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Die Welt · 1900-06-22 · 25 (22.6.1900) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
25 (22.6.1900)
Article
Die schauerliche Blutmär eines getauften Zuchthäuslers
Date
1900-06-22
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 25 „Die & Welt" Seite 9 auch an demselben Tage vollstreckt. Er ist an dem Tage zusammengetreten, an welchem, wie er wusste, Winter von einem Judenmädchen an einen bestimmten Platz bestellt worden ist. Winter ist durch einen Schächtschnitt geschlachtet; das Blut mag aufgefangen sein, um die Spuren möglichst zu verwischen, und der Körper musste infolge dessen sehr bald blutleer werden. Dass das Blut zu Opferzwecken benützt werde, hält er so gut wie ausgeschlossen. Es würde sich also hier nicht bloss um einen gemeinen Racheact, sondern um einen sanctionierten Sühnemord handeln." Ein „Minjan* ist dieser Tage nach den „Archives Israelites" vollzählig geworden. Die Pariser „Academie des Inscriptions et Belles-Lettres" hat nämlich in dem Professor Hartwig Derembourg ihr zehntes jüdisches Mitglied gewählt. Die anderen neun Mitglieder sind: J. O p p e r t, A. Breal, S. Rein ach, H. Weill, Maurice Low y, G. L i p p m a n n, A. L ö w y, Michel L e v y, Lyon-Caen. Ein neuer Ritualmord wäre um ein Kleines den jüdischen Bewohnern der Ortschaft Oswieczim angedichtet worden. Von dort verschwand nämlich dieser Tage ein bei Juden bedienstet gewesenes christliches Mädchen, und die Bevölkerung machte schon Miene, die Fensterscheiben der Juden zu bombardieren. Glücklicherweise hatte ein Polizeisergeant den Aufenthaltsort des Mädchens erforscht und brachte die Verlorengegangene nach Oswieczim zurück. Der Wochenbericht des Matrikelamtes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde für die Zeit vom 1. bis zum S. Juni weist 7 Trauungen, 57 Geburten und 27 Sterbefalle auf. Personalnachrichten. Sonntag den 17. Juni fand die Trauung des Frl. Bertha S c h a 1 i t, Tochter des Procuristen der Commanditgesellschaft „Karmel", Herrn Josef Schallt, und Schwester des Secretärs des Actions-Comites, Herrn Dr. I. Schalit, mit Herrn Moriz S'chalit, technischem Adjuncten, statt. — Unser Gesinnungsgenosse Herr Doctor Abraham K orki s in Lemberg hat sich mit Frl. Dora Nagelberg aus Rohatyn verlobt. — Dienstag den t>6. d. um 4 Uhr nachmittags findet im Grossen Festsaale der Universtät die Promotion unserer Gesinnungsgenossen Hugo Benedict von der „Unitas" und Armin F i s c h 1 zu Doctoren der Rechte statt. Correspondenzen. Wien. Das Professoren-Collegiuni der philosophischen Facultät der Wiener Universität hat in seiner Sitzung vom 13. d. M. den ordentlichen Professor und Vorsteher des orientalischen Instituts an dieser Universität, Dr. David Heinrich M ü 11 e r, zum Decan für das nächste Wintersemester gewählt. Professor Müller, bekanntlich einer der bedeutendsten Arabisten und Semitisten der Gegenwart, ist der einzige ordentliche Professor jüdischer Confession an der Wiener Universität. Er dociert auch an der israelitischen theologischen Lehranstalt in Wien. Wien. Vom Matrikelamte der Wiener israelitischen Cultusgemeinde werden wir ersucht, folgender Kundmachung in unserem Blatte Raum zu geben: Da die Anforderungen um Ausfertigung von Geburtsscheinen für schulpflichtig gewordene Kinder behufs Einschreibung in die Schulen vor Beginn des Schuljahres, insbesondere seit der Einverleibung der Vororte, derart zahlreich sind, dass das Matrikelamt der israelitischen Cultusgemeinde denselben nicht sofort nachkommen kann, werden die Eltern etc. in ihrem eigenen Interesse erinnert. schon jetzt solche Documente zu bestellen und auch in Empfang zu nehmen. Vom 15. Juli ab können die erwähnten Documente nicht vor drei Tagen nach der Bestellungbehoben werden. Die Amtsstunden für den Parteienverkehr sind von 9 bis 12 Uhr vormittags. Kemmeibach (N.-Oesterr.). Seit mehreren Jahren führen mich Berufspflichten in die hiesige Gegend. Von Ybbs hierher gewöhnlich den Stellwagen benützend, zog ich's diesesmal vor, den Weg zu Fuss zurückzulegen. Nach halbstündiger Wanderung begegnete mir eine Truppe von zwölf Personen, die ich für Handwerksburschen hielt; ihre Gesichter zeigten Intelligenz und besonders ernsten Ausdruck. Auffallend war mir an ihnen die Höflichkeit, mit der sie mich, sowie jeden ihnen Begegnenden begrüssten. Nach kurzem Marschintervalle stiess ich wieder auf eine solche Gruppe, der ich mich nun schon neugieiig näherte. Als ich einen aus ihrer Mitte, nämlich den Reiseführer, mit dem Mögen Davids-Zeichen gewahrte, war mir klar, dass ich Stammesgenossen gegenüberstand. Ich sprach ihn an, und er sagte mir, die unter seiner Führung stehenden Leute seien jüdische Auswanderer aus Rumänien, die jenseits des Oceans das suchen, was ihnen in ihrer bisherigen Wohnstätte versagt war: Erwerb, Arbeit und menschenwürdiges Dasein. Wie aufgescheuchtes Wild war der Anblick dieser bedauernswerten Brüder. Von Wien bis zur Begegnungsstelle machten die Emigranten den Weg zu Fuss; verfügen sie doch nur über sehr bescheidene Mittel: Die „Alliance israeiite", so erzählte mir ihr Sprecher, habe jeden in Wien mit 10 fl. betheilt. Nicht einmal „viel zu sterben"! Man rieth ihnen, von Ybbs das Schiff nach Linz zu benützen, das sie noch abends (vor Sabbatheingang) dahin bringe, von wo die Weiterreise über Salzburg, München und dann nach Amer ika erfolgt. So manch Verheirateter befand sich unter den Auswanderern, dessen Weib und Kinder daheim in Rumänien zurückbleiben mussten, hoffend und harrend auf eine Wendung des Schicksals. Nachdem ich jeden einzelnen über seinen Beruf befragt, ward mir die erfreuliche Antwort, dass jeder ein Gewerbe auszuüben vermöge und dazu die nöthige Arbeitsfreudigkeit habe. So nahm ich denn wehmuthsvoll Abschied von den unglücklichen Brüdern, die ich auf ihrer weiteren Wanderung der Unterstützung aller guten Juden und aller christlichen Menschenfreunde empfehle. A. L. Prag. Bei dem Festabende, der am 10. d. M. zu Ehren der in Prag anwesenden Delegierten des Verbandes „Zion* abgehalten wurde, wies ein Mitglied eines auswärtigen Studentenvereines auf die eigenthümlichen Verhältnisse unter den jüdischen Studenten in Prag hin — wie die deutschen Studenten mosaischer Confessionslosigkeit mit der Kornblume im Knopfloch, das schwarz-roth-goldene Band um die Brust geschlungen, durch die Strassen einherstol-' zieren. Ja, es sind widerliche Verhältnisse, die man aber erklärlich findet, wenn man die Umstände näher kennt. Wohlgemerkt: erklärlich, keineswegs aber entschuldbar. Es besteht nämlich in Prag ein Verein, die „Lese- und Redehalle der deutschen Studenten", die 1)0—95% Juden zu ihren Mitgliedern zählt. Natürlich ist der Ausschuss aus sogenannten „Paradechristen* zusammengesetzt, nur heuer sitzen, da nicht soviele Arier im Vereine sind, 3—4 Juden darin. Dieser Verein bietet den Studenten, die das Universitätsleben nicht kennen, einige Annehmlichkeiten. So steht z. B. den Mitgliedern eine reichliche Bibliothek zur Verfügung, eine Anzahl von Zeitungen und ein Spielzimmer lassen die Mitglieder der „Halle" den Besuch des Kaffeehauses leicht entbehren. Von diesen Vortheilen lassen sich viele Studenten anlocken, ohne zu bedenken, wie beschämend es für einen akademischen Bürger ist, dessen höchste Güter Ehre und freies Bekennen der Gesinnung sind, sich einiger weniger Vortheile wegen herbeizulassen, den Handschlag auf treues Deutschthum zu leisten, wenn ihm die ganze Welt zuruft: Du bist ein Jude! Doch die jüdischen Studierenden Böhmens beginnen schon das Beschämende ihrer Lage einzusehen, und so gewinnt

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