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Die Welt · 1900-06-22 · 25 (22.6.1900) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
25 (22.6.1900)
Article
Der Traum von Monsignore Scheicher
Date
1900-06-22
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 25 ,Die & Welt" Seite 13 zugetragen haben, in welchem der Dr. L u e g e r den grössten Theil eines Legates der Baronin Hirsch — clericalen Vereinen zuwendete! . . . Wir sollten uns doch das Staunen abgewöhnen. Warum soll sich Scheicher in seinem Traume geringere Freiheiten gegen die Wahrheit gestatten als wachend im Parlamente. Er schreibt ruhig nieder, was er so oft ausgesprochen: „Der Jude benahm sicli, als seien die Juden in Wien die Herron, die Christen nur mehr die versclavte und unterjochte Bevölkerung." Wir bekommen noch eine besonders packend" Illustration dieser jüdischen üebermacht. Wir erfahren von den „kühnen Versuchen der Juden, den geständigen Mörder Hülsner f reiz u bekommen". Wie sie das machten? Ei, ganz einlach. „Die Juden gaben das Geld und setzten Himmel und Erde in Bewegung, verdächtigten Richter, Geschworne, verklagten Staatsanwälte, kurz geberdeten sich so, als gäbe es auf Erden nur ein Verbrechen, einem Juden entgegenzutreten, nicht alles fehlerlos zu finden, was ein Jude thue/ Diese und noch viele ähnliche Schandthaten der Juden brachten es zustande, dass „endlich der deutsche Muth" erwachte und — jetzt kommt der antisemitische Hetzpriester mit seinem radiealsten, von dem infernalischesten Hasse erfüllten Mittel gegen die Juden. Alle kann er doch nicht nach dem Rcceptc seines Freundes Schneider hängen lassen. Aber aushungern will er sie. Monsignore Scheie her empfiehlt den grausamsten, rücksichtslosen geschäftlichen Boycott der Juden. „Kein Mensch kaufte Judenware. Da kam der Krach über viele Juden. Einer nach dem anderen verschwand aus Wien, und schliesslich zogen sie alle, alle fort____- Der Boycott der Juden, das ist der Traum, das Ideal Scheichers und seiner Genossen. Aber es ist nicht ein Traum, den sie im Schlafe in den wüsten Köpfen wälzen, sondern den sie auch am hellüchten Tage in ihren Versammlungen und Zeitungen, auf der Parlamentstribüne wie auf dem Katheder verkünden. Es ist das ein antisemitischer Traum, der schon an vielen armen Juden verwirklicht wurde, der sie hinausstiess in den harten, verzweifelten, vergeblichen Kampf ums Brot.... Glücket von Hameln. Die Auflösung zu dem jüdisch-deutschen Räthsel in der letzten Nummer der „Welt" lautet: Seele undLeib. Das Räthsel ist einem Buche entnommen, das geradezu ein Unicum ist. nicht nur in der jüdischen, sondern in der gesammten Literatur. Eine einfache Frau, ohne Bildung im modernen Sinne, ohne grosse Erfahrungen äusserer oder innerer Natur! die im hohen Alter das Bedüfnis empfindet, Erinnerungen aus ihrem Leben niederzuschreiben — eine solche Frau wäre auch in unseren Tagen eine ganz ungewöhnliche Erscheinung. Aber Glücket vo nHameln, der wir diese Erinnerungen verdanken, schrieb in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts! Leider sind die sieben Bücher „Sichraunaus* in hebräischen Lettern geschrieben und dadurch den modernen Lesern verschlossen : desto mehr Grund, in dieser Zeitschrift auf das merkwürdige Buch aufmerksam zu machen. Glückel (1055—1724) war zu Hamburg geboren: in jungen Jahren wurde sie die Frau eines trefflichen Mannes, der seinen Wohnort in Hameln hatte. Daher der Name*). Die Unruhen, welche die Schrecken der polnischen Judenverfolgungen einerseits, die Verwüstungen des dreissigjährigen Krieges sndererseits, in das Leben der damaligen Gemeinden gebracht hatten, wirkten noch nach, als Glückel bereits Gattin und Mutter war. Auch die Familie Glückeis, sowie die Freunde, deren sie in grosser Menge erwähnt, litten unter der Unstetigkeit der Verhältnisse. Wir sehen sie recht oft auf *) Man vergleiche den noch jetzt gebräulichen Namen Seide (mittelhochdeutsch säelde, Glück) Felicitas. der Wanderung begriffen. Glückeis Mann war natürlich ein Handelsmann — was hätte er denn sonst sein können '? Man war Rabbiner oder Handelsmann. Beide Berufsarten waren in der Familie vertreten. Ein Sohn Glückeis wurde Rabbiner zu Baiersdorf. Wir können uns nur darüber freuen, dass Glückel viel von Geschäften zu hören bekam. Sie erzählt uns mit weiblicher Ausführlichkeit von allen Reisen und Unternehmungen ihres Mannes, und wir gewinnen auf diese Weise einen Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse der deutschen Juden im Zeitalter des grossen Kurfürsten, wie sie kein deutsches Werk dem Historiker in Bezug auf das allgemeine Wirtschaftsleben gewährt. Schon aus diesem Grunde sind die Denkwürdigkeiten der Glückel von Hameln von grösster Bedeutung, eine wahre Fundgrube für den, der es einmal unternehmen wird, die Geschichte der Juden nach der wirtschaftlichen Seite zu schildern. Der Mann lässt allerdings lange auf sich warten. Wie "schade, dass unsere modernen Frauen diese Erinnerungen nicht lesen können! Glückel hatte, wie gesagt, keinerlei weltliche Bildung; sie kannte nur die jüdische Frauenliteratur ihrer Zeit. Und was hat diese verachtete jüdisch-deutsche Literatur ihrem Geiste, ihrem Gemüthe gegeben! Das Räthsel vom Bäumlein ist nur eine kleine Probe dessen, was sich an Poesie in ihrem Buche verbirgt. Glückel schreibt nämlich für ihre Kinder und knüpft gerne an die erzählten Thatsachen aus dem gemeinen Leben nach Art der mittelalterlichen Erbauungsschriften allerlei moralische Betrachtungen. Wir sind heutzutage keine Freunde von moralischen Betrachtungen und haben auch so ziemlich den Sinn für die Allegorien und Parabeln verloren. Aber gerade dieser Tage habe ich wieder einmal einen Band mittelalterlicher Mönchsmoral bekommen, die Ausgabe des „Jacobsbrunnen", der' ähnlich wie Cäsar von Heisterbach, Jacob von Vitry und andere, das Moralisieren mit allerlei Geschichten versüsst. Wie abgedroschen und geistlos erscheinen die Allegorien und Parabeln dieser alten Herren im Vergleiche mit dem, was Glückel erzählt! Ich greife auf gut Glück die Geschichte vom Vogel und seinen drei „Söhnen11 heraus. Es ist einmal ein Vogel gewesen, der hat drei junge Vöglein gehabt und sich am Ufer eines Sees mit ihnen aufgehalten. Auf einmal sieht der alte Vogel, dass ein grosser Wind kommt, und dass der See das Ufer überfluten werde. Da sagt er zu seinen Kindern : „Wenn wir nicht bald auf das jenseitige Ufer gelangen, so sind wir verloren." Aber die jungen Vöglein haben noch nicht fliegen können. Also nimmt der Vogel das eine Vöglein zwischen seine Füsse und fliegt mit ihm über den See. Wie sie mitten über dem Wasser sind, sagt der alte Vogel zu seinem Sohn : „Mein Kind, was für Sorgen habe ich nicht Deinetwegen ausgestanden! Und jetzt setze ich sogar für Dich mein Leben aufs Spiel. Wenn ich nun alt sein werde, wirst Du das Gleiche an mir thun und mich in meinem Alter ernähren?" Da sagt das junge Vögelchen : „Mein herzlieber Vater, bringe mich nur über das Wasser; ich will Dir in Deinem Alter alles thun, wie Du es verlangst." Der alte Vogel wirft auf diese Reden seinen Sohn in den See, dass er ersäuft, und sagt: „Also soll man es mit einem Lügner machen." Der alte Vogel fliegt wieder hinüber und holt das andere Vögelchen. Wie sie mitten über dem Wasser sind, redet der alte Vogel wieder zu dem Vögelchen, wie er mit dem ersten geredet hat. Das Vögelchen verspricht ihm alles Gute in der Welt, wie es das erste gethan hat; aber der alte Vogel nimmt es und wirft es in den See und sagt: „Du bist auch ein Lügner." und fliegt wieder ans andere Ufer, um das dritte Vögelchen zu holen. Wie sie nun mitten über dem Wasser sind, sagt der alte Vogel: „Sieh, was ich für Sorgen Deinetwegen ausgestanden habe und wie ich für Dich mein Leben wage; wenn ich nun in mein Alter komme und mich nicht mehr rühren kann, willst Du auch Gutes an mir thun und mich in meinem Alter ernähren?tt Da antwortet das junge Vögelchen: „Mein lieber Vater, es ist alles wahr, was Du sagst: Du hast grosse Sorgen meinetwegen ausgestanden, und ich bin es Dir schuldig, das alles zu vergelten — wenn es mir möglich sein wird, aber bestimmt kann ich es nicht zusagen. Aber das will ich Dir wohl versprechen: wenn i c h einmal Junge kriege, so will ich an meinen Kindern thun, wie Du an mir thust." Da sagte der Vater: ,Du redest recht; Dich will ich leben lassen." Und half ihm über den See. Der allzu früh verstorbene David Kaufmann hat mit seiner Ausgabe dieser Erinnerungen einen Schatz gehoben -, jetzt wäre es an der Zeit, durch eine Uebertragung ins Hochdeutsche das einzige Buch allen modernen Lesern und Leserinnen zugänglich zu machen. L. R.

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