Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 27 (6.7.1900)
- Article
- Von der jüdischen Nationalbibliothek in Jerusalem
- Date
- 1900-07-06
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 ,Die s£ Welt" Nr. 27 walt ungs-Ausschuss der Bibtiothek habe sich an die „Ica" und an die „Alliance israelite" mit der Bitte um Unterstützung gewendet. Von den jüdischen Gelehrten in den westeuropäischen Ländern, die nach ihrer Versicherung Anhänger des cultur eilen Zionismus sind und versprochen haben, in ihrem Wirkungskreise für die Nationalbibliothek thätig zu sein (Dr. Güdemann, Dr. Karpeles etc.), ist nichts zu vernehmen. Einige hiesige Satiriker haben den Vorschlag gemacht einen Aufruf an die Engländer nichtmosaischer Confession ergehen zu lassen, die bei ihrer Sympathie für alles, was Palästina betriffc, dieses Institut, für^das die Golusjuden kein Verständnis haben, ohne Zweifel reichlich unterstützen würden. Ich erfahre soeben, dass mehrere russische Zionistenvereine beschlossen haben, für die Bibliothek einen Jahresbeitrag von 3 Rubeln zu leisten. Mögen sie diese Beiträge ehestens einsenden! Für die nothleidenden Juden in Bessarabien wurde zu Nerzinsk im Baikal-Gebiete (Russland) ein VVohlthätigkeitsbazar veranstaltet, der ein Erträgnis von 800 Rubel abwarf. Auch in Ts c h i t a am Baikalsee soll zugunsten der bessarabischen Juden eine literarische Soiree veranstaltet werden. Im gesammten Baikalgebiete wohnen ungefähr 1000 jüdische Seelen: dennoch wurden bisher an 2000 Rubel für die bessarabischen Brüder aufgebracht, und noch immer fliessen reichlich Spenden zu. Professor Emil Schürer über das Blutmärchen. Emil Schürer, der berühmte protestantische Professor in Göttingen, schreibt in der „Theologischen Literatur-Zeitung" vom 23. Juni eine Kritik über Stracks Essay, populäre Meinungen über das Blut betreffend, in der er d<is Blutmärchen als eine lächerliche, vollkommen grundlose Anklage bezeichnet. Dass die Welt von diesem mittelalterlichen Aberglauben noch lange nicht befreit sein werde, zeigten die Vorgänge in Könitz. Aber für diejenigen, welche der Vernunft zugänglich sind, sei die Sache einfür allemal erledigt. Dieser Protest ist umso bemerkenswerter, als Professor Schürer durchaus nicht judenfreundlich gesinnt ist. Die jüdischen Soldaten in den amerikanischen Kriegen. Vor kurzem veranstalteten 200 ehemalige jüdische Soldaten, die theils am Bürgerkrieg und theils am Kriege gegen Spanien theilgenonimen hatten, im Tempel „Emanuel* in New-York eine Gedenkfeier für ihre kriegsgefallenen Waffengefährten. Bei der Feierlichkeit war auch der General-Gouverneur von New-York, Mr. Roosvelt, anwesend, der den Feldzug gegen Spanien als Cavallerie-General ebenfalls mitgemacht hatte. Mr. Roosvelt hielt eine Rede, in der er die Tapferkeit und Bravour der von ihm befehligten jüdischen Soldaten pries und in lebhaften Farben schilderte. „Haschiloah", die bekannte, von Achad-Haani (A. Ginzbenr) redigierte hebräische Monatsschrift soll dem Vernehmen nach in ein Wochenblatt umgewandelt werden. Eine Geschichte der Jargor.-Literatur in hebräischer Sprache wird demnächst in Warschau im Verlag „Achiasaf--' erscheinen. Der Autor ist der bekannte hebräische Schriftsieller Elieser S c h u 1 m a nn. Der ungarisch-israelitische Landes-Culturfonds. der u. a. den Zweck hat, durch Errichtung und Subventionierung von Schulanstalten die culturelle Hebung der ungarischen Judenheit, namentlich in den östlichen Comitaten, zu fördern, wird im Herbste d. J. in der Ortschaft Körösmezö des Marminoser Comitates seine erste Schule eröffnen. Ein geeignetes Gebäude samnit Garten etc. wurde dem Fonds in Anbetracht des cultuiellen Zweckes von dem Eigenthümer um 100 fl. unter dem Schätzungswert überlassen. Zahlreiche antisemitische Excedenten aus der Umgebung von Nikolajew, die sich im vorigen Jahre gröblicher Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung ihrer Wohnorte schuldig gemacht hatten, wurden kürzlich von dem Strafgerichts hofe in Odessa zu empfindlichen Gefängnis- und Geldstrafen verurtheilt Sämmtliche Verurtheilten appellierten an den Senat, der sich in den nächsten Tagen mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen haben wird. Attentat gegen einen jüdischen Gemeindevorsteher. Dieser Tage findet in Kiew eine interessante Gerichtsverhandlung statt. Per Cultusvorsteher in Kiew, Herr A. L. Aschken a s i, hat nämlich den Kaufmann Stammer aus Ostroha belangt, weil dieser gedroht hatte, Aschkenasi niederzuschiessen. Stammer war nämlich an die jüdische Gemeinde in Kiew mit der Bitte herangetreten, ihm einige tausend Gulden zur Verfügung zu stellen, damit er sein Werk, das von der Verbesserung der Lage des jüdischen Volkes handelt, herausgeben könne. Er wurde abgewiesen und schrieb die Schuld daran dem Gemeindevorsteher Aschkenasi zu. Er forderte diesen zum Zweikampfe heraus, und als Aschkenasi sich weigerte, der Herausforderung Folge zu leisten, zog Stamm er seine Pistole gegen ihn. Das Schicksal der auswandernden Juden. Der in New-York erscheinende , World" .berichtet: Seit dem 1. Jänner 1900 bis zum 10. Mai haben 6SS Juden in New-York allein Selbstmorde begangen. Dor Wochenbericht des Matrikelamtes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde für die Zeit vom 15. bis zum 22. Juni l'JOO weist 20 Trauungen, iö Geburten und 3S Sterbetalle auf. Correspondenzen. Innsbruck. Die Statthalterei löste sämmtliche Corps und Burschenschaften, sowie den akademischen Alpenclub auf. Anlass zu dieser Massregel gab eine von diesen Verbindungen gefasste Resolution, in welcher gegen die Berufung des Professors Beinheimer an die hiesiga Universität Protest erhoben wurde, weil derselbe jüdischer Abstammung ist. Stanisiau. Geehrter Herr Redacteur! Ihr Leitartikel über die hiesigen Vorgänge anlässlich des Durchzuges der rumänischen Emigranten, welcher die natürliche Stimmung eines jeden Juden gegenüber der schmählichen Abschiebung unserer wandernden Brüder sonst treffend zum Ausdrucke bringt, bedarf in einem wesentlichen und für die Beurtheilung der hiesigen Judenschaft entscheidenden Punkte einer Richtigstellung. Der Artikel macht für das traurige Geschehnis am Stanislauer Bahnhofe die „Juden von Stanisiau" verantwortlich, und bis auf eine Stelle, wo von der Absicht des „Volkes", die Wanderer gastlich zu bewirten, gesprochen wird, scheint der offenbar auswärtige Verfasser von der Vorstellung beherrscht, die gesammte Judenschaft Stanislaus oder mindestens der dem „Volke" gegenübergestellte Theil derselben wäre au der kläglichen Haltung der jüdischen Gemeinde in dieser Affaire betheiligt gewesen. Dem ist erfreulicherweise nicht so, und zur Ehre der Stanislauer Juden muss es ausdrücklich betont werden, dass fast alle jüdischen Kreise sich auf die erste Nachricht vom Eintreffen der rumänischen Auswanderer mit der grössten Opferfreudigkeit und einer schon lange nicht beobachteten Begeisterung zu einer brüderlichen Bewirtung derselben während der Schebuoth-Feiertage rüsteten. Leider sind die „Juden von Stanisiau" an der Ausübung dieses Bruderwerkes durch die in ihren Motiven bis heute nicht ganz erklärliehen Machenschaften einiger Persönlichkeiten und durch eine mit Hilfe der Behörde inscenierte Ueberrumpelung verhindert worden. Die allgemeine Empörung der ganzen jüdischen Bevölkerung über dieses „Stückchen" einiger „Macher" war jedoch für den unbefangenen Beobachter ein erfreulicher Beweis dafür, dass die „Juden von Stanisiau" besser sind, als der geehrte Herr Artikelschreiber anzunehmen scheint,