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Die Welt · 1900-06-22 · 25 (22.6.1900) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
25 (22.6.1900)
Article
[Kommentar]
Date
1900-06-22
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 ,Die j$ Welt" Nr. 25 tag der jüdischen Handelsangestellten und die Fortsetzung eines sehr beachtenswerten Artikels von Bernhard Tag über „Religion und Zionismus". „Jewish Comment", ein in Baltimore erscheinendes verbreitetes Blatt enthält zwei sehr interessante Artikel über den Zionismus, einen aus der Feder Georg H. Mayers. Präses der Philadelphiacr Zionisten-Vereinigung, den anderen von Dr. A. B. Arnold. Büchereinlauf. Wanderungen in Russland. Zeitbilder aus den Balkaniändern, Centralrussland, der Krim, dem Kaukasus und Centraiasien. Von Jacques J a e g e. r Wien, 1900. Verlag von Carl Teufen (Fr. Bauer). P. L. Fischmann und M. Liebermann: Sofoh Chajoh, II. Theil. Verlag Ernst Plates. Riga, l'JOO (hebräisch). □"'TDi! "12D- Das Bucn der Frommen. Von Dr. M. J. ßerdyczewsky. Band 91 der „Hebräischen Bibliothek". Verlag „Tuschijah", Warschau, 1900. An Epistle to the Hebrews. By Emma Lazarus. Nr. (> der Publicationen des Verbandes amerikanischer Zionisten (Federation of American Zionists). New-York, 1900. Der Palästina-Wein. Verlag der Societe d'exportation de vins „Eliadah", Hamburg. Feuilleton. Der Traum des Monsignore Scheicher. Von Max Rotter. Sage mir, was Du geträumt, und ich werde Dir sagen, was Du denkst — diese Variante eines bekannten Wortes wäre gewiss nicht unberechtigt. Das kürzlich erschienene Buch: „Aus dem Jahre 1020 (Ein Traum, vom Landtags- und Reichsraths-Abgeordneten Dr. Josef Scheicher)- widerspricht sicherlich nicht dieser Behauptung. Aus dem Traume des hochwürdigen antisemitischen Hetzpriesters könnte man genau erfahren, wie er und seine Gesinnungsgenossen denken. Und das umso leichter, als wir leider schon genug oft Gelegenheit hatten, Aehnliches von diesem Antisemitenführer zu hören, wenn er, im wachen Zustande, seine Brandreden gegen die Juden im Parlamente hielt. Monsignore Scheich er entrollt in dem Buche seinem staunenden Freunde, der viele Jahre am Nordpol geweilt ein Bild des inzwischen gründlich veränderten Staatswesens. Aus Oesterreich wurden die Vereinigten Oststaaten, in denen der nationale Frieden blühte, die Menschen alle frei, sittlich, glücklich und wohlhabend waren, selbstverständlich weil es gelungen war, die Uebermacht der — Juden zu brechen, sie zum Auswandern zu bewegen. Das grandiose Rettungswerk hatte Oesterreich natürlich dem Monsignore Scheie her zu verdanken, dessen staalsumgestaltende Projecte — nebenbei bemerkt ein Sammelsurium confuser, aus allen möglichen Büchern zusammengetragener Ideen — wir im Detail kennen lernen. Da nach Monsignore Scheicher alles Unheil von den Juden kam und er überall nur Juden sieht, zieht sich sein Hass gegen die Juden wie ein rother Faden durch das Buch. Wir können uns die Kritik der socialpolitischen und staatsrechtlichen Theorien Scheichers schenken, man wird diese in ihrer ganzen geistigen Bedeutung würdigen können, wenn man die auf die Juden bezüglichen Punkte seines Buches festhält. Scheich er hat natürlich die sublime Idee seines Freundes Schlesinger von dem „ Volksgelde", welches alle .Judenbankenüberflüssig macht, in seinem Zukunftsstaate durchgeführt, und seither gibt es „in gesellschaftlich - staatlichen Fragen fast nie einen Uebelthäter". „ Wieso?" fragt der arische Freund S c h e i c h e r s und er erhält darauf die köstliche, eines echten Priesters der Nächstenliebe würdige Antwort: „Wir haben aufgeräumt. Wer sich gegen den Staat vergeht, wird unerbittlich gehängt . . . Eine Schädigung des Staates gilt als Schädigung aller Mitbürger. Da wir solcher 00 Millionen zählen, so begreifen Sie, dass ein Schaden von wenigen Hellern, sechzigmillionemnal gerechnet, nur mit d e m G a 1 g e n gesühnt werden kann." Natürlich wird jeder Freund Scheichers es sofort einsehen, dass „ein Schaden von wenigen Hellern" zum Galgen führen müsse, und er wird höchstens neugierig fragen: „Hängen Sie viele?" Wohlwollend lächelnd antwortet der wohlgenährte Hetzpriester: „Jetzt ist's nicht mehr nothwendig. In der ersten Zeit der Staatengründung war's anders. In Wien haben wir einmal dreihundert Juden und zwanzig Arier an einem Tage gehängt . . ." Da Monsignore Scheicher schon einmal beim Hängen ist, so erfahren wir, dass er ganz ohne Rücksicht auf gewisse hervorragende Persönlichkeiten im uiAiaoinitischen Parteilager auch alle „Mädchenhändler" hängen lds.-t. Man glaube aber nicht, dass der hochwürdige Herr auf diese drakonische Massregel nicht erst nach gründlichen Studien verfallen sei. Er tischt uns eine Fülle der widerlichsten Details auf, deren Wiedergabe wir uns sowohl aus Reinlichkeitswie aus Sittlichkeitsgründen versagen wollen .... Es ist überflüssig, zu bemerken, dass nach Scheichers Behauptung der Mädchenhandel ganz und gar auf das Conto der Juden gehört. Monsignore Scheie her will offenbar zeigen, dass seine Phantasie nicht ausschliesslich von einer blutrünstigen Galgenphantasie erfüllt sei, und er macht bei dieser Gelegenheit einen Witz, der in manchem der von ihm so verpönten „jüdischen Witzblätter" ehrenvolle Aufnahme linden könnte. Seit der Mädchenhandel aufgehört, meint Scheicher, seien „die Mädchen jetzt so sicher, als süssen sie in Abrahams Schosse". Das ist ja ganz neckisch gesagt von einem Priester und Staatsretter. Uebrigens zeigt sich in diesem Falle zum erstenmale die Toleranz Scheichers. Er meint, dass es „wohl noch immer Mädchen gibt, welche dem Manne näher zu kommen gestatten, als es sein sollte, aber von Gewalt ist keine Rede. Die Folgen freiwilliger Verirrungen überlassen wir den Mädchen selbst und ihrem Gewissen". Ich glaube, das ist die einzige Stelle des Buches, welche Milde und Nachsicht athmet. Sonst schwärmt der fromme Mann immer für die radicalsten Mittel. Der Galgen ist ihm stets das Nächstliegende. Zu einer solchen Lebensauffassung passt harmonisch die Sprache des hochwürdigen Herrn, der z. B. mit überquellendem Behagen das Wort eines clericalen Gesinnungsgenossen citiert: „.....Nicht besser ist es im gesellschaftlichen. Leben. Wo man hinspuckt — nichts als Juden." Und wie übermüthig, wie übermächtig diese Juden sich geberdeten! Und zwar in der Aera Lucgers, im Jahre 1900! Sie duldeten nicht einmal mehr, dass man in Wien Kirchen baute! Ja, ja, Monsignore Scheie her behauptet das allen Ernstes. Und noch mehr: Er sagt: „Ja selbst für Waisenkinder durfte kein Heller gegeben werden, wenn sie in einem eh. ristlichen Kloster untergebracht waren." Träumen wir oder träumt Scheicher? Nein, er — sagt das ganz bestimmt und ganz ernst. Derlei soll sich in dem Jahre

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