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Die Welt · 1900-06-22 · 25 (22.6.1900) · p. 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
25 (22.6.1900)
Article
Der rumänische Exodus
Date
1900-06-22
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 „Die <s Welt- Nr. 25 Im hauptungen des Rabbiners Glauben zu schenken, aber können nicht umhin, zu betonen, dass Herr Dr. Beck sich der I ohen Stellung, die er sich anmassl, zum mindesten nicht gewachsen erwiesen hat. „Es thut mir leid," sagt Herr Dr. Beck in einem seiner Briefe, „dass ich in die mir von den Antisemiten gestellte Falle gegangen bin." Was will Herr Doctor Beck damit sagen? Die jüdische Bevölkerung muss doch nach diesem Ausrufe glauben, dass nicht die gegebenen Erklärungen ihren Rabbiner gereuen, sondern die Thatsache, dass er sie einein antisemitischen Minister gegenüber gethan. Aber es ist jetzt nicht die Zeit zum Streiten. Darin hat Herr Dr. Beck recht, unisomehr, als die Regierung, unter dem Vor wände, den Rabbiner schützen zu wollen, die arme, verelendete jüdische Bevölkerung polizeilich vergewaltigen lässt. War es der Regierung darum zu thun, sich einen Grund zu schallen, um den Juden polizeilich beizukommen, so muss man gestehen, dass sie die — sagen wir Naivität — des Rabbitiers Dr. Beck in geradezu diabolischer Weise auszunützen gewusst hat. Heute verfährt sie mit einer Willkürlichkeit, welche selbst in Rumänien ihresgleichen nicht findet. Hunderte von Juden wurden allein in Bukarest am vorigen Freitag verhallet, in die Keller der Polizei zusammengepfercht, misshandclt und dann theilweise ausgewiesen, meistens aber nach ihren Geburtsorten abgeschoben. Leute, die in Bukarest seit 20 und 30 Jahren wohnen, daselbst ihrer Militärpllichl nachgekommen sind und ihre Steuern bezahlt haben, werden nach den Provinzstädten abgeschoben, wo das Elend ein noch grösseres, die Hilfe noch schwerer zu erreichen ist. Was will aber die Regierung? Will sie die Auswanderung eindämmen? Und wenn ja, glaubt sie dies mit solchen Mitteln erreichen zu können? Jede Repressivmassiegel erweckt neue Lust zum Auswandern, und wenn ganz Rumänien zu einem Kerker für dessen Juden würde, man würde doch die verhungerten und abgehetzten Gefangenen nicht verhindern können, dem Gefängnisse zu entspringen. Die Auswanderung der Juden bedroht die rumänischen Städte mit einer Entvölkerungskrisis. Dies kann der Regierung natürlich nicht passen, unisomehr als die Auswanderungen auf den Stand der Aclien der Hypothekar - Banken einen ungeheuer deprimierenden Einfluss ausüben; aber ziehen denn die Juden fort, weil sie die Wanderlust erfasst" hat, oder werden sie einfach aus dem Lande durch Ausnahmegeselze und Verfolgung getrieben? Es muss doch in die Welt hinausgeschrieen werden, dass es in Rumänien für den Juden überhaupt kein Recht und Gesetz mehr gibt. Warum duldet die Regierung die geheime antisemitische Liga, welche thatsächlich nichts anderes verfolgt, als die Vertilgung der Juden selbst auf dem Wege des Verbrechens? Sechzig höhere Ofücicrc der Bukarester Garnison gehören dieser Liga an. Warum verbietet ihnen die Regierung nicht die Betheiligung an einem Staats verbrecherischen Vereine? Ganz im Gegentheile patronisiert die Regierung diesen Verein, sonst wäre es ja unmöglich, dass diese Officierc gegen Recht und Gesetz verfügen, dass den jüdischen Soldaten das Verlassen der Kaserne überhaupt verboten werde, und dass somit dieselben Monate hindurch nicht aus den Mauern der Militärgebäude kommen! In dieser kritischen Zeit hat mancher Jude durch Hausieren mit Backwerk sich seinen Unterhalt erwerben wollen. Die Polizciorgane entsanticn sich aber des Hausiergesetzes und untersagten den Juden auch dieses Ei•werbsmiltel. Und damit ja das Unrecht ollenkundig sei, werden von einer und derselben Stelle die jüdischen Hausierer vertrieben, die chrislliehen aber geduldet! Ist es nun zu verwundern, dass bei solchen Zuständen, wer noch einen Tropfen Blutes in seinen Adern hat. dieses Land der empörendsten Ungerechtigkeit verlassen will? Zu bedauern ist nur, dass diese Ausvvanderuugsbewegung, welche mit so elementarer Gewalt hervorgebrochen ist, nicht geregell werden kann, damit die ausziehenden Juden nicht einer unsicheren Zukunft entgegengehen, damit sie nicht vom Regen in die Traufe kämen! —u. Der vierte Congress. Wie wir bereits gemeldet haben, hai die „English Zionist Fedemtion4* die Vorbereitung des Congresses übernommen. Nun lesen wir in eiiiem englischen Blatte, dass die Federation umfassende Anstalten zum würdigen Empfange der Delegierten trifft. Auch wird den Delegierten und Gästen zu Ehren ein öffentlicher Gottesdienst in einer Londoner Synagoge abgehalten werden. Ferner wird die Veranstaltung von Ausflügen geplant, die einige Tage vor dem Congresse unternommen werden sollen. Nach Schluss des Congresses will die Federation die Delegierten noch einmal bei einer Festtafel vereinigen. Die Berichte, die bisher an das Actions-Comite gelangt sind, lassen darauf schliessen, dass die Betheiligung am vierten Congresse sich ungleich grösser und imposanter gestalten wird, als die Theilnahme an den früherenCongressen. Und das ist recht so. in dem Masse, als die Crosse und Bedeutung Londons die Grösse und Bedeutung von Basel übertrifft, soll auch unser Londoner Congress grösser und bedeutungsvoller sein. * * * Besonders aber müssen wir die Aufmerksamkeit unserer Brüder in Rumänien darauf lenken, dass sie sich in genügender Stärke an dem Congresse betheiligen mögen. Ihre Lage, die sich in letzter Zeit so sehr verschlimmert hat, muss von London her. von der Tribüne, die wir dort errichten, der ganzen gesitteten Welt zur Kenntnis gebracht werden. Grossbritannien darf sich mit Recht rühmen, diejenige Macht gewesen zu sein, die auf dem Berliner Congresse von 1S7S besonders darauf gedrungen hat, dass den Juden in Rumänien Gleichberechtigung gewährt werde. Die Hauptstadt von Grossbritannien soll nun Gelegenheit haben, zu hören, wie dieser Forderung entsprochen worden ist Brüder in Rumänien! Sehet zu, dass Ihr auf dem Londoner Congresse entsprechend vertreten seiet. Eure Sache wird dort gewiss zur Sprache gebracht und muss den besten Resonanzboden finden. Die englische sowie die französische Presse beschäftigt sich lebhaft mit dem Congresse. In Londoner literarischen Kreisen war die Nachricht verbreitet, unser ausgezeichneter Gesinnungsgenosse Max Nor da u werde in London eine Reihe von Vorträgen über literarische Themata halten. Der „Daily Chronicle" schreibt nun mit Bezug auf diese Nachricht: „Dr. Max Nordau, der uns im August besuchen wird, hat die ihm befreundeten Schriftsteller nicht darüber im Zweifel gelassen, dass er sich während seines Aufenthaltes lediglich mit demjenigen jüdischen Problein beschäftigen wird, das augenblicklich die Hauptfrage bildet, nämlich mit dem Zionismus. Er kommt zu dein am

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