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Die Welt · 1900-06-22 · 25 (22.6.1900) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
25 (22.6.1900)
Article
Fahrendes Volk
Date
1900-06-22
Page
5 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 25 ,Die 3& Welt" Seite 5 Fahrendes Volk. Von Maximilian Barber. Sie machen nicht Musik und spannen kein Seil vom Kirchthurme auf den Marktplatz, um darauf den Spiesser zu verblüffen mit allerlei wagehalsigen Kunststücken. Keine tanzenden Bären, keine geraubten Fürstenkinderkeine Wahrsagerinnen. Fahrende Leute ohne alle Jahrmarktsromantik. Misstrauisch hält sie sich der Sesshafte vom Leibe. Er lässt seine Hunde los über Nacht und dankt im stillen Kämmerlein dem lieben Herrgott, dass er nicht ist wie diese. Und doch sind es nicht Zigeuner. Kein arbeitsscheues, diebisches Gesindel. Diesmal sind es Juden, jüdische Arbeiter. Und von den Sesshaften sind seltsamerweise viele auch Juden. Vielleicht gerade die Vorsichtigsten, die noch ein üebriges thaten und die wohhveise Polizei zu besonderen Massregeln inspirierten. Wenn in einem galizischen Städtchen die Polizei sagt, dass Leute da sind, die — na. was wollen sie nur gleich'? — die — die — Revolution machen wollen, ergo nicht ins Weichbild hinein dürfen, ergo zu denen kein Bürger hinaus darf', nun, dann bleibt es eben dabei. Und müde ziehen die Armen weiter, viele hunderte Meilen hinter sich, viele tausende vor sich. Ihre Wegzehrung ist karg, aber sie halten sich tapfer, nur ein hungriger Säugling wimmert^kläglich. Seine Mutter wird ihn wohl rasch in den Schlaf singen mit einem schönen, uralten Ammenmärchen, dem Märchen von der jüdischen Solidarität. Dies wirkt beängstigend. Vor einer Woche 1£>0. Jetzt zieht wieder ein Haufen vorbei. Juden! Ist's möglich? Handwerker, praktische Leute, die nicht über ihr tägliches Brot hinausdenken, emigrieren? Schlagen sich bettelnd bis Hamburg oder Rotterdam durch und schiffen sich nach Amerika ein? Dort, wo schon Millionen, Schulter an Schulter, den Kampf ums Dasein führen, mit besseren Waffen ausgerüstet, erfahrener als sie? An solche Aussichten klammert sich nur wirkliche Verzweiflung. Der Gedanke an Amerika kreuzt sich gewöhnlich imKopfe mit dem Gedanken an Selbstmord. Das sind die letzten Glieder einer schrecklichen Kette von Leiden und unglücklichen Versuchen, sie zu lindern. Juden auf der Wanderschaft! Wie wird es wohl da all jenen klugen Herren zu Muthe, die geflissentlich mit der ihnen eigenen fettigen, selbstgefälligen Sicherheit zu wiederholen pflegen: „Wenn Sie auswandern wollen, wandern Sie aus. Ich bleibe hier." Nun müssen sie wohl oder übel einsehen, wie es absolut nicht in das Gebiet der Unmöglichkeit gehört, dass Juden auswandern müssen. Rumänien. Ein fremder König, der das Volk nicht liebt, und den das Volk in richtigem Instincte auch nicht liebt. Bettelarm das Land und der Staatsbankerott vor der Thüre. Ueberall Murren. Ein Auskunftsmittel? Est ist endlich gefunden. Eine bewährte Panacee wird aus der Regierungsapotheke gratis an das nothleidende Volk verabreicht. Eine hochofficiöse antisemitische Action in grossem Stile entwickelt scrupellos eine fieberhafte Thätigkeit. Man bleibt nicht auf wirtschaftlichem Gebiete dabei. Die Gesetzesarchive werden durchstöbert. Sollen die drakonischen Gesetze, die die Fremden von allen Rechten ausschHessen, bloss auf dem Papiere bestehen V Mit nichten. Sie sollen auch gehandhabt werden. Die Fremden? Wer gehört mehr in diese Kategorie, als die Juden? Und die Behörden werden angewiesen, sich dieser ebenso überraschend einfachen als richtigen Interpretation in weitgehendstem Masse zu bedienen . . . Und als das Herdfeuer, an dem sich Ahasver eine Weile gewärmt, ihm zur Hölle gemacht wurde, da greift er zum alten Wanderstabe und schüttelt den rumänischen Staub von seinen Sohlen. Der ewige Jude schreitet in seiner traditionellen Gestalt, ergreifender denn je, wieder einmal über die grosse Erde, und es erbeben, die dies Gespenst für längst gestorben hielten. Der Zionismus aber hat einen neuen Blutzeugen gefunden, der ihn auf Jahre hinaus mühseliger Propaganda enthebt. Grossen Schmerz bloss müssen wir verwinden, wenn wir des Bodens in Palästina gedenken, der just solcher arbeitsgewohnten Arme bedarf, wie wir sie bei diesen Leuten sahen. Nun sollen diese Arme drüben schuftan, in den grossen Etablissements ausbeuterischer Yankees, freudlos und für kärglichen Lohn. Und in diesem denkbar besten aller Fälle schon dürfen diese Aermsten keinesfalls hoffen, sicher zu sein vor Hass und Verfolgung. Der inländische Arbeiter ist kein Freund des jüdischen Lohndrückers. Das ist hart. Der rumänische Exodus. Wir haben in der vorigen Nummer über die Angelegenheit des Bukarester Rabbiners Dr. Beck berichtet. Einige Tage nach Veröffentlichung der angeblichen Erklärung des Herrn Dr. Beck in Sachen der Judenverfolgungen durch die antisemitische „Apararea Nationala" erschien in diesem Blatte ein Interview mit demselben Dr. Beck, in welchem abermals wiederholt wird, dass die Juden vor der ökonomischen Krisis und nicht vor den Verfolgungen sich in die Fremde flüchten. Dieses Interview erregte natürlich noch mehr die Gemüther. Da sah sich denn Herr Dr. Beck veranlasst, ein Dementi zu veröffentlichen. Er that dies in dem officiösen Blatte „Dreptatea". In dieser Richtigstellung sagt Dr. Beck unter anderem: „Dieses unglückliche Interview ist mir sozusagen entrissen worden. Ich habe weder das Blatt, noch dessen Redacteur bis an jenen Abend gekannt. Hätte ich gewusst, dass es sich um ein gewohnheitsmässig antisemitisches Blatt handelt, so würde ich nicht eine Minute mit dessen Redacteur gesprochen haben." Folgt dann eine öffentliche Erklärung des Rabbiners über die wahre Lage der rumänischen Juden. Diese Erklärung würde unter normalen Umständen vollkommen genügen. Jetzt aber ruft speciell der wörtlich angeführte Passus Entrüstung hervor. Wie ist es möglich? fragt man sich, jeder Jude in Rumänien weiss, dass die „Apararea Nationala" das officielle Organ der antisemitischen Liga ist; sämmtliche Blätter haben dies festgestellt, indem sie besonders betonen, dass dieses Blatt offen von Seite der Regierung unterstützt wird; also ganz Rumänien weiss es, musste es wissen, nur Herr Dr. Beck, welcher, ohne von jemandem eine Autorisation erhalten zu haben, sich anmasst, die Juden of'ficiell zu vertreten, hat es nicht gewusst. Dies ist denn doch eine etwas zu starke Zumuthung an die Naivität der jüdischen Glaubensgenossen. Erschwerend für Herrn Dr. Beck fällt auch hierin in die Wagschale die Thatsache, dass der antisemitische Redacteur, welcher ihn interviewte, in seinem Blatte erklärt, er habe Herrn Dr. Beck seine Visitkarte überreicht, aus welcher zu entnehmen war, dass er Redacteur der antisemitischen „Apararea Nationala" sei; habe aber auch noch besonders betont, dass er als Antisemit Herrn Dr. Beck über die Auswanderungen befragen möchte. Ausserdem veröffentlichte der erwähnte Redacteur eine Richtigstellung, die ihm Herr Dr. Beck soforf nach Veröffentlichung des Interviews zukommen liess, in welcher alles berichtigt wird, nur. nicht die empörenden Erklärungen. Es fällt uns nun allerdings nicht ein, zu glauben, dass der in Frage kommende Redacteur einer Unwahrheit unfähig sei. Im Gegentheile, wir sind eher geneigt, den

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