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Die Welt · 1900-07-06 · 27 (6.7.1900) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
27 (6.7.1900)
Article
Der Jude in der dramatischen Literatur des XVIII. Jahrhunderts
Date
1900-07-06
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 27 JDie x£ Welt" Seite 13 einer Christin oder eines Christen -zu einer Jüdin — bekanntlich auch heute noch das beliebteste und schier zu Tode geschundene Motiv der jüdischen „Belletristik". Wer Franzos' tendenziöse Judennovellen liest, glaubt bald, dass die Liebe eines Juden zu einer Jüdin nicht vorkommen kann. Das Problem lösten die älteren Dichtersleute in sehr einfacher, aber sehr bezeichnender Weise: das p. p. Publicum musste in durchaus harmonischer Fassung und in vollster Seelenruhe zu seinen Penaten geschickt werden. Diese Seelenruhe war natürlich durch die ganz unnatürlichen Zuneigungen sehr gefährdet. So gab es sich dann, dass zum guten Ende die Jüdin sich als Christin entpuppte. Recha ist gar keine Jüdin. Und nun steht ihrer Heirat mit dem Tempelherrn nichts mehr im Wege. Als Träger judenfeindlicher Gesinnungen werden natürlich in erster Reihe die Junker und der grossspurige Emporkömmlings-Reichthum hingestellt. Interessant ist es auch, dass die Gestalt des wüthigsten Antisemiten in den Dramen jener Epoche ein — Schullehrer ist, dessen Lehren uns ein kleines Mädchen wiedergibt: „Die Juden sind nur auf der Welt, um die Christen zu betrügen; sie verfluchen uns alle, vergiften die Brunnen, stehlen Christenkinder weg und martern sie nachher z'tod\ Ja, und so oft er uns so 'was erzählt, wird er feuerroth und verflucht sie auch wieder und erlaubt uns, ihnen, wo wir nur können, allen Schabernack anzuthun . . ." Allein, wenn auch jüdische Betrüger, Wucherer und ähnliche Genossen gegeisselt wurden — hin und wieder macht sich doch das Bestreben geltend, derartige Verirrungen als die Folge socialer Anomalien hinzustellen. Zudem wird häufig dem jüdischen Halsabschneider ein christlicher Kumpan zugesellt, gewissermassen um anzudeuten, dass die Gaunerei nicht etwa von Juden monopolisiert wird. Gegen Ende des Jahrhunderts brechen sich eben humanere und vernünftigere Anschauungen BahD. Natürlich stirbt das Genre der ä tout prix-antisemitischen Stücke nicht aus. In dem Drama „Der wuchernde Jude am Pranger* erklärt der Verfasser den Wucher kurz als eine den Juden angeborene Eigenschaft. „Ist mir der Wucher nicht erlaubt, Will ich lieber sterben." sagt der „Held". Im Anhang setzt der Dichter einen Preis von fünfzig Ducaten aus für die beste, nach seinen „Grundsätzen" bearbeitete Schrift über die Reform der Juden „um seine Bürger vor Räubereien zu schützen und seine Einwohner zu nützlichen Menschen zu machen". Aus dem Preisausschreiben wurde — wie aus allen antisemitischen — nichts. Als Antwort auf derartige Insulten folgten natürlich wieder Theaterstücke, in denen die Juden als die reinen En^el erscheinen. Unbesonnenheit und Dummheit wurden als die Beweggründe des Judenhasses hingestellt Freilich geht den philosemitischen Schriftstellern ein tieferes Verständnis dafür ab, was es heisst, aus „Unbesonnenheit Juden verletzen". Und da es den meisten Dichtern an künstlerischem Charakterisierungsvermögen gebrach, so Hessen sie die Juden ihr eigenes Lob künden. Es ist ein billiges Verfahren, einen christlichen Schandbuben vorzuführen, gegen dessen Roheit sich des Juden Edelsinn abhebt. Der Christ erhielt alle „jüdischen" Eigenheiten angeklebt, der Jude die allgemein-menschlichen Tugenden und darum müssen doch alle Zweifel bei den Zuschauern schwinden. Quod erat demonstrandum! Ungleich zwingender hätte es wohl wirken müssen, wenn ein Jude — ausgestattet mit allen Qualitäten seines Stammes — sich als Edelmensch erwiesen hätte. Und als in der That einmal ein rechter, zuweilen merklich jüdelnder Handelsmann in seinem Edelsinne dargestellt wurde, da ergrimmte die gebildete Judenheit. Der 'Bühnenjude dürfe nichts mehr vom Judenthum an sich haben — nichts in Sprache, Kleidung, Gebeide. Lieblicher klang es schon, wenn mehr allgemeine Tugenden gefeiert wurden, so die Nüchternheit der Juden und in erster Reihe: ihr scharfer Verstand. Gerade diese letzte Eigenschaft machten sich die Dramatiker jener Zeit zunutze: sie hatten jetzt einen semitischen Deus ex machina. Die geriebensten Theaterbösewichte waren ihres Lebens nicht mehr sicher — ein Jude wird ihre Schandthaten schon ans Licht ziehen. Für die unglücklich Liebenden begann auch eine neue Aera: wo die Noth am grossen, war der Jude am nächsten. Wie er der Fürsprecher schüchterner Jünglinge ist, so weiss er auch für arme Bräute stets Rath und Hilfe. Ueberhaupt ist <W Wohlthätigkeitssinn der Juden, der sich auch von Armen anderer Confessionen nicht abwendet, ein beliebtes Charakterisierungsmittel. Dass natürlich die Dramatiker jener Zeit achtlos an den feineren inneren Eigenheiten unserer Vo ksseele vorübergiengen, nimmt nicht Wunder: Der Bli<k und das Verständnis für intimere psychologische Finessen war damals nur wenig geübt. Den klobigen „Dichter"händen lagen eben Aussenqualitäten für die Charakteristik, crasse Conflicte für die Handlung viel näher. Mit dem letzten Decennium des 18. Jahrhunderts und dem Beginne des Ii), tritt ein neuer Judentypus in den dramatischen Zeitbildern auf. Nicht als ob das Publicum der Episoden, in denen sich Juden in allerlei Situationskomik abhetzen mussten, müde geworden wäre. Ihre Geschwätzigkeit wurde noch immer bejubelt, ihre Geldgier ausgemünzt. Ihr Benehmen jener traurigen Sorte herabgekommener Blaublüter gegenüber reizte noch immer. „Weih über den Goi" — ruft ein Stammesgenosse in einem Stücke aus — ver will betorkelt sein." Auch ihre zitterige Scheu vor allen Mordinstrumenten hat die Lacher noch ergötzt. Den neuen Judentypus aber hatte nicht die Lust an der Komik, ihn hatte die satirische Beobachtung geschaffen. Die Juden, wie die Christen sie sehen. (Fortsetzung und Schluss.) Der Antisemitismus in Russland — ein fremdes Gewächs. „Wir lebten unter den Juden, und die Juden lebten unter uns, und man lebte in Frieden. Als aber der Glaube auch beim Volke erschüttert ward, als auch im Volke eine offenkundige Schädigung der guten Sitten einriss, da begannen auch diese betrübenden Gewaltthaten. Sie sind nicht heimischen, nicht russischen, nicht christlichen Ursprungs. Sie begannen zuerst jenseits der Grenze, im Westen Europas. Dort hetzten die Verbreiter antichristlicher Ideen die Volksmassen zu gewaltthätigen Angriffen gegen die Juden auf. Von dort drang diese Pest auch über unsere Grenze und impfte sich gerade den schwächsten Elementen der russischen Gesellschaft ein, den schwächsten an Bildung, an Sittlichkeit und, wie diese letzten Tage leider gelehrt haben, auch den schwächsten im Glauben. Oder kann wohl ein vernünftiger Mensch annehmen, dass es erlaubt sei, Andersgläubige niederzuschlagen, und dass der Glaube Christi solches gestatte? Keineswegs — sondern die Roheit, die Raserei, der Wahnsinn eines bunt zusammengewürfelten Gesindels urtheilen also, einer blinden Rotte, über die der Glaube Christi seine Macht verloren hat. Dazu wird das Volk von den Verbreitern des Antichristeuthums aufgestachelt. Kann wohl irgend ein klar denkender Mensch sich einreden, die Kirche Christi könne solch ein Wüthen an einem christlichen Feiertage segnen? Keineswegs — sondern an solch einem Festtage sollen von uns Christen Licht und Friede und Freude nach allen Richtungen und Winkeln der Erde ausgehen. Glaubt es, Ihr Lieben > Dieses Wüthen entspringt daher, wo des Satans Thron ist . . ." (Erzbischof Nikanor von Cherson und Odessa.) Die Juden als Handwerker. „Die Festungen der Küstenvertheidigung am Schwarzen Meere sind in dem Verzeichnisse der Ortschaften, in denen die Juden ständig oder vorübergehend sich aufhalten dürfen, nicht mit inbegriffen, und doch waren es gerade die Juden, die, als eben erst die Einrichtung dieser Befestigungen in Angriff genommen wurde, als die ersten Handwerker am Platze erschienen, wie denn bis jetzt in den meisten Feslungen alle Schneider, Schuhmacher und son>tigen für die Garnisonen unumgänglich nöthigen Handwerker sich aus Juden recrutieren." (General Budberg.) „Seit der Einführung der Handwerkerzünfte in den Städten, Flecken und Dörfern des Gouvernements Mohilew fanden sich unter den Juden viele überaus geschickte Handwerker, deren Erzeugnisse sich durch schöne Ausführung und solide Arbeit auszeichneten, aber die Tüchtigkeit dieser Handwerksmeister bringt so gut wie gar keinen Nutzen, weil sie erstens nicht dieselben Rechte gen'essen wie die Handwerksmeister der inneren Gouvernements, und weil zweitens ihre überaus grosse Anzahl zu den Bedürfnissen der hiesigen armen Bevölkerung nicht im richtigen Verhältnisse .<-teht, so dass die jüdischen Handwerker nicht nur nicht in der Lage sind, ihre Kunstfertigkeit zu beweisen, sondern wegen Mangels an Bestellungen grosse Noth leiden und bei Uebernahme eines Auftrages gezwungen sind, zum Betrüge ihre Zuflucht zu nehmen. Die Folge davon ist, dass sie öfters schädliche Mitglieder der Gesellschaft werden, während

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