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Die Welt · 1900-07-06 · 27 (6.7.1900) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
27 (6.7.1900)
Article
Sittliche Erziehung
Date
1900-07-06
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 27 „Die & Welt** Seite 5 Vergangenheit des jüdischen Volkes Fäden fortspinnt zu der Gegenwart und Zukunft, indem sie nicht ein eingesargtes, nur vormals lebendig gewesenes, sondern das wirkliche^ wahre, wirksame, lebende und ewig lebendige Judenthum vorträgt. So arbeitet sie an der Herstellung der Continuität des jüdischen Geistes, an der Entwicklung, Fortbildung und Ausgestaltung desselben. Darin liegt die Bürgschaft dafür, dass sie keine Utopie, keine abenteuerliche Phamtasterei ist, sondern eine . sittliche Freiheitsthat, des Sch weisses aller Edlen wert. B. Jacobs. ©ei3 Funjäniscbe ß^odus. Die überraschte „Allianz". Die „Israelitische Allianz" zu Wien versendet folgendes Circular: „Wien, im Juni 1900. Hochgeehrter Herr! Die seit zwei Jahrzehnten kaum erträgliche Lage der rumänischen Juden nahawin den letzten zwei Monaten eine derart schlimme Wendung, dass wir uns fast ohne Uebergang vor einer Katastrophe sehen, die an Ausdehnung und Tragweite an die russischen Emigrationsbevvegungen der Achtziger- und Neunzigerjahre heranreicht. 250,000 Juden Rumäniens sind dem Verderben preisgegeben worden. Man hat sie von gesetzeswegen zu „Fremdlingen" erklärt, sie sammt und sonders aus den Dörfern und kleinen Städten verjagt, ihnen Handel und Gewerbe unterbunden, ihre Kinder vom Schulunterrichte ausgeschlossen und alle mit unbeschreiblicher Grausamkeit dem Verhungern ausgesetzt. Die zwei letztjährigen Missernten steigerten das Elend unter den Juden aufs äusserste. Die Regierung verfügte Nothstandsarbeiten, aber nicht für Juden, sie vertheilte Unterstützungen unter den Nothleidenden, doch nicht unter Juden. Bei den Christen finden die Juden keine Arbeit, undjüdische Unternehmer dürfen nur einen kleinen Percentsatz Juden beschäftigen. Durch solche Massregeln werden die Juden zur Auswanderung gedrängt, um das nackte Leben zu erhalten. Täglich haben wir in unserem Bureau bis zu 60 und noch mehr solcher Flüchtlinge zu versorgen. Am 10. Juni reisten mit unserer Beihilfe von Oswiecim nach Canada 110 Emigranten ab. Grosse Züge Fusswanderer sind uns signalisiert worden. Viele tausende sind noch zu erwarten, wofern wir nicht mit allergrösster Beschleunigung die Mittel aufbringen, um den Verhungernden in Rumänien selbst ausreichende Unterstützungen zu gewähren, damit sie die schwere Wartezeit bis zur hoffentlich günstigen Ernte dieses Herbstes überdauern können und eine in ihren Folgen unberechenbare, überstürzte Emigration eingedämmt werde. Unser Verein eröffnet nun eine Spendensammlung und richtet an Euer Hochwohlgeboren die inständigste Bitte, unsere Hilfsaction mit einem namhaften Betrage zu fördern und uns Ihre Spende gütigst e h e b a 1 d zuzuwenden, da die Unterstützungsaction eine äusserst dringende ist." Wir unterschreiben den Appell an die jüdische Wohlthätigkeit vom ganzen Herzen und wünschen, dass unsere Stammesgenossen sich ohne Ausnahme an der dringend nöthigen Hilfsaction betheiligen. Aber der Umstand, dass die „Allianz" eine Sammelstelle für Spenden eröffnet, kann uns nicht daran verhindern, in ihrem Aufrufe ein naives Geständnis ihrer Hilflosigkeit und Unfähigkeit zu sehen. ,Die seit zwei Jahrzehnten kaum erträgliche Lage der rumänischen Juden" ist ihr wohlbekannt, muss ihr bekannt sein, denn das ist ja die Existenzberechtigung der „Allianz", dass sie mit offenen Augen die Lage der Juden in allen Ländern studieren soll; wie soll man sich's nun erklären, dass „die Katastrophe" sie so sehr überrascht und aus der Fassung bringt? Die unerträgliche Lage der rumänischen Juden hat, so lange sie sich in den elenden Ghettos der rumänischen Städtchen verbarg, die „Allianz" wenig gekümmert; jetzt, da die Lage der ganzen Welt offenbar ist, ist sie zur Katastrophe geworden — für die „Allianz". * Ein Brief aus Rumänien. Von den Zionisten aus Stefanesci erhielt einer unserer Führer folgenden Brief: „Unser Städtchen zählte noch vor kurzem 500 Einwohner, von denen 50 bereits abgereist sind. Der Rest besteht aus circa 50 Kleinhändlern, während der übrige Theil auf Handwerker, Fuhrleute und dergleichen fällt. Letztere waren schon seit vorigem Jahre in grösstes Elend gerathen, da sie keine Arbeit finden, um für sich und ihre Familien den Lebensunterhalt zu bestreiten, wodurch wir uns schon seit vorigem Herbste gezwungen sahen, ihnen, soviel wir vermochten, Hilfe zu leisten. Indem sich aber die Umstände in letzterer Zeit soweit verschlimmerten, dass auch die Kaufleute und all die Handwerker ihrer Existenz entbehren, so blieben die letzteren ohne die mindesten Hilfsmittel, so dass ein fürchterliches Elend unter den Armen wüthet. Schaudeihaft ist es zuzuschauen, wie diese wackeren Leute, die bis zum vorigen Jahr doch die Mittel, ihr Dasein zu fristen, fanden, nun müssig auf der Strasse herumgehen, ihr Elend klagend, dass Frau und Kinder zuhause verhungern. Soweit es noch in unseren Kräften steht, kommen wir ihnen entgegen: allein der rumänische Staat will gar keine Rücksicht nehmen und pfändet ihnen allen den letzten Vorrath weg, da sie Steuern und sonstige Abgaben zu entrichten nicht mehr imstande sind. Die Zukunft verdunkelt sich immer mehr und bietet keine Hoffnung und Aussichten für Besserung dar. in dieser ausserordentlich bedrängten Lage haben 100 Familien dieser Armen sich entschlossen, zu Fuss nach Hamburg auszuwandern, wo sie Hilfe zu suchen gedenken, um nach Amerika zu gelangen. Aus Mitleid wollen wir unsere letzten Kräfte aufbieten, weder Mühe sparen, noch Rücksicht mit uns selbst nehmen und alles anwenden, um ihnen die Mittel zur Reise bis nach Wien zu verschaffen. Unsere inständigste Bitte geht also dahin, dass Euer WohJgeboren darüber beschliessen und uns dann unverweilt gütigst anzeigen mögen, welche. Zufluchtsstätte sich am besten für diese Armen schickt, sowie auch ihnen Unterstützung zum Fortsetzen ihrer Reise von Wien zu geben. Euer Hochwohlgeboren, als allgemein bekannter treuer Glaubensgenosse und wirksam strebender Helfer unserer Nation, werden auch uns hoffentlich mit vernünftigem Rathe und milder That beistehen, wofür wir Ihnen unseren verbindlichsten Dank im vorhinein aussprechen." Die Juden und die rumänische Regierung. Am 30. Juni versandte die officiöse Bukarester „Agence Roumaine" ein Telegramm, welches von den meisten Wiener Blättern veröffentlicht wurde und in welchem es hiess: „Die Blätter (d. h. die rumänischen) dementieren „aus guter Quelle" die Behauptung ausländischer Journale von angeblichen Verfolgungen der Israeliten in Rumänien. Es sei weder ein Fall von Verfolgung, noch irgend eine derartige Klage vorgebracht worden . . . ." Des Weiteren wird, anscheinend nebenbei, bemerkt, dass die Zahl der Auswanderer eine geringe sei und besonders hervorgehoben, wie vorsorglich die rumänischen Behörden sich den Auswanderern gegenüber verhalten, indem sie von ihnen in ihrem eigensten Interesse den Nachweis, dass sie im Besitze einer bestimmten Geldsumme sind, fordern und ihnen sogar die freie Fahrt in Aussicht stellen.

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