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Die Welt · 1900-07-06 · 27 (6.7.1900) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
27 (6.7.1900)
Article
Die Entwicklung des Zionismus [Kommentar]
Date
1900-07-06
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 „Die 2$ Welt" Nr. 27 Wochenschrift „Hatechijah" den segensreichen Einfluss, den die zionistische Bewegung auf weite Kreise unserer russischen Brüder ausübt. Die machtvolle Wirkung des Zionismus erstrecke sich sogar auf diejenigen Elemente, die ihm feindlich gegenüberstehen. „Es gibt Städte in Russland" — führt der Artikelschiviber aus — „in die der Zionismus eine starke Gährung gebracht hat, einen Kampf des Alten mit dem Neuen, der Kräfte und Lebensquellen des Volkes mit den fremden Einflüssen, den Geistern des nationalen Unterganges. Noch wogt der Kampf heftig, noch ist die nationale Arbeit gross und schwer, noch sind der Hindernisse viele, aber alle wissen und fühlen wir, dass der volle Sieg auf unserer Seite ist, dass das gute Princip das böse, das nationale Leben die Erstarrung niederringen wird." Im weiteren Verlaufe des Artikels wird auf die durch den Zionismus gezeitigte Blüte des Wand e r r e d n e rthums hingewiesen, weiches einen imposanten Hochstand erreicht hat, während es sich früher auf einem gar tiefen Niveau befand. Der Artikelschreiber kündet den amerikanischen Lesern an. dass sie bald Gelegenheit haben werden, einen der besten zionistischen Wanderredner kennen zu lernen, nämlich Herrn Josef S e f f aus Star a-C onstan txn o w, der vom Wiener Actions-Cornite zum Zwecke der Agitation nach Amerika entsandt worden ist. „Jüdische Volksstimme". Soeben ist die Nr. 11 unseres Bruderblattos, der Brünner „Jüdischen Volksstimme" erschienen. Wir finden darin u. a. das auf dem II. Parteitage der zionistischen Handelsangestellten Oesterreichs erstattete Programm- Referat unseres Gesinnungsgenossen Max H i c k 1, einen Aufsatz über die rechtliche Stellung der Handlungsgehilfen und ein interessantes Feuilleton von Dr. Leo Sofer: „Friedrich Nietzsche über die Juden." Die Krakauer CultusVorsteher und die jüdischen Auswanderer aus Rumänien. „Hamagid" geisselt in dem Leitartikel sein.r jüngsten Nummer die lieblose Haltung der Krakauer Kahalgrössen gegenüber den armen rumänischen Emigranten. Die Herren haben vor lauter „Hilfsactionen* und „Enqueten" zur Rettung des Judenthums keine Zeit, einen Blick in die Zeitungen zu werfen und sich von dem unerträglichen Elende der Juden in Rumänien zu überzeugen. Sie weisen die hilfesuchenden rumänischen Emigranten schnöde ab und machen ihnen Vorwürfe wegen ihrer Auswanderun ». Auch ertheilen sie den Emigranten den „guten Rath", nach Rumänien zurückzukehren. Wenn Baron Hirsch noch lebte und etwa nach Galizien zur Unterstützung der Auswanderer Geld schickte, so würden dieselben Cultusräthe sicherlich die ersten sein, die sich an die Spitze der Hilfscomites stellten, wie sie durch ihr „Wohlthun" in der Zeit der russischen Judenauswanderung „glänzten". Nun aber, da es ihnen an die Tasche geht, können sie nur Vorwürfe machen, raisonnieren und „gute Rathschläge" ertheilen . . . Feuilleton. Der Jude in der dramatischen Literatur des XVIII. Jahrhunderts. Von Dr. Theodor Zlocisti. Zu den Forderungen, welch die nun verebbte Revolution in der Literatur vom Ende der Achtziger- und der ersten Hälfte der Neunziger-Jahre wirklich zum Siege geführt und in den ehernen Besitzstand moderner Aesthetik eingefügt hat, gehört auch diese: Jedes Drama und in weiterem Sinne jedes Kunstwerk sei ein Niederschlag der Ideen und Ideale, der Gefühlstönung seiner Zeit und seines Volkes. Wer die Probe auf das Exempel macht, dem wird die innere Wahrheit dieser Forderung aus jedem einzelnen wahrhaft künstlerischen Producte irgend eines Zeitalters entgegentreten: Die Heiterkeit und die fröhliche Kampflust alter Griechen in Homers Gesängen, das Aufdämmern der Gedanken allumrankender Liebe bei Sophokles; in Dantes göttlicher Komödie die grüblerische Mystik des Mittelalters, und in unseren Tagen die Geburt und das Heranwachsen socialer Empfindung, der Ausbau des Innenlebens in Gerhardt Hauptmanns Dichtungswelten. Auch die Judenfrage, die gespenstige Begleiterin der letzten zweitausend Jahre, hat in der Literatur ihre Spuren hinterlassen, dergestalt, dass getrost ein Rückschluss aus der künstlerischen Verwertung des Judenmotivs auf die thatsäehliche Stellung, Schätzung und Behandlung der Juden in den verschiedensten Epochen g«wagt werden kann. Vielleicht ergäbe sien sogar ein subtileres Bild. Man verfolge den Judemypus in den lateinischen Weihnachtsdramen, in den Osterspielen, bei Gryphius, bis hinauf zu jener zitternden Welt, in der des sensitiven Georg Hirsch feld Gestalten werden und verbluten. Dort der Fremde, dessen Art zum Gespött, dessen Sprache zur Belustigung, dessen Standhafugkeit gegen die Lockungen des Taufbeckens zum Zorne reizt — hier das kranke Product der Assimilciüon, verkommen in der Qualmluft des Spielzimmers, ganz Aussenmen^eh. oder hinsterbend in der Sehnsucht nach unbeschreiblich reinem Glück, voll zermalmender Angst und süsser Stimmung, ganz Innenmeusch. Allein auch diese Menschen stellen nur Uebergangstypen dar; vielleicht dass des Aussenmenschen Entwicklungskräfie schon geschwunden sind — dem Innenmenschen wird ein neuer Mensch folgen, der die Angst nicht mehr kennt, dessen Glück nicht über den Wolken wohnt und dem die Sehnsucht gesundete an einem fernen, aber wirklichen Ziele. Angebahnt wurde der neue Entwicklungsgang um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, das mit seineu aufkeimenden „vernünftigen" Menschheitsgedanken die Judenfrage und die Judenlage auf neue Basis stellte. Es hat so ein eigenes Interesse, die dramatische Literatur des achtzehnten Jahrhunderts auf ihre Verwertung des Judenmotivs hin zu untersuchen. Einen künstlerischen Genuss bietet es nicht. Wir könnten höchstens Ergänzungen unserer historischen Kenntnisse jener Strebungen suchen, die in Christian Dohm ihren gewandtesten und würdigsten Vertreter, in dem preussischen Gesetze vom 11. Mai 1S1SJ ihren endgültigen Abschiuss fanden. Allein was uns in ungleich reicherer Fülle die dramatische Literatur jener Tage bietet, das ist der Niederschlag der Temperatur und der leitenden Getühlsrichtuugen, deren Kenntnis ein ungetrübteres Verstehen insbesondere auch der Judenfrage bietet, als die pragmatische Geschichte. Eine vor etwa zwei Jahren erschienene Dissertation von Herbert Carrmgton, die unter Kuno Fischers Leitung geschaffen wurde, gibt uns eine üeissige Zusammenstellung aller jener Theaterstücke aus präemaneipatorischer Zeit, die für oder gegen eine menschenwürdige Behandlung der Juden plaidieren. Es soll hier nicht unsere Aufgabe sein, den Auslührungen Carringtons Schritt um Schritt zu folgen. Was wir aber aus jener Arbeit herauslösen wollen, das ist ein intimerer Rückblick auf die widerstreitenden Humanitätsgedanken der aufdämmernden geistigen Revolution im achtzehnten Jahrhundert und auf die Auffassung jüdischer Art und Sitte und des Wesens eines Juden, die nicht nur ein culturhistorisches Interesse hat. sondern auch weiterhin nach mannigfachen Richtungeu psychologische Streiflichter wirft. Es ist natürlich, dass es Pro- und Oonira-Dichter gab. Beide aber berühren sich darin, dass sie keine Juden auf die Bühne stellen, sondern idealisierte Gestalten: der eine eine rassenlose Fleischwerdung aller Güter hinieden, der andere die Summation alles Teuflischen auf Erden. Gegen Ende des Jahrhunderts freilich ändert sich das Bild. Die Beobachtung wird schärfer, und oft werden — wenn auch nicht abgeschlossene Charaktere - so doch einzelne Züge verblüffend genau gegeben. Lessings Reisender in seinen „Juden" ist ein Complex edler Qualitäten. Er ist über Jude- und Nichtjudesein emporgehoben — ein selbstlos idealer Mensch. So sehr Mensch, dass er eben nur beweist, dass es unter den Juden auch gute Menschen giebt: nicht aber, dass ein guter Jude auch ein guter- Mensch sein müsse. Wie sagt doch der Diener?: „Es gibt Juden, die keine sind." Charakteristisch für diesen Reisenden ist, dass er sich nicht zu erkennen gibt. In anderen Dramen finden wir vorerst auch die jüdische Abkunftverschwiegen. Die Gründe sind verschieden: Stephanie der Aelteren „schöne Jüdin" (Wien 1773) verschweigt ihre Herkunft, weil sie fürchtet, von den Bällen des Grafen ausgeschlossen zu werden. Ein sehr tiefgehender Conflict kehrt in den älteren Judendramen immer wieder: Die Liebe eines Juden zu

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