrschten die besten Beziehungen zwischen Juden und Chinesen. Im Jahre 1103 wurde ihnen auf Staatskosten eine grosse Synagoge gebaut, und Marco Polo, der am Ende des 13. Jahrhunderts China bereiste. erzählt uns von dem hohen Ansehen, dessen sich die Juden in China erfreuten. Im Jahre 1423 war ein Jude ein hoher Militär. Die Synagoge in Kai-fung-fu wurde in den Jahren 12S0, 14!>0. zu Beginn des 17. Jahrhunderts und 1654 wieder aufgebaut. Die Juden in Kai-fung-fu führten den Namen „Teaou-Rin-Reaou", das heisst „dieSecte, welche die Spannader aus dem Hüftgelenke entfernt." Im Vorhofe der Synagoge soll sich ein Winkel befunden haben, wo diese Ceremonie an den geschlachteten Thieren vollzogen wurde. Die europäischen Juden haben verhältnismässig spät von ihren chinesischen Glaubensgenossen Notiz genommen. Unter den Handschriften im Britischen Museum in London befindet sich ein Brief des Londoner Rabbiners lsaac Nieto aus dem Jahre 1700, der im Namen der jüdischen Londoner Gemeinde an die chinesischen Glaubensgenossen gerichtet ist, und in welchem er sie beschwört, einen Fragebogen zu beantworten, der sich nach ihrer Abkunft, nach ihren Lebensverhältnissen u. s. \v. erkundigt. Dieser Brief wurde, wie aus dem hebräischen, im Jahre 1830 ins Englische übersetzten Werke eines Rabbiners von Marokko ersichtlich ist, in chinesischer und hebräischer Sprache beantwortet. Etwa fünfzig Jahre später schrieben englische Juden wieder an ihre chinesischen Brüder, erhielten jedoch keine Antwort. Im Jahre 1842, als der Vertrag jon Nanking dem Handel fünf chinesische Häfen eröffnete, begann sich James Fine, der britische Consul in Jerusalem, lebhaft für die Juden in China zu interessieren. In einem Werke „Die verwaiste Judencolonie in China" veröffentlicht er einen Brief, den er in chinesischer und hebräischer Sprache an sie richtete; d:vauf knm ein Antwortschreiben, in d«m folgende Stel'e

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