Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 27 (6.7.1900)
- Article
- Der vierte Congress
- Date
- 1900-07-06
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die x> Welt** Nr. 27 gemeinschaftlich von einem Seehafen des Continents aus zu unternehmen. Die Delegierten und sonstigen Besucher des Congresses, welche sich an der gemeinschaftlichen Fahrt betheiligen wollen, werden gebeten, dies bis Ende Juli a. c. dem Bureau der Zionistischen Vereinigung, Cöln a. Rh. — Daunstrasse 12, mitzutheilen. Dem Secretariate des Congressbureaus wurden bis zum 2. Juli bereits folgende Wahlen gemeldet: E. K a r 1 i n in Amsterdam, Hugo Schachtel in Breslau, E. Weissenberg, Dr. Theodor Schur, Marcus Sachs und A. B e 1 k o w s k y in Petersburg, A. S c h e i di n in W e 1 i k y-S e s k v,Dr. R. G o tt h e i 1, Frau Gottheil, Dr. Gordon, Dr. Schaffer, S a r a h s o h n, Dr. S. S. W i s e, Dr. B lu e s t o n e, Frau Leon, Dr. Fricdländer, Dr. Z i n s 1 e r, Dr. Mende s, Rabbiner Levinthal, Levin, Morrison, Funke 1, Schur, Zolotkow, Rabbiner Gunsberg, Mayer, Dr. Scharf, Solomon, Fräulein Solomon, A. Tannenbaum, sämmtlich von der „Federation of American Zionists". Die Thätigkeit der Ica. (Schluss.) Palästina. Die Colonien Mischmar Hajarden, Chederah, Waad el-Chanin und Rechowoth, welchen die Gesellschaft 1897 grössere Anleihen gewährte, haben ihre Reorganisation vollendet Waad el-Chanin lieferte 1899 für 17.720 Francs, Rechowoth (12 Colonisten) für 140.000 Francs Trauben an die Keller in Rischon le Zion ab. Davon wurden zur Schuldentilgung von der erstgenannten Colonie 1880, von der zweiten Colonie 102.500 Francs geleistet. In Mischmar und Chederah haben die Colonisten klugerweise nicht ihre ganze Existenz auf den Weinbau gegründet. Sie bauen auch Weizen, Hafer, Gerste, Erbsen und andere Getreideartoi. Die Weizenfeder in Mischmar sind im Umfange von Ö00 Hektaren durch Heuschrecken verwüstet worden. Nach Abzug der Zehnten und anderer Gebüren ernteten 12 Colonisten 184 Hektoliter Weizen, 267 Hektoliter Gerste, 37 Hektoliter Wicken, 130 Hektoliter Erbsen und 40 Hektoliter Sago. Die Missernte scheint aber die Colonisten nicht im geringsten entmuthigt zu haben. In Gadrah. wohnen auf 330 Hektar 23 Familien incl. einiger Händler und Handwerker. Von 12 Colonisten, welche nur von Weinbau leben, haben 6 eine grössere Anleihe von der Gesellschaft aufgenommen. Letztere haben in diesem Jahre für Trauben einen Erlös von 10.000 Francs erzielt. Die neue Colonie Sejera (Sedjera) umfasst 1200 Hektar, wovon die Gesellschaft 980 Hektar in ihren Besitz gebracht hat. Sie besitzt in der Nähe der Colonie ausserdem 400 Hektar steinigen Boden, von dem im Jahre 1900—1901 die Hälfte zum Ackerbau vorbereitet sein wird. Die im Jahre 1899 in Jerusalem eröffnete Weberei beschäftigt 53 Personen mit 24 Webstühlen. Die Arbeit wird von den Juden in 6 Wochen vollständig erlernt. Die Zahl der Stühle wird auf 53 gebracht werden. Auch Strickmaschinen werden an 13 Frauen auf Abzahlung gegeben, auf die bereits 600 Francs abgezahlt wurden In S Tagen lernen es die Frauen, die Maschine mit grosser Leichtigkeit zu handhaben. Der Bericht hebt als das wichtigste Ereignis des verflossenen Geschäftsjahres die Abtretung der Rothschildschen Colonien an die Gesellschaft hervor und fügt hinzu, die Ica studiere jetzt die Mittel und Wege, um die unter ihre Leitung gelangten Colonisten zu selbständigen Arbeitern zu machen. „Aber auch um das Wohlergehen der unabhängigen Colonisten sind wir sehr bemüht Wir waren bestrebt, eine gemischte Cultur einzuführen, damit dieselben nicht gar zu sehr vom jedesmaligen Erfolge abhängen müssen." Cypern. Die von dem Londoner Verein „Ahawath Zipn" auf Cypern gegründete Colonie Margo - Tiflik musste total reorganisiert werden. Von den 15 Familien, die im September 1898 sich da ansiedelten, giengen 10 sehr bald nach England zurück. In die leer gewordenen Räume lückten 10 Landarbeiter aus Palästina ein. Die Colonie besitzt inclusive einem Administrator, einem Schochet, einem Lehrer, einem Ladenbesitzer und mehreren Handwerkern, 83 Seelen. Diese Zahl wird aber bald einen namhaften Zuwachs erhalten, da die jüngeren Colonisten sich baldigst zu verheiraten wünschen. Zwei Dämme wurden angelegt, um das in der Nähe fliessende Wasser auf die Colonien zu leiten. Die Dämme haben „schweres Geld" gekostet, dafür ermöglichen sie es, 170 Hektar Land zu bewässern. Das Wasser treibt auch während vier Monate im Jahr 2 Mühlen. Die Ernte ergab : Von 5l/2 Hektar Weizenland 30 Hektoliter, ebensoviel wurde von 3 Hektar Haferland geerntet. Wicken, gesäet auf 4 Hektar Brachland, ergaben 4 Hektoliter, und die Gerste gerieth so schlecht, dass es sich nicht gelohnt hat, sie zu ernten. Unter diesen Umständen muss jeier Colonist, um existieren zu können, so viel Land haben, dass die Colonie höchstens 20 Familien wird beherbergen können. Kleinasien. Od Jehuba heisst die erste von der Gesellschaft in Kleinasien angelegte Colonie. Sie ist 107 Kilometer von- Smyrna und 3 Kilonieter von der Station Kapakly, 6 Kilometer von der Station Ak-Issar an der Eisenbahn Magnesia- Sorna (Zweigbahn der Linie Smyrna-Kassaha) entfernt. Die Colonie umfasst 2587 Hektar, von denen 1105 zur Cultur geeignet, der Rest gebirgig ist. Vorerst haben sich einige ehemalige Zöglinge von Mikweh-Israel niedergelassen. Russland, Rumänien und Galizien. In Russland hat die Gesellschaft das Feld ihrer Thätigkeit beträchtlich erweitert. Sie hat 21 Agricultur- und technische Schulen mit circa 850 Zöglingen unterstützt und an 15 landwirtschaftliche Unternehmungen respective Colonien Darlehen gewährt, von denen ein Theil bereits zurückgezahlt ist. In Rumänien wurden einstweilen zwei Handelsschulen und 14 Volksschulen von der Gesellschaft subventioniert. In Galizien ist mit Hilfe der Ica eine „Creditgenossenschaft für Kleinhandel und Kleingewerbe" eröffnet worden, welche an ihre Mitglieder Darlehen mit wöchentlichen Rückzahlungen gegen sehr massige Zinsen gibt. Die Genossenschaft hat in Stanislau, Tarnow und Kolomea ihre Thätigkeit begonnen. Von den Boryslawer Bergarbeitern haben auf Kosten der Ica 83 Familien mit 394 Seelen die Stadt verlassen und bereits anderswo Beschäftigung gefunden. Tribüne. Genf; 24. Juni 1900. Mit Entrüstung und äusserster Empörung erfahren wir soeben die unjüdische, abscheuliche Behandlung unserer armen, unglücklichen, aus Rumänien auswandernden Brüder seitens eines Theiles des Vorstandes der jüdischen Cultusgemeinde zu Stanislau in Galizien. Er war uns unmöglich zu glauben, dass es unter unserem Volke, das ein fühlend Herz für alle Unterdrückten hat, solche Individuen gebe, die so tief gesunken, so thierisch unbarmherzig wären, und dass sie, was bei weitem schrecklicher ist, an der Spitze einer grossen jüdischen Gemeinde stünden. Jedoch ist es eine Thatsache, die wir schmerz- und schamerfüllten Herzens constatieren müssen. Wir sprechen daher diesem Theile des Vorstandes der jüdischen Cultusgemeinde zu Stanislau unsere tiefste Verachtung aus und bedauern die dortige Judenheit überhaupt, die sich von solchen niederträchtigen Volksverräthern leiten lässt Wir erklären es als beispiellos brutal und gemein, arme, unglückliche Brüder, die dem Hungertode und der stets über sie geschwungenen Peitsche entfliehen, so schnöde bei der Polizei zu verleumden und ihnen den Eintritt in die Stadt erbarmungslos zu verwehren. Die Möglichkeit einer solchen Brutalität sprechen wir sogar den grimmigsten Antisemiten ab: deren können nur jüdische Assimilatoren fähig sein. Wir bekunden aber zugleich unsere innigste Solidarität mit jenen verhassten, gehetzten, hungernden Brüdern, die mit einem seltenen Heroismus und einer merkwürdigen Ausdauer alles Unbill und Elend ertragen, um nur nicht ihrem Volke untreu zu werden, und wünschen ihnen gute Reise und viel Glück in ihren neuen Aufenthaltsorten. Mögen sie wissen — und das soll ihnen Trost gewähren und ihr hartes Los erleichtern — dass es noch Juden gibt,