Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 25 (22.6.1900)
- Article
- London
- Date
- 1900-06-22
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315877-3370300--20335-3370433- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 „Die s£ Welt" Nr. 25 aufzufallen und die Aufmerksamkeit aller Welt zu erregen. Wir wählten die Schweiz, weil uns die Kurzsichtigkeit unserer Stammesgenossen Deutschland verschloss, und die Rücksicht auf die weit auseinanderliegenden Wohnorte der Zionisten liess es gerathen erscheinen, einen mitteleuropäischen Sammelpunkt für die über die ganze Erde Zerstreuten zu suchen. Wegen des Gongresses selbst brauchten wir uns keinen Zwang aufzuerlegen; was in Basel öffentlich verhandelt und beschlossen wurde, hätte geradeso gut eine österreichische, russische oder türkische Umgebung vertragen. Die führende Presse aller Länder hatte auf unsere Einladung Vertreter zum Gongresse geschickt, und es geschah, was wir wollten: Unsere Wünsche und Hoffnungen wurden so laut, wie wir sie aussprachen, in allen Zungen verkündet Jetzt brauchen wir uns nicht mehr vor London zu fürchten, weil es zufällig die Zufluchtsstätte vieler zweideutiger Idealisten gewesen ist, die gute Gründe gehabt haben, die britische Freiheit zu suchen. Wir gehen nach London, nicht weil, sondern trotzdem man sich so leicht in der Riesenstadt verliert. Wir glauben, unsere Bewegung sei jetzt stark genug, um selbst in London, wo tausend verschiedenartige Interessen täglich die Aufmerksamkeit der geschäftigen Menschen in Anspruch nehmen, genügende Beachtung zu finden. London soll für den Jüdischen Gongress das werden, was die Albert-Halle in Kensington für den Musiker bedeutet: eine unbedeutende Stimme verliert sich in dem weiten Saale, einem grossen Sänger gibt er seine Töne in tausendfacher Verstärkung zurück. Wenn wir uns in London Gehör verschaffen, dann haben wir zur Welt gesprochen, die Welt für unsere Ueberzeugung gewonnen. Nicht nur in den englischen Lehrbüchern der Geographie ist London der Mittelpunkt der Erde, das Herz der Welt, die Seele der Civilisation, das Rom der Neuzeit, ohne die Schattenseiten, welche die Cäsarenstadt am Tiber entstellte. Mehr noch als zur Zeit der Königin Anna ist der Hafen der Themse das Stelldichein für die Schiffe aller Erdtheile, und wenn Addison damals sagen konnte, in London höre man alle Sprachen und sehe man alle Trachten der Welt, so gilt heute der Satz, in London höre man die Gedanken aller Menschen, fühle man den Pulsschlag der Welt. Kein zweites Volk hat, gleich den Engländern, bei allem Festhalten an der ererbten Eigenart, so viel Empfänglichkeit für Neues, Grosses, Gutes, es mag kommen, woher immer es wolle. Das scheint mit dem viel getadelten conservativen Sinne der Engländer im Widerspruche zu stehen, ist aber in Wahrheit das bezeichnendste Merkmal des britischen Wesens. Es kann ja gar nicht anders sein. Die ganze Welt kommt zu den Engländern, und die Engländer sind an jedem Punkte der Welt. Dazu kommt, dass die englische Presse die feinsten Gehörorgane besitzt und dass jeder dritte Engländer genug Federfertigkeit und Schreiblust besitzt, um das, was er Mittheilens wertes in der Fremde gesehen hat, in lesbarer Gestalt seinen Landsleuten zugänglich zu machen. So ist das Londoner Publicum dazu erzogen worden, das Fremdeste und Fremdartigste mit Ernst an sich herankommen zu lassen, und deswegen allein kann der zionistische Gongress sicher sein, in London Verständnis und Theilnahme in ungewöhnlichem Masse zu finden. Aber das ist nicht alles. Die Engländer sind ja von vorneherein unserer Bewegung aufs freundlichste, zum Theile mit grösster Begeisterung entgegengekommen. England, und zwar das christliche England — denn nur von diesem ist hier die Rede — ist unserer Sehnsucht nach der alten Heimat ahnungsvoll vorausgeeilt, englische Christen haben von jeher unsere Bestrebungen in jeder Weise gefördert. Beaconsfield, George Eliot, Holman Hunt, Lawrence Oliphant, Father Ignatius, unser ausgezeichneter Reverend Hechler — was haben wir diesen Männern nicht alles zu verdanken? Nun ist es eine alte Wahrheit, dass jeder hervorragende Geist eine grosse Menge alltäglicher Durchnittsmenschen vertritt, wie eine Summe hunderte und tausende von kleinen Posten in sich schliessen kann. Ein Volk, das im Verlaufe einer so kurzen Zeit eine solche Anzahl von begeisterten Zionisten hervorgebracht hat, ist ganz gewiss mit Leichtigkeit für unseren Gedanken zu gewinnen. Es ist eigentlich zu verwundern, dass der zionistische Ruf im christlichen England bis jetzt nicht schon einen stärkeren Wiederhall geweckt hat Viele Anzeichen sprechen ja dafür, dass England in den obersten wie in den untersten Schichten geneigt ist, die idealen Seiten des Judenthums zu würdigen. Lassen wir die Frage, ob die Engländer Judenfreunde sind, wie die jüdische Welt allgemein annimmt, ganz aus dem Spiele. Der Wohlstand unserer Glaubensgenossen in den Handels- und Gewerbestädten Grossbritanniens ist dafür kein hinlänglicher Beweis: andererseits wird das Vertrauen zur Humanität und Aufklärung Englands nicht durch einzelne judenfeindliche Aeusserungen erschüttert. Es handelt sich gar nicht darum, ob man jenseits des Canals neue jüdische Ankömmlinge mit einem freundlichen Willkommen oder mit kaum verhohlenem Missbehagen empfängt, ob der Engländer sich durch unsere Stammesgenossen in seinen materiellen Interessen gefördert oder bedroht sieht Was uns angeht, ist die Frage: Wie denkt sich der Durchschnitts- Engländer den Juden ausserhalb des Geschäftes? Das ist eigentlich der Angelpunkt, um den sich das alte Problem überhaupt, nämlich das Verhältnis der christlichen zur jüdischen Welt, dreht. In England ist diese Frage wichtiger als irgendwo in der Welt. Glaubt die Mehrheit des englischen Volkes wirklich, wie der „Daily Chronicle" uns weismachen will, dass Judenthum im „Verdienen" bestehe, und dass die Judenüber Johannesburg und Kimberley Jerusalem vergessen haben? Nein, so steht es noch lange nicht. Es ist vielleicht nicht das Verdienst der englischen, sagen wir der Londoner Juden des Westend, dass ihre christlichen Mitbürger nicht so denken, aber sie haben nun einmal eine sehr gute Meinung von unserem Geistes- und Gemüthsleben, wie schon die Thatsache beweist, dass das die Idealisten in den jüdischen Erzählungen Israel Zangwills, die Ghetto-Träumer, bei den christlichen Lesern Grossbritanniens Glauben und volles Verständnis gefunden haben. An diesen Glauben, an diese gute Meinung wendet sich der zionistische Gedanke, und die Juden Englands wissen sehr gut, warum sie die Einberufung des diesmaligen Congresses nach London mit solcher Freude begrüssen. Die Engländer werden mit eigenen Augen, am hellichten Tage sehen, was unsere Herzen bewegt, was unsere Seele entflammt — ausserhalb des Geschäftes! Der Herausgeber des „Daily Chronicle* wird sich überzeugen, dass wir trotz Johannesburg und Kimberley doch nicht Jerusalem vergessen, dass wir trotz der uns aufgezwungenen Jagd nach Erwerb Müsse und Seele genug übrig haben, an die Zukunft unseres Volkes zu denken, uns ein neues Leben zu erhoffen. -