Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 26 (29.6.1900)
- Article
- Prag [Nachricht]
- Date
- 1900-06-29
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Die Vereinsnachrichten, Prag. Hier hat sich vor einigen Tagen unter zahlreicher Betheiligung ein „Jüdischer Gesang- und Musikverein" constituiert der sich die Pflege des Gesanges und der Musik, sowie der Geselligkeit unter Juden zur Aufgabe gemacht hat. Gewählt wurden : Herr Dr. M. K o h n zum Obmann, die Herren Siegfried Wolf und Karl Wollner zu Obmann-Stellvertretern, Herr Emst Buchbinder zum ersten, Fräulein Rosa Weil zum zweiten Cassier, Herr Josef Z e m a n e k zum ersten, Herr Arthur D i 11 r i c h zum zweiten Schriftführer und Herr Carl Rezek ohne Mandat. Zu Ersatzmitgliedern Herr Gustav Hoff, Fräulein Hermine Hübscher, Fräulein Adele Fi sehe 1 und Fräulein Clara Pick. Suczawa. Der hiesige Verein „Zion" veranstaltet Sonntag den 1. Juli 1900 zugunsten der rumänischen Auswanderer ein Volksfest mit reichhaltigem Programme. Petrikau (Russisch-Polen). Samstag den 16. d. M. (19. Siwan), am Sterbetage des grossen Vorkämpfers der zionistischen Idee, Rabbi Samuel Mohilewer in Bialys t o k, veranstaltete die hiesige zionistische Ortsgruppe eine Gedächtnisfeier, bei der Herr M. F e i n k i n d die Verdienste des Heimgegangenen um den Zionismus in längerer Rede würdigte. Unsere Ortsgruppe beschloss, zum Andenken an Rabbi Mohilewer einen Ethrog-Baum in dem von demselben gegründeten Garten „Gan Samuel" in Palästina pflanzen zu lassen. Cöthen (Anhalt). Auf Initiative einiger Commilitonen wurde beschlossen, den Herrn cand. phil. L. Jaffe aus Leipzig einzuladen, hier in einer Studentenversammlung die Gründe und die Ziele des politischen Zionismus auseinanderzusetzen. Wir sind nun in der Lage, zu constatieren, dass dieses Unternehmen nicht ohne Erfolg geblieben ist. Dank den Bemühungen des geehrten Herrn Referenten hat sich nämlich hier ein zionistischer Verein von russischen Studenten des höheren technischen Institutes zu Cöthen unter dem Namen Russischer studentischer Zionisten-Verein „Zionoh" gegründet, der vorläufig 17 Mitglieder zählt. Der Verein hofft, weit grössere Erfolge erzielen zu können. Er hat sich auf Grundlage des Programmes constituiert das vom Herrn cand. phil. L. Jaffe auf dem dritten Baseler Zionisten-Congresse für theoretische Zionisten-Vereine vorgeschlagen wurde. Mannheim. Die hiesige neugegründete Ortsgruppe der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland* hat ihre Thätigkeit mit frohem Eifer begonnen. Zunächst handelte es sich darum, die mit grossem Interesse und idealer Begeisterung zu uns kommende Jugend über die Ziele und das Wesen des Zionismus gründlich zu informieren, damit jeder von uns als werDekräftiger Pionnier zu wirken imstande sei. Die Gründer der Gruppe, die ersten Zionisten in der hiesigen Stadt, die Herren Dr. Felsenthal, Dr. Moses, Dr. Regensburger, theilten sich an den fleissig besuchten Discussions-Abenden in die Arbeit Es wurde in der kurzen Zeit auch eine Reihe von Vorträgen gehalten: von Dr. Regens bur ger „Ueber den dritten Zionisten-Congress", von Dr. Felsenthal „Ueber Staatsbürgerthum und Zionismus", von Dr. Moses „Aus der Geschichte des Zionismus", von Dr. Dr ey f u ss-Kaiserslautern „Ueber Juden und Arbeiter". Wir haben die Hoffnung, dass unsere Arbeiten auf dem schwer zu erobernden Terrain den Erfolg nicht vermissen lassen werden. Paris. Der Verein „Mebasereth Zion" veranstaltet Samstag den 30. d. M. eine Versammlung, in der Herr N. Slouschz über die zionistische Thätigkeit in Russland referieren wird. Paris. Samstag den 9. Juni fand in der Synagoge der Rue de l'Hötel de Ville ein*; imposante zionistische Versammlung statt Unter den Versammelten bemerkte man auch viele rumänische Auswanderer, die hingekommen waren, um ihre Anhänglichkeit an den Zionismus zu bekunden. Nach einer warmen Ansprache des Herrn Rabbiners Lubetzky, der die Zionisten verschiedener Richtung zur Einigung ermahnte, ergriff Herr Dr. Alexander Marmorek das Wort. In schwungvollen Worten schilderte er die gewaltige moralische Macht des Zionismus. Der Redner führte aus, der Zionismus habe in einem sehr kurzen Zeiträume nicht nur eine grosse Anzahl Juden zu sich bekehrt, sondern auch die Zahl der Zionisten unter den Nicht-Juden sei schon sehr gross. Die Achtung vor dem Judenthum sei dadurch sehr gesteigert worden. Rauschender Beifall folgte dieser begeisterten Rede. — Am 30. d. M. wird auch eine Versammlung veranstaltet werden, in der Max N o r d a u sprechen wird. Welt" Nr. 26 Allerlei Nachrichten. Die jetzt 25 Jahre bestehende Synagogen-Gemeinde Chemnitz (Sachsen) zählt bereits nahe an 1000 Seelen in 230 Haushaltungen bei 340 steuerzahlenden Mitgliedern. Ihre Einnahmen überschreiten die Ausgaben — ein seltener Fall — um 6000 Mark. In Weisensee bei Berlin soll eine jüdische Ackerbau- Colonie, die erste in Deutschland, gegründet werden. Die unter dem Protectorate der Kaiserin Friedrich stehende Baruch Auerbach'sche Waisen-Erziehungsanstalt versendet soeben den 67. Jahresbericht. Im Waisenhause waren am Ende des Berichtsjahres 53 Knaben und 28 Mädchen untergebracht. Die Ausgaben betrugen 74.700 Mark, wovon allein 18.000 Mark für Verpflegung entfielen. Vor kurzer Zeit starb in Crefeld die Gattin des dortigen jüdischen Restaurateurs Lange, Bruders des Rabbiners in Marburg. Dieser wollte am Grabe einige Worte des Trostes sprechen, wurde aber daran durch den Crefelder Rabbiner Dr. Horowitz gehindert, weil er den nach den Statuten nothwendigen «Antrag" nicht 24 Stunden zuvor eingebracht hatte. Nun ist das Statut gerettet! Einer der zahlreichen „Clous" der Pariser Ausstellung ist das Panorama von Jerusalem und die Ausstellung der palästinensischen Colonien. Namentlich erstere ist von früh bis spät förmlich umlagert, stundenlang stehen die Leute davor, um sich an der packenden Darstellung zu ergötzen. In Janowitz (Westpreussen) wurde in der Nacht vom 16. auf den 17. d." M. die Synagoge gewaltsam erbrochen und in geradezu vandalischer Weise verwüstet Es gelang, die Thäter zu ermitteln. Laut tlen soeben erschienenen Mittheilungen des Statistischen Departements des Wiener Magistrates pro April 1900 haben in diesem Monate 23Männer, 13 Frauen ihren Austritt aus dem jüdischen Religionsverbande angemeldet In derselben Periode wurden 247 jüdische Kinder lebend, 15 Kinder todt geboren, während 176 Juden gestorben sind. Feuilleton. Männerstolz. Eine Zeitbetrachtung von 0. Erter. Mit Verlaub, wir denken nur ganz nebenbei an die Bravour, welche der Wiener Männergesangverein dem todten Heinrich Heine gegenüber bewiesen hat. Er wollte auf das Grab des Dichters im Montmartre- Friedhof einen Kranz niederlegen, dann wollte er wieder nicht, und dass er nicht wollte, geschah aus Furcht vor dem Wiener Stadtrath und dessen grossartiger Resolution, dass eine solche Ehrung des Juden Heine das Gegentheil der Gesinnung sein würde, von welcher die weit überwiegende Mehrheit der Wiener Bevölkerung beseelt ist. Gut denn, Herr Schneiderhan und die Wiener Sänger haben sich dieser Resolution unterworfen und es ist ihre Sache, sich darüber klar zu werden, ob sie mit dieser Unterwerfung nicht auf die Stufe des „Brettl" hinuntergeglitten sind. Aber eine bescheidene Reminiscenz wird erlaubt sein. Im Herbst 1855 kam der Kölner Männergesang-