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Die Welt · 1900-06-29 · 26 (29.6.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
26 (29.6.1900)
Article
Die Juden von Stanislau und die Christen von Semlin
Date
1900-06-29
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite § „bie # Welt" Nr. 26 bei uns in Semlin noch Menschen gibt, welche es sich nicht nur zur Ehre rechnen, mit Juden verkehren zu können, sondern die sich ein Vergnügen daraus machen, arme Juden zu unterstützen, trotzdem sie — diese Menschen — der katholischen Kirche angehören. Ein Christ, der mittellose jüdische Emigranten unterstüzt! Hört sich das nicht wie ein Märchen an? Ich will Ihnen jedoch kein Märchen, sondern eine wahre Geschichte erzählen, und lebe in der Hoffnung, dass Ihnen dieselbe ebenso gefallen wird, wie sie den Semliner Juden gefallen hat. Am Abend des 20. Juni 1. J. langten hier mit dem Passagier-Dampfer der k. k. priv. Donau-Dampfschiffahrts- Gesellsehaft unter Führung eines Herrn Dr. Segalla 200 jüdische Emigranten aus Rumänien an, um angeblich unter Ihrer Intervention in Amerika ein freundlicheres Heim zu finden, als jenes war, welches sie vor einigen Tagen verlassen hatten. Das Eintreffen dieser Bedauernswerten wurde dem Vorstande der hiesigen israel. Cultus-Gemeinde von der Cultus-Gemeinde in Orsova mit dem Ersuchen avisiert, die Emigranten nach Thunlichkeit mit Lebensmitteln zu versehen. Wegen der Kürze der Zeit konnte selbstredend nicht viel geschehen, allein der rührigen Thätigkeit des Cultusvorstandes und des hiesigen israel. Frauenvereines gelang es bald, das Nothwendigste aufzubringen. Besondere Sorgfalt wurde hierbei dem Brote gewidmet und die Anfertigung desselben im Ausmasse von 200 Kilogramm dem hiesigen Bäckermeister und Hausbesitzer Herrn Johann Daschner anvertraut. Herr Daschner rechtfertigte denn auch das in ihn gesetzte Vertrauen nach jeder Hinsicht und stellte am Abend ein ebenso schönes als schmackhaftes Brot, wie am nächsten Morgen das Frühstücks-Gebäck bei. Als ihn hierauf der Vorsteher der hiesigen Cultus- Gemeinde um die Rechnung ersuchte, überreichte er demselben ein geschlossenes Couvert. Wie gross war jedoch das Erstaunen, als der Herr Cultusvorsteher dem Couvert anstatt der vermeintlichen Rechnung ein von Herrn Daschner an ihn gerichtetes Schreiben entfaltete, in welchem Herr Daschner erklärte, dass er, mit Rücksicht auf das gute Einvernehmen, in welchem er seit seiner frühesten Jugendzeit mit den hiesigen Israeliten lebt und bis an sein Lebensende zu leben gedeckt, für das Brot und Frühstücks- Gebäck, weiches er für jene 200 armen Israeliten beigestellt hat, die durch die Ungunst der Verhältnisse gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen und in die weite Welt hinauszuziehen, um eine Heimstätte zu" finden, keine Bezahlung oder sonstige Entlohnung beanspruche. Genehmigen Sie den Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung, mit der ich die Ehre habe zu zeichnen. Ihr ergebenster S emiin, 22. Junni 1900, Jakob Dezma. Jüdische Emigranten am Praterquai. Samstag, den 23. d. M. wurden uns von Budapest fünf Gruppen rumänischer Juden avisiert, mit 56, 125, 66, 105 und 17 Köpfen, zusammen also mit 369 Köpfen. Sonntag nachmittags langten davon 315 Mann am Praterquai an; der Rest kam Montag nachmittags mit dem Budapester Schiffe. Alle diese Gruppen zusammen verfügten über ca. 5000 Francs, die sie nicht mit sich führen, sondern theilweise in Bukarest und Galatz, theilweise beim Frauenvereine in Semlin deponiert haben. Zum Unterschiede von den vielen Gruppen, welche in den letzten zwei Wochen Wien passiert hatten, haben diese Auswandererlrupps auch Frauen und Kinder mit. Die Leute sind durchwegs Handwerker. Ihr Ziel ist Canada. Bei ihrer Ankunft in Wien standen die armen Leute ziemlich ratt*- und hilflos da. Keiner von ihnen war je in Wien gewesen. Sie glaubten, man werde sie in Wien erwarten. Die jüdischen Wohlfahrts- Einrichtungen Wiens bewährten sich auch Iiier auf das Vortrefflichste; der liebe Himmel hatte ein Einsehen. Es war trockenes Wetter. Sonst war für die. erste Nacht von keiner Seite gesorgt worden. Unserer Intervention gelang es, den Hafen-Capitän Herrn Franz B e i n d 1 zu bewegen, den Auswanderern eine Schlafstätte in den Magazins der Donau-Dampfschiffahrts- Gesellschaft am Praterquai zu geben. Drei Gruppen mit 287 Seelen verliessen Dienstag, den 26. d. M. Wien, nachdem sie von hier aus die Fahrkarten nach Nürnberg erhalten hatten. Für die Unterbringung und Unterstützung in Wien bestand kein Comite, wenn man von der bescheidenen Intervention einiger Herren absehen will. Wir nahmen Gelegenheit, Herrn Capitän B e i n d 1 und den anderen Schiffahrts-Beamten, die durchwegs Christen sind, für ihre ausserordentliche Hilfeleistung zu danken. Herr Capitän Bein dl erzählte uns: „Als das Schiff anlegte, stiegen die Leute ans Land, stellten ihr Gepäck zusammen, konnten aber nicht weiter. Ich dachte mir, diese Auswanderer würden von irgendwelchen Comites hier in Empfang genommen werden. Aber abgesehen von drei Herren, die sich Sonntag mittags um das Budapester Schiff erkundigten und von Ihrem Herrn, der bei mir wegen des Nachtquartiers vorsprach, war niemand gekommen. Ich räumte den Leuten einen Schlepper ein. Als ich aber die hilflosen Frauen, von denen einige noch ihre Kinder an der Brust haben, sah, konnte ich die Leute nicht auf dem Verdeck unter freiem Himmel übernachten lassen. Die Frauen und Kinder nahm ich in die Cassenlocalitäten, die Männer brachte ich in einem Magazin unter und suchte nun mit den vorhandenen Kotzen und Decken den Leuten die Nacht so gut zu gestalten, als es eben gieng." Herr Capitän B e i n d 1, dem wir hier ausdrücklich noch einmal danken wollen, bat uns aber, zu veranlassen, dass für ein regelmässiges Nachtquartier dieser Leute gesorgt werde, denn er könne keineswegs die Verantwortung übernehmen, wenn den Leuten oder gar den Frauen und Kindern bei dem grossen Verkehre, der auf dem Handelsquai herrscht, irgendwelches Unglück passieien würde, auch abgesehen davon, dass diese Magazine doch eigentlich keine passenden Schlafslätten für Menschen wären. Nichtsdestoweniger behielt aber Herr Capitän B e i n d 1 die Leute bis zu ihijer Abfahrt am Dienstag. Zwar hatten schon zwei Gruppen eine Nachtherberge im X. Bezirke gefunden, es blieben aber noch über 200 Leute übrig, die in den Magazinen der Dampfschiffahrts-Gesellschaft ein Obdach fanden. Der Capitän des Schiffes, das den letzten Transport von Budapest brachte, erzählte mir: „Ich habe auf der ganzen Fahrt keinen Anstand mit den Leuten gehabt. Es herrschte vollkommene Ordnung und Ruhe. Die Leute selbst machten auf mich einen guten Eindruck. Es sind durchwegs Handwerker. Nur hatte ich gegen ihre Trostlosigkeit sehr anzukämpfen. Oefters fand ich Männer in verschiedenen Winkeln des Schiffes, die bitterlich schluchzten und nicht zu beruhigen waren. Je mehr diese Leute von dem Lande ihrer Geburt wegkamen, desto weher wurde ihnen. Warum, weiss ichi

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