Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 28 (13.7.1900)
- Article
- Zu Dir, o Zion ...
- Date
- 1900-07-13
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 12 „Die & Welt«' Nr. 28 Zu Dir, o Zion . .. Aus: „Der Colonisl" von A.Goldfaden. — (FreieUebertragung aus dem jüdischen Jargon von ßerthold Feiwcl.) Zu Dir, o Zion, will ich fliehen, Und müsst' ich tausend Tage geh'n, Dahin, wo die Esrogim blühen Und schlanker Palmen Wipfel weh'n. Dort steht die Wiege meiner Brüder, Ragt meiner Jugend. Hochpalast, Dort hat die göttlichsten der Lieder Mein Sängerkönig einst verfasst. Es weideten dereinst die Väter Die Herde fromm auf ihrem Gut, Dort haben meine Helden später Ruhmvoll geglänzt durch ihren Muth. Du Land; von Milch und Honig fliessend, Des höchsten Geistes Wohnstatt Du, Möcln' in Dir weilen, froh geniessend In Deinem Schatten süsse Ruh! In Deinen Schatten will ich liegen Und froh gemessen süsse Ruh, Ein einlach Mahl wird mir genügen, Ein Stückchen Brot und Milch dazu — Und will mir laden Tischgesellen, Ein paar herzbrave, gute*Leui\ Die sollen mir dort Bilder st llen Aus alter und aus neuer Zeil: Den Ahn und Urahn soll man sehen, Wie sie gewirkt, wie sie gestrebt. Doch neben ihnen soll erstehen Der Enkel, wie er leibt und lebt. Grosstnutter Rubel zu Karneole, Von heissem Wüstenwind umbraust — Ihr Enkelkind. Miss Gabriele. Kommt per Bi<-y«le ar-gesau-l. Dort längt den Feind der stolze Lö-.ve Maccabi. Tod bringt seine Näh', Und. hier sein Enkel (Ballsaallöwe) Fängt Vögelchen durchs Pincencz. Dort ist zu sch'n, wie in Aegypten Grossmütterchen die Schafe trankt, Und hier, wie lieblich dem Geliebten Die Enkelin — Champagner schenkt — Wie Jakob sich für Linsenspeise Erkauft d.«n Titel des „Bechor*, Das Enkelkind, zu welchem Preise ErkautVs den Titel des „Major"? . .. An der Kiosterpforts. Ein gali zisch es Zeitbild. Von H. York-Stsiner. „Den ganzen Nachmittag hockt sie da drüben auf den Stufen. Wer sie wohl sein mag?" „Ei, ei, Söhnchen, was Du für Sorgen hast! Wieviel bringst Du Deinem Mütterchen heim, he?" „Vierzig Kreuzer, zehn hab' ich verbraucht — es war auch grimmig kalt, musste zweimal Wodka trinken. So "n kalter Frühling, das war noch nicht da." „Sieh' da, welch ein Edelmann! Verdient fünfzig Kreuzer von einem Juden. Schämen möcht' ich mich — so ein Geld!" „Wieso denn weisst Du, dass er ein Jud' ist — hat ja keinen Kaftan und schickt mich immer ins kaiserliche Amt — da am R;ng, weisst, wo man telegraphiert. Keine Spur von Ware oder so was." „Kenn' ich schon von weitem, was „so Einer" ist. Welch eine Welt! Durfte früher nicht mucksen, ist da drin in seiner ekligen Gasse gesessen — hier bei uns so am Ring, hei, da hätt's was gegeben! — Jetzt wohnt er, wo er will, mir nichts, Dir nichts schickt er einen ehrlichen Christenmenschen den ganzen Tag aufs Telegraphenamt. Weisst, was Du da hingetragen hast?" „Wie soll ich, kann ja nicht lesen — hätt' auch nichts genützt, der „Vertraute" von der Polizei hat immer auf mich gewartet, meinte, ich soll's ihm zeigen. Sagte, es war'deutsch und an lauter hohe Herren nach Wien." Der ältere und mürrische der beiden Träger spie aus. „Hol's der Teufel — deutsch auch «och!* rief er entrüstet; dann zog er das hänferne Tragband, das die Stelle einer Schärpe bei ihm versah, enger um seinen langen Rock, schob die braune Mütze mit dem viereckigen Deckel zurecht und wendete sich zum Gehen. Seine kleinen, etwas verglasten Augen blickten listig unter den buschigen Brauen. „Kannst mir übrigens zwanzig Kreuzer borgen." Seines jüngeren Amtsgenossen Gesicht wies fast denselben Schnitt auf wie das seine, dieselben derben Backenknochen, die an der Wurzel eingedrückte, etwas hochragende Nase, darunter den langen Schnurrbart; der Ausdruck war weniger belebt, fast stumpf, nicht ohne eine gewisse Gutmüthigkeit. Er nahm zwei kleine Münzen und g;tb sie dem älteren Genossen. In diesem Augenblicke ertönte von der Klosterkirche gegenüber ein dünnes Glöcklein. Eine magische Kraft war au-gegangen von dem hellen Läuten. Gross und Klein auf dem weiten Platze blieb stehen, die vornehmer gekleideten Herren nahmen den Hut ab, die Männer und Weiber aus dem Volke knieten nieder. Eine plötzliche Stüle hatte das Geräusch der Stadt unterbrochen. Niemand sprach, nichts bewegte sich, nur dass eine Glocke der anderen antwortete. Das Ave Maria war zu Ende gebetet, die beiden Träger bekreuzten sich im Aufstehen. Melodische Posaunentöne zogen durch die Luft wie ein heiliger Nachhall in den Trubel der Stadt, der sich alsbald wieder meldete. „Ein schönes Liedl kann er heute, der Thüriner von der Marienkirche," murmelte der Aeltere. Der Jüngere spähte über den Platz zum Kloster hinüber. „Weis das nur für ein Weibsbild sein mag? Soll mich der Teufel zerreissen, schien mir, als bleibt sie sitzen, kniet nicht — bekreuzt sich nicht!" Auch der ältere Träger schaute hin durch die harte Luft, die trotz ihrer kalten Helligkeit anfieng, in den unteren Schichten unklar zu werden. „Am End' ist sie krank, lass schauen!* Die beiden Männer stapften über den breiten Platz hinüber zum Klostereingang. Auf der Steintreppe, die zur Klostet pforte führte, kauerte ein Weib, ganz verhüllt und in Tücher eingemummelt. „He'.".rief der Aeltere. „Was thust Du hier?" Keine Antwort. „Warum hast Du Dich beim Ave Maria nicht gerührt?" Als noch immer keine Erwiderung kam, packte er die Frau derb an der Schulter. Ein tiefer Wehlaut drang aus den Tüchern zu ihm auf, dass er verblüfft einhielt; heftiges Schluchzen folgte diesem ersten Ausbruche des Schmerzes. „Wollt Ihr da hinein?" Die Gestalt nickte. „He, Stanislaw, geh' an die Pforte und läut' tüchtig an! Scheint ein kratikes Weib — oder so was." Stanislaw läutete so kräftig, dass der schrille Glockenton bis nach aussen drang. Sie lauschten — selbst die weinende Frau horchte auf — — — es kam niemand — das Guckfensterchen blieb zu. Und wieder zog der starke Mann am Glocken stränge, abermals schallte der Glockenton heraus ---die Pforte aber blieb geschlossen. „Hundsblut!" fluchte Stanislaw. „Da ist etwas nicht in Ordnung, kommt ja sonst gleich zum Guckfensterchen,