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Die Welt · 1900-06-29 · 26 (29.6.1900) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
26 (29.6.1900)
Article
Die Juden, wie die Christen sie sehen
Date
1900-06-29
Page
14 (sequence 1)
Language
German
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Seite 14 ,Die j£ Welt* Ni. 26 Die Juden, wie die Christen sie sehen. Es ist nicht Undankbarkeit und sicherlich nicht Ueberdruss, wenn wir christliche Schritten zur Verteidigung der Juden ohne besondere Begeisterung aufschlagen. Wir haben so viele Feinde und Ankläger, dass jeder Freund und Vertheidiger unseres Dankes und unseres Interesses sicher sein kann. Nur haben die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte unsere Erwartungen sehr herabgestimmt, und wenn wir die Apologie eines christlichen Menschenfreundes lesen, so haben wir die vielleicht nicht immer berechtigte, aber gewiss begreifliche Empfindung: Schade um die Mühe! Jene Optimisten unter uns, die jede judenfreundliche Aeusserung eines braven Pfarrers mit gewissenhaftem Stolze registrieren, als wäre dadurch die Judenfrage um einen Schritt ihrer Lösung nähergerückt, die das Ende des Judenhasses sehen, wenn ein gelehrter Professor an einer theologischen Facultät in menschlicher Empörung die Verbreiter des Blutmärchens als Schurken oder Cretins brandmarkt — jene Leute sind zu beneiden; uns ist diese Freude versagt. Deshalb hat uns auch das überaus interessante Buch „Die Juden in Russland* (von August Scholz. Berlin. 1900. Concordia) auch nicht eine Stunde lang aus unserer pessimistischen Stimmung zu reissen venmocht. Eine überwältigende Fülle von judenfreundlichen Stimmen aus christlichen Kreisen! Aussprüche von Staatsmännern, Officieren, Verwaltungsbeamten, Geistlichen, Schriftstellern, Journalisten, Kaufleuten und alle des gleichen Inhaltes: Die schlechten Eigenschaften der Juden haben die christlichen Regierungen auf dem Gewissen, aber der guten Eigenschaften sind noch so viele, dass die Christen mit ihren Judenverfolgungen das grösste Unrecht an sich selber begehen. Wenn solche Schriften an der Judennoth etwas ändern könnten, diese Zeugnisse müssten es thun. Im Folgenden seien die wichtigsten Punkte hervorgehoben. Das jüdische Martyrium. „Die Geschichte hat niemals eine widerlichere, peinlichere, dem Geiste wahrer Menschlichkeit widersprechendere Frage in ihren Annalen zu verzeichnen gehabt, als die Judenfrage. Die Geschichte der Menschheit überhaupt ist eine endlose Martyrologie, gleichzeitig aber ist sie ein unaufhörlicher Erleuchtungsprocess. Im Bereiche der Martyrologie nimmt das jüdische Volk die erste Stelle ein, im Bereiche der Erleuchtung steht es abseits, als ob die hellstrahlenden Perspectiven der Geschichte auf dasselbe durchaus keinen Bezug hätten. Es gibt keine herzzerreissendere Erzählung, als die Erzählung von dieser endlosen Peinigung des Menschen durch den Menschen. Sogar die Geschichte, die doch für die räthselhaften Abweichungen vom Lichte zur Finsternis im späteren Gange der Ereignisse ein entsprechendes Correctiv findet, auch sie hat in diesem Falle ihre Ohmnacht und Unzulänglichkeit an den Tag gelegt." „Kein einziger Mensch in der ganzen Welt wird in sich so viel schöpferische Kraft besitzen, um sich in den Zustand dieser endlosen Agonie zu versetzen, der Jude aber wird in demselben geboren. Als Gezeichneter wird er geboren, als Gezeichneter kämpft er den Todeskampf des Lebens, und als Gezeichneter stirbt er. Oder, besser gesagt, er stirbt nicht sondern er sieht sich auch noch nach dem Tode mit dem Brandmal gezeichnet in der Person seiner Kinder und Enkel. Es gibt kein Entfliehen aus diesem siedenden Pech . . . Was der Jude auch beginnen mag, er bleibt der Gezeichnete. Wird er Christ, so ist er ein Renegat; verbleibt er im Judenthum, so ist er ein stinkender Hund. Kann man sich eine unsinnigere, gewissenslosere Quälerei vorstellen?" (Michael Saltykow.) Weshalb? „ . . . Man muss den antisemitischen Zeitungen die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass sie ihren Kampf mit den Juden ohne Furcht und Rücksicht führen. Wenn es nach ihrer Meinung nothwendig erscheint, die Juden irgend einer unerhörten Brandstiftung oder eines Agrarverbrechens anzuklagen — dann werden sie das eine oder das andere ersinnen; ist es nothwendig, sie irgend einer unerhörten Moi'dthat zu beschuldigen — sie werden auch die Mordthat erdichten. Weshalb aber geschieht das alles? Ja, das ist's eben — weshalb? Ich kenne ein paar vornehme Petersburger Damen, die niemals Petersburg verlassen, nie in ihrem ganzen Leben einen Juden gesehen haben, und" die trotzdem das Wort „Jude" nicht ruhig anhören können. Und diesen unbezwinglichen Hass gegen die Juden, der fast an Idiosynkrasie streift, haben sie einzig und allein aus ihrem Leib blatte „Nowoje Wremja" herausgelesen . . ." (Natalia Petrowna Uwarowa, geb. Fürstin Gortschakow.) Unsere Fehler. „Das Böse, das wir ihnen zuschreiben, ist ein Werk unserer Hände; das Gute, das wir an ihnen bewundem müssen, verdanken sie sich selber . . . Wenn die Juden auch nur ein Viertel unserer Fehler hätten, wäre ihr Name längst vom Antlitz der Erde vertilgt worden." (Nikolaj Schelgunow.) (Fortsetzung folgt.) Von der Jeschiwa zur Oper. Adolf Mühl m ann, der gefeierte Baryton der Londoner Oper, hat einem Vertreter des „Jewish World" seine Geschichte erzählt — eine charakteristische jüdische Geschichte von Armut, Verlassenheit, Hilflosigkeit, die ein starkes WoDen überwindet. In Kischineff in Bessarabien geboren, verlor er seinen Vater im zarten Alter von drei Jahren, und da dieser es vor seinem Tode der Mutter als heilige Pflicht ans Herz gelegt hatte, das Kind zum Rabbiner zu erziehen, so wurde der kleine Adolf ins Cheder und in die Jeschiwa geschickt. Dort entzückte er seine Kameraden so sehr mit dem Vortrage altjüdischer Melodien, dass alle ihm riethen, Chasan zu werden. Zwar wollte seine Mutter nichts davon hören, aber ein befreundeter Cantor, der es für sündhaft hielt, eine so herrliche Stimme zu vernachlässigen, gab ihm Gesangsunterricht. Das währte drei Jahre, dann gieng Adolf Mühlmann als Chorsänger an eine grosse Synagoge nach Odessa, wo er ein Jahr blieb. Dort rieth ihm der Director des Conservatoriums, sich ganz der Musik zu widmen und zu diesem Zwecke nach Wien zu gehen. Dazu konnte er unter keinen Umständen die Einwilligung seiner Verwandten erlangen, aber sein Entschluss war unabänderlich, und trotzdem seine Familie sich ganz von ihm abzuwenden drohte, gieng er im Jahre 1S87 auf eigene Faust nach Wien. Doit ass er „Tage", das heisst, er bekam täglich in einer anderen Familie das Mittagessen; Frühstück und Abendbrot waren ihm unbekannte Genüsse. Er studierte eifrig die deutsche Sprache: musikalischen Unterricht genoss er hauptsächlich bei Professor Scheu. Endlich verschaffte ihm Baronin Königswarter ein kleines Stipendium und eine Stelle als Chorsänger, so dass er, alles in allem, etwa zehn Gulden monatliches Einkommen besass. So lebte er drei Jahre; den grössten Theil des Honorars bezahlte er nachträglich, als er seine ersten Engagements erhielt. Die ganze Zeit über war er muthig und hoffnungsvoll: er verzweifelte nie, so ungeheuer auch die Schwierigkeiten waren, die er zu überwinden hatte. Er hatte nie dramatischen Unterricht genossen, da es ihm schwer genug wurde, das Honorar für den Musikunterricht aufzubringen. Er trat zum erstenmale in Rotterdam auf, von dort gieng er nach Düsseldorf und dann nach Breslau, wo er von 1892 bis 18?>8 Mitglied der Oper war. Als sein Director Dr. Löwe vom Czar den Auftrag erhielt, mit einer deutschen Truppe in Petersburg zu gastieren, nahm er Mühlmann mit, und von dem Moment an war sein Glück gemacht. Die Czarin sandte dem jungen Künstler ein kostbares Geschenk als Zeichen ihrer Anerkennung, und bloss auf Jean von Reszkes Empfehlung hin erhielt er einen Engagementsantrag von Grau, ohne dass dieser ihn je singen gehört hatte. Noch im selben Jahre gieng Mühlmann nach Amerika und von dort nach London, wo er die Ehre hatte, am Geburtstage der Königin von England bei Hofe zu singen. Ihre Majestät war so entzückt von seiner Stimme und seinem Vortrage, dass sie ihm durch den Prinzen von Wales ein kostbares Geschenk sandte. So gross waren Mühlmanns Erfolge in London, dass Grau ihn für weitere drei Jahre engagiert hat, nicht ohne Dr. Löwe ein Heidengeld als Schadloshaltung zu bezahlen. Mühlmann ist glücklicher Gatte, Vater und — Sohn, denn seine Mutter hat sich längst mit dem Gedanken versöhnt, dass er kein Rabbiner, sondern ein berühmter Sänger geworden ist; er ist trotz aller Erfolge ein bescheidener, einfacher Mensch und stolz auf sein Judenthum.

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