Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 29 (20.7.1900)
- Article
- Eine Protestkundgebung
- Date
- 1900-07-20
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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NTr. 20 „Die & Welt" Soito * gebracht hat, ist die Streitfrage gelöst. Hier herrscht der wahre studentische Geist, hier pulsiert das würdigste studentische Leben — Lustigkeit ohne rohen Lärm, Genuss ohne Völlerei, studentischer Comment ohne kleinliehen und sclavischen Zwang, Kneipverkehr ohne Vernachlässigung des Studiums, echter Mannesmuth ohne Rauflust. Ein ganz neuer Geist, und wahrlich kein schlechterer, scheint über unsere studierende Jugend ausgegossen zu sein. Das ist nicht mehr die Golusstimmung, die Assimilationssucht, die befangene Aengstlichkeit, und dennoch das vordringliche Streben nach Angliederung an die nur widerwillig duldsamen Studentenverbindungen. Auf sich selbst gestellt, ist der jüdische Student allendlich zu sich selbst gekommen, von kräftigem Selbstbewusstsein erfüllt — und dieses Selbstbewusstsein ist k«-in anderes, als das jüdische Nation alitäts- Bewusstsein. Schon mit der Gründung der Verbindung und mit dem Eintritte in dieselbe hat dieses jüdische Nationalitäts-ßewusstsein unbemerkt sich eingeschlichen. Wie könnte das auch anders sein? Das religiöse Gefühl hatte keinen Antheil bei dieser Gründung, da hat denn das nationale Selbstbewusstsein wieder aufleben müssen. In einer jeden dieser jüdischen Studentenverbindungen webt und wirkt der Geist des Zionismus. Dieser Geist war es auch, der zu dem in Rede stehenden Proteste den Antrieb gegeben hat; ohne ihn wäre es wohl niemals zu dem Proteste gekommen. Man hätte gesagt und gedacht — wie auch heute noch sehr viele sagen und denken — nicht gerade: Was gehen uns diese K o n i t /. e r an; denn es gibt wohl kaum einen Juden der WVlt, der sich nicht bis in das innerste Loben hinein verletzt fühlte von dieser kränkenden, allem menschlichen Gefühle Hohn sprechenden Blutbeschuldigung — allein man hätte gesagt und gedacht: Die vernünftigen, gebildet' n und wohldenkenden Nichtjuden stehen alle auf unserer Seite. Die Konitzer Vorgänge sind nur die wüsten Ausbrüche der durch unablässige Wühlereien der Antisemiten aufgestachelten Volksleidenschaften. Wahrheit und Einsicht, Gerechtigkeit und Menschlichkeit werden doch endlich den Sieg davontragen. Unsere Behörden thun ja ihr Mögliches, um Licht in die widerwärtige Angelegenheit zu bringen und die bedrohten Glaubensgenossen zu schützen u. s. w. Im gekränkten Nationalitätsgefühl denkt man docli ganz anders: Dort wohnen durch eine lügenhafte Beschuldigung schwer gekränkte, leidende und verfolgte Brüder und Volksgenossen; ihr Leiden ist auch das unsere, sind wir doch eine einzige nationale Körperschaft Können wir ihnen auch nicht helfen, s-> können wir ihnen doch vor den Augen der ganzen Welt unsere Sympathien bezeigen und gleichzeitig bekunden, dasswir eins sind, wie im Glaubensbekenntnis, so in der Nationalität, und zusammenstehen müssen in allen Nöthen und Fährlichkeiten des Lebens, bei allen Schmähungen und Verfolgungen unserer Feinde. Das ist wohl der wahre Sinn jener Protest- Kundgebung der Bonner jüdischen Studenten, welche, mehr als hundert an der Zahl, zu den besten und edelsten der an deutschen Universitäten Studierenden zu rechnen sind. Diese Kundgebung lässt, glaube ich, erkennen, dass alle diese Studentenverbindungen, von jüdisch-nationalem Geiste beseelt, früher oder später der Zionistengemeinde sich beigesellen werden. Das sind gute Aussichten. Brief aus Rumänien. Von Judäus. In meinem vorigen Briefe versprach ich Ihnen die Erzählung eines Falles unmenschlicher Grausamkeit, die von einem Primär und einer Gendarmerie-Abtheilung an einer ganzen jüdischen Gemeinde verübt wurde. Hier folgt nun der wahrheitsgetreue Bericht, der vielleicht am besten die vogelfreie Stellung der Juden Rumäniens kennzeichnen wird. Nach Saven}r, einem kleinen Städtchen im Districte Dorohoi, wurde eines Tages von einem Gendarmen ein Jude in Ketten gebracht. Freilich war das Verbrechen des Juden gross genug; er war vom Gendarmen in einem Dorfe angetroffen worden, wo er bei einigen Bauern ausstehende Schulden einfordern wollte, und der treue Wächter der öffentlichen Ordnung und Sicherheit fasste den staatsgefährlichen Juden ab. schlug ihn in die verdienten Ketten und brachte ihn nach Saveny. Die dortigen Juden, die dumm oder boshaft genug waren" den Gefangenen für harmlos und unschuldig zu halten, lagen nun den Primär und den Gendarmen an. ihn freizugeben, aber da kamen sie schön an. Der Herr Primär pflegte von den Juden des Städtchens regelmässige Tribute an Naturalien zu erheben. Die jüdischen Metzger mussten ihm das nöthige Fleisch fürs Haus liefern, die jüdischen Bäcker das Brot, jüdische Coloniahvarenhändler was sonst zur Haushaltung nöthig ist u. s. w. Die bösen Juden aber, die das Rechtmässige dieser Lieferungen nicht einsehen wollten, verweigerten ihm endlich die Entrichtung des Tributes, und der in seinen heiligsten Rechten gekränkte Primär erwartete nur die erste sich bietende Gelegenheit, um an den meuternden Juden Rache zu nehmen. Jetzt schien sie ihm gekommen. Er telegraphierte an die Präfectur in Dorohoi, die Juden in Saveny befänden sich in vollem Aufrühre, und der Herr Präfeet beorderte sofort dreissig Gendarmen nach Saveny, um die revoltierenden Juden zur Raison zu bringen. Die Gendarmen kamen und mit ihnen der Terrorismus. Die angesehensten Juden des Städtchens wurden verhaftet und vor allem dazu gezwungen, einen ungeheuren, seit Jahren fortwährend angewachsener. Düngerhaufen fortzuschaffen. Der Dünger wurde auf Wagen geladen, die Juden mussten sich vor dieselben spannen, lachend schwangen sich die Gendarmen hinauf und trieben mit Peitschenhieben die jüdischen Zugthiere vorwärts. Bei einem der Wagen gieng ein Radnagel verloren, und die Gendarmen zwangen einen Juden, seinen Finger in das Achsenloch zu stecken. Dem Unglücklichen wurde der Finger durch die Drehungen des Rades vollständig zermalmt, und dies schien den Herren Gendarmen ein köstlicher Spass. Schliesslich wurden einige Jude als Rädelsführer der Revolte nach Dorohoi abgeführt und eingekerkert. Er.d nach monatelanger Haft, als die minutiöseste Untersuchung nicht die geringste Schuld der Juden ans Licht bringen konnte, wurden sie endlich entlassen. doch mit der Warnung, über die ganze Angelegenheit zu schweigen, sonst . . . sie verstanden schon. Die gewitzigten Juden entrichten seitdem dem Vater ihres Städtchens wiederum den gewöhnlichen Tribut, und die Gendarmen wurden zur Strafe — in eine a-uiere Garnison versetzt. Nicht wahr, es klingt wie eine Fabel? Und dennoch habe ich kein Wort zu viel gesagt, ja ich bin vielleicht noch unter der Wahrheit geblieben. Erinnert das gelobte Land des Antisemitismus nicht an jenen Negerhäuptling, der einen europäischen Reisenden würdevoll in Frack und Cylinderhut. aber ohne Hemd und Hose empfieng? Nach oben, den Augen der gebildeten Welt, zeigt sich Rumänien im Culturfrack und in der Civilisations-Angströhre, aber nach unten, wohin die unbequemen Blicke Europas nur schwer oder gar nicht gelangen können, erscheint es ganz ungeniert im hemd- und hosenlosen Adamscostüm brutaler Gewaltthätigkeit und roher Rechtsverhöhnung. Doch sehen wir uns weiter dieThaten der rumänischen Regierung an. Kaum waren die Juden aus den Dörfern verjagt, so gieng die Regierung einen Schritt weiter, indem sie ihnen den Handel mit Regalien und den ambulanten Handel verbot. Wieder wurden tausende von Familien brotLos, sie mussten sich auf andere Nahrungszweige werfen, und durch die Concurrenz, die sie sich untereinander und den früher damit Beschäftigten machten, verarmten alle. Und dass sie den kargen Bissen Brot, den sie schwer und mühsam genug erwarben, nicht in Ruhe geniessen, dafür sorgen die administrativen Behörden, deren Beamte, die subalternen insbesondere, nur von der schamlosesten Ausbeutung des Juden leben. Sie haben tausend Mittel und Wege, dem Juden Geld abzuquälen, der sich noch glücklich schätzt, durch Geldopfer die Chicanen wenigstens zu mildern, die ihn auf Schritt und Tritt verfolgen.