Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 28 (13.7.1900)
- Article
- Die Ausfuhr von Landesproducten aus Palästina [Nachricht]
- Date
- 1900-07-13
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 ,Die s£ Welt«« Seite 11 immer grösser, da in der Umgebung der Stadt nahezu jeden Tag neue Gärten angelegt werden. Leider sind die Besitzer dieser Gärten fast durchgehends Nichtjuden. In jüdischen kaufmännischen Kreisen wurde zwar schon vor Jahren die Idee der Gründung einer Gesellschaft zum Ankaufe von Orangengärten und zur Anlegung neuer Pflanzungen in Jaffa angeregt, es blieb aber bei der blossen Anregung. — Sesam, auch ein bedeutender Exportartikel, wurde gleichfalls im Jahre 1S99 in weit geringeren Mengen ausgeführt als im Jahre lS'JS. Bedeutend in Zunahme begriffen ist die Ausfuhr von Honig, was mit dem Aufblühen der Bienenzucht im Zusammenhange steht. Hauptsächlich wird der Honig nach Deutschland, der Schweiz und England exportiert; Frankreich ist ein schwächeres Absatzgebiet. Leider befassen sich auch mit der Bienenzucht zum grössten Theile Nichtjuden: Deutsche und Araber. Nur in einer jüdischen Colonie, in W a d - a 1 - C h a n i n, wird - die Bienenzucht in grösserem Massstabe betrieben. Ein neuer Mädchenraub in Galizien. Am 12. Juni gegen 1 Uhr mittags erschien plötzlich im Hofraume des im Dorfe Mala (auch Kamieniec genannt; unweit von Ropczyce gelegenen Häuschens des Juden Leib Kornreich der Bauer Wojcik Gerwazy, ergriff dessen gerade im Hofe vorübergehende, kaum vierzehnjährige Tochter Blime Kornreich und entführte sie in die in der Nähe gelegene Bauernhütte des Jedrzeij Blazniak. Kornreich war damals geschäftlich im zweiten Dorfe und seine Frau im Felde beschäftigt. Zuhause blieben ausser der Blime nur deren zwei ältere Schwestern, welche auf das Geschrei der gewaltsam Entführten hinausliefen, den Bauer aber an der Entführung nicht zu hindern vermochten. Als sie dann zusammen mit der auf die Nachricht vom Geschehenen inzwischen herbeigeeilten Frau Kornreich vor die Hütte des Blazniak kamen, nahmen die vor derselben zahlreich versammelten Bauern eine drohende Haltung an. Frau Kornreich und deren Töchter mussten aus Furcht unverrichteter Dinge umkehren. Als Hen- Kornreich vor Abend nachhause kam. erfuhr er, dass die Bauern mit seinem Kinde in das Dorf Siedliska gefahren sind und es dort dem Pfarrer übergeben haben. Seit dem 12. Juni nun gelang es ihm trotz eifrigen Bestrebens nicht, sein Töchterchen aus dem Pfarrhause herauszubekommen. Die Hilfe der localen Behörden ruft er vergebens an, und der Pfarrer von Siedliska fühlt sich nicht veranlasst, ihm das Kind wiederzugeben. Der Rechtsfreund Kornreichs hat sich nun an die Statthalterei, die Bezirkshauptmannschaft, die Staatsanwaltschaft, an die zuständige Vormundschaftsbehörde und das Gendarmerieposten-Commando gewendet, und es wird sich somit zeigen, ob die weltliche Macht, die nach dem Ausspruche eines österreichischen Ministers an den Pforten des Klosters aufhört, auch vor einem Pfarrhause Halt macht. — Das Krakauer antisemitische Hetzblatt „Glos Narodu" hat natürlich aus der Affaire Capital geschlagen und berichtet unter dem 20. Juni von der „glücklichen" Entführung eines geliebten Kindes aus dem Hause eines „entmenschten Vaters". Eine judenfreundliche That des verstorbenen russischen Ministers Grafen Murawiew. Erst jetzt nach dem Ableben des russischen Ministers des Ausseren Grafen Murawiew wird es bekannt, dass er in humaner Weise für die russischen Juden, welche nach Amerika, Argentinien und Palästina ausgewandert sind, eingetreten war. Die russische Regierung hatte bekanntlich bis jetzt den Standpunkt vertreten, dass die nach dem Auslande auswandernden Juden das russische Staatsbürgerrecht einbüssen, so dass ihnen die Rückkehr nach Russland untersagt werden muss. Als deshalb im vorigen Jahre eine Anzahl russischer Juden, welche in Argentinien Schiffbruch erlitten, in ihre Heimat zurückkehren wollten, wurde ihnen vom russischen Consulat bedeudet, dass sie, als aus dem russischen Staatsverbande Ausgestossene, von den russischen Grenzbehörden zurückgewiesen werden würden. Der verstorbene russische Minister des Aeussern Graf Murawiew hatte sich aber gegen diese Auffassung aufgelehnt und an das Ministerium des Innern eine Note gerichtet, in welcher erklärt wurde, dass russische Juden, welche als Auswanderer Russland verlassen, so lange sie eine andere Staatsangehörigkeit nicht erworben haben, als russische Unterthanen zu betrachten sind, denen die Rückkehr in die Heimat nicht verwehrt werden kann und darf. Das Minister-Comite, dem diese Angelegenheit zur Begutachtung unterbreitet wurde, schloss sich der Anschauung des verstorben Grafen Murawiew an und fasste den Beschluss, dass russische Juden, welche als Auswanderer Russland verlassen, ihr russisches Staatsbürgerrecht nur dann verlieren, wenn sie in einen anderen Staatsverband eintreten. Solange aber dies nicht geschieht, sind sie im Vollbesitze ihres russischen Staatsbürgerrechtes. Dadurch wird es vielen russischen Juden, welche in Amerika und Argentinien keine Existenz finden konnten, möglich, nach ihrer Heimat zurückzukehren. Graf Murawiew hat aber dadurch bewiesen, dass er mit den in Russland herrschenden anti-jüdischen Strömungen nicht sympathisiert. Correspondenzen. Wien. (Für die Auswanderer.) Wir erhalten die Mittheilung, dass Herr David Langer, Fleischbauer, XX., Klosterneuburgerstrasse 28, durch zwei Tage je 100 kg Rindfleisch für die im IX. Bezirke logierenden 220 Auswanderer beigesteuert, und dass dieses gratis in der Restauration des Herrn Bernhard K o h n, XX., Treustrasse 16, gekocht wurde. Lemberg. (Ein moralisches Deficit.) Am 1. d. hat auch richtig, wie in diesem Blatte vorangezeigt wurde, in dem naheliegenden Sommeraufenthaltsorte Zimna-woda ein Fest zugunsten der rumänischen Auswanderer stattgefunden. Dass ich heute darauf zurückkomme, geschieht nicht etwa, um über das materiell arme Ergebnis dieses Festes zu berichten, ich will heute vielmehr über das moralisch arme Ergebnis unserer hiesigen reichen Juden berichten, welche, mit wenig Ausnahmen, dieses Fest, dessen Reinerträgnis für die blutarmen heimatlosen rumänischen Auswanderer bestimmt war, weder besucht, noch es unterstützt haben. So endete das Fest mit einem materiellen Deficit, es war aber zugleich auch ein moralisches Deficit für die hiesigen reichen Herren damit verbunden. Das genügt und braucht weiter keinen Commentar. M. J. Könitz, 7. Juli. (Die Ermordung desStudenten Winter.) Der Präparand Sp eisiger, welcher widersprechende Aussagen über seinen Verkehr mit dem ermordeten Winter machte, wurde nach fünfstündigem Verhöre auf Anordnung des Untersuchungsrichters verhaftet. Preussisch-Friedland. Hier fanden Ausschreitungen gegen die Juden statt. Der Pöbel zertrümmerte in jüdischen Wohnungen die Fensterscheiben. Gendarmerie musste requiriert werden. Die Stimmnng der Bevölkerung ist erregt. Paris. Der bekannte Antisemitenführer Max R e g i s ist mit seinen Freunden ufid Gesinnungsgenossen J e a u d e und Gobillon. als er aus Barcelona auf dem Grenzbahnhof* Cerbere bei Perpignan eintraf, von dem Specialcommissär Orsini festgenommen worden. Diese Verhaftung erfolgte, weil Regis in Algier wegen Todtschlages in contumaciam verurtheilt worden ist. Die drei Antisemiten wurden vorläufig in das Gefängnis Ceret gebracht, um später nach Draguignan übergeführt zu werden, wo sie sich vor dem Schwurgerichte zu verantworten haben werden. ^eitscb^iftepFündscbau. „Jüdische Turnzeitung". Von der gesinnungsgenössischen „Jüdischen Turnzeitung" ist soeben die dritte Nummer erschienen. Sie enthält unter anderem einen interessanten Aufsatz über die Bergjuden im Kaukasus. Eine böhmisch-zionistische Fibel. Die Juli-Nummer der von unserem Gesinnungsgenossen Dr. Adolf Kurrein in T e p 1 i t z herausgegebenen .Jüdischen Chronik" bringt aus der Feder des Dr. A. Bergmann in Pardubitz einen „Böhmisch-zionistische Fibel" betitelten Aufsatz. Der Autor will, wie er in der Einleitung sagt, die Verhältnisse in Böhmen berücksichtigend, Bausteine zu einer volksthümlichen Erklärung des Zionismus zusammentragen, „damit berufenere Hände dieselben zu einem vollständigeren Baue benützen können". Die hebräischen Schulen in Jaffa. Die hebräischen Tageszeitungen „H a m e l i z" und „Hazefirah" veröffentlichten eine gleichlautende Correspondenz aus Jaffa, in der berichtet wurde, dass die dortigen hebräischen Schulen (Bäte Sefer) geschlossen worden seien, ohne dass der Berichterstatter den Grund und die Urheber der Schliessung genannt hätte. Nun wendet sich Herr Mirkin im „Hameliz''' an das Odessaer „Central- Comitezur Unterstützung der Ackerbauer und Handwerker in Palästina" mit der Bitte, der jüdischen Oeffentlichkeit über diese Angelegenheit Aufschlüsse zu ertheilen und den Fortbestand der Schulen, dieser hervo tragen den Pflanzstätten nationaler Cultur und nationalen Selbstbewusstseins, nach Möglichkeit sicherzustellen.