Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 26 (29.6.1900)
- Article
- Männerstolz
- Date
- 1900-06-29
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 26 ,Die 2£ Welt" Seite 13 verein nach Paris, um dort zum Besten des Kölner Doms eine Anzahl von Concerten zu veranstalten. Er hatte namentlich mit dem Vortrage Heine'scher Lieder grossen Erfolg, und zum Danke dafür begab sich eine Deputation des Vereines zu dem todtkranken Dichter in die Avenue Matignon, um ihm eine Reihe seiner Lieder mit gedämpfter Stimme vorzutragen. Es war die letzte Freude des Dichters in seiner schauerlichen Matratzengruft: wenige Monate später war er todt. Wir stellen keinen Vergleich an; es wäre zu billig, den Wiener Männergesangverein von heute an dem Beispiel des Kölner Männergesangvereines von damals zu messen. Und vollends abgeschmackt würde es sein, die armen Leute in der Wiener Gemeindestube für die Tragikomödie verantwortlich zu machen, zu der sie sich in ihrem Judenhass missbrauchen liessen. Sie haben vermuthlich keine Idee davon, was ein grosser Dichter ist, und so wenig ein Jude etwas dafür kann, dass das Schicksal ihn zu einem unsterblichen deutschen Poeten bestimmt, so wenig kann ein Greisler etwas dafür, dass er es zum Wiener Gemeinderath bringt. Heine selbst würde wahrscheinlich sehr tolerant über diese drolligen Feinde seiner Unsterblichkeit gedacht haben, die zum Muthe der Unwissenheit den Muth der Majorität gesellen, ohne zu ahnen, wie wenig sie sich selbst und wie sehr sie das „goldene Wiener Herz" compromittieren. Nur darüber würde der Dichter wohl stutzig geworden sein, dass er von Leuten verleugnet wird, welche ihren Sängerruhm nicht zum kleineren Theile seinen Liedern verdanken und mit ihnen auch jetzt bis nach Paris hausieren gegangen sind. Er würde wohl kopfschüttelnd vor sich hingemurmelt haben: Andre Zeiten, and're VögeL Und das ist ja auch wirklich bei dieser ganzen trübselig-komischen Episode am nachdenklichsten, dass sie ihre Hauptacteure vom Wiener Männergesangverein mit ihrem Wahlspruche „Frei und treu" in so aschgrau trauriger Beleuchtung zeigt. Wer wird noch von einem Männer gesangverein sprechen, dessen Mitglieder gezeigt haben, dass sie zwar Sänger, aber nichts weniger als Männer sind? Da wird jahraus jahrein mit heroischer Pose von allem Herrlichen gesungen, was die Menschenbrust bewegt, von Liebe und Muth und Treue, aber bei dem Worte „Jud'" zerflattert der ganze sentimentale Mummenschanz — und nichts bleibt übrig als unmännlichste, kläglichste, beschämendste Unaufriehtigkeit. Das Unmännliche, jawohl, liegt wie ein Brandmal auf diesem ganzen Vorgange. Wir würden die Wahrheit verheimlichen, wenn wir sagten, dass uns derselbe überrascht habe. Vor uuseren Augen liegt dieser Männerstoiz der Majorität längst entschleiert, dem wir anheimgegeben sind, und jeder bettelhafte rumänische Jude, der flüchtig und verkümmert um ein wenig Menschlichkeit fleht, jeder assimilierte Protz, der im Innersten feig und furchtsam schlottert, während er nach aussenhin Muth und Sicherheit zur Schau trägt, jeder jüdische Hausierer, der Schimpf und Unrecht leidet, wenn er scheu und zaghaft seine Ware anbietet, jeder jüdische Advocat, dessen Kanzlei, jeder jüdische Arzt, dessen Ordinationsstube leer und verwaist steht — sie alle wissen zu erzählen, was der Männerstolz des Judenhasses zu bedeuten hat. Dieses Lied singt kein Männergesangverein und es ist doch viel ergreifender als alles, was je ein Poet gedichtet hat. Der Männerstolz, an dem armen, schwachen Juden erprobt, der sich nicht zu wehren vermag, er ist die allgemeine Signatur, und dass er sich gelegentlich sogar an dem todten Heine bewährt, wen mag es wundern? Und wer findet es räthselhaft, dass in sothaner Zeit der Greisler im Wiener Gemeinderath sich berufen fühlt, das Andenken eines grossen Dichters, der ein geborener Jude war, zu beschimpfen, und der Wiener Männergesangverein es gcrathen findet, dieses Andenken, das ein Stück seines eigenen Pommes ist, zu verleugnen? Es ist alles umsonst, alle Declamation und Entrüstung und Wehleidigkeit. Nur wenn die Juden selbst endlich von dem flsentimentalen Materialismus" sich lossagen, der auch dem Dichter Heine von einem grossen französischen Kritiker schon vor sechs Decennien vorgehalten wurde, nur wenn die Juden selbst sich mit wahrem Männerstolz erfüllen, wird es ihnen an der Thatkraft nicht fehlen, deren sie bedürfen, um sich über das Elend ihres Geschickes zu erheben. Und das ist es, das vor allen Dingen, was der Zionismus in erziehlicher Arbeit zu erlangen trachtet; der Zionismus ist das Bekenntnis zum wahren jüdischen Männerstolze. Er darf auch von sieh rühmen, dass er diese Arbeit nicht vergebens thut, denn er hat in unsere jüdische Jugend die Keime mannhafter Selbstachtung gesäet Nicht mehr scheu und furchtsam wie der Bettler im Dunkel und an der Wand hin schleicht der zionistische Jude, er hüllt seine Ideale und seine Sehnsucht, seinen Glauben und seine Hoffnungen nicht mehr in zaghaftes Geheimnis. Von unserem „tausendjährigen Gebreste" sang der Dichter, der auf dem Montmartre begraben liegt und doch unsterblich bleiben wird, obgleich sein Grab des Kranzes des Wiener Männergesangvereines entrathen muss. Wir, die nach ihm kamen und dem Glauben der Väter treu geblieben sind, verheimlichen das tausendjährige Gebreste nicht, wir zeigen es stolz, wie der Römer seine Wunden zeigte, aber wir denken auch, es zu heilen. Das ist unser Männerstolz, der zionistische Männerstolz, an den die armselige Pariser Kranzgeschichte wahrhaftig nicht heranreicht, und wir meinen, mit ihm dem Judenthum etwas Grösseres und Verheissungsvolleres einzuflössen, als irgendwelcher Hass und Unglimpf zu zerstören vermag. Wenn, was niemand bestreiten wird, die Achtung vor dem Judenthum trotz allem seit dem Beginne unserer Arbeit sich gesteigert hat, so ist es das Verdienst dieses Männerstolzes der schwachen, verhassten und bedrängten Minderheit, den der Zionismus geweckt, den er vor allem seinen jugendlichen Bökennern eingepflanzt hat. Unsere Jugend ist unsere Zukunft, ihre Tapferkeit ist unsere Bürgschaft. Jeremias. Von Ernst Müller. Durch Trümmer, wirr gehäuft, ein Wand'rer schreitet Und leise stöhnt, Des Trittes Echo von Ruinen rings Weithin dumpf ertönt. Die Sonne sinkt. Ein düst'res Dämmern Webt um die Mauern, Als ob sie sich in Flor gehüllt, Um mitzutrauern. Der Wand'rer sinkt zu Boden. Durch die Wüste Hört man ein Heulen, Ein langgezog'nes »Weh'", vermischt Dem Ruf der Eulen. Hinschwebt die Nacht. Still ist's. Nur leis' ein Wind Weht, kommt und geht, JDas Säuseln ist des Herren grosse Weise," Raunt der Prophet. Er neigt sein Haupt zur Ruh'. Die Sterne steigen Am Himmel grenzenlos. Im Traum die fernen Sterne sieht er leuchten Wie Sonnen golden, gross.