Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 25 (22.6.1900)
- Article
- Auf Allerhöchsten Befehl
- Date
- 1900-06-22
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 „Die 2$ Welt'* Seite 3 Der ganzen Staatsautorität also hatte es bedurft, um im preussischen Rechtsstaate Leben und Eigenthum der jüdischen „Staatsbürger" zu schützen vor dem Fanatismus nicht etwa nur des Pöbels, sondern der gesammten Bürgjrschaft. Und das in einem Kreise, dessen Bevölkerung früher durchaus nicht in besonderen Aeusserungen des Judenhasses sich ausgezeichnet hat. Ein Gymnasiast wird ermordet. Der Getödtete hat, wie sich herausstellt, einen liederlichen Lebenswandel geführt, trotz seiner Jugend eine Anzahl junger Mädchen verführt, und unter seinen Opfern sind wahrscheinlich auch einige Jüdinnen. Vielleicht hat einer der Väter den Venlerher seiner Tochter überrascht und ersehlagen, vielleicht ist es auch ein jüdischer Vater gewesen, der im Zorne über die Schande der Familie ein Verbrechen begangen hat — das ist gar nicht unmöglich. Es gibt auch unter uns gelegentlich Verbrecher, das ist selbstverständlich. Weshalb aber dann diese gewaltige Erregung im Volke? Und nun kommt er wieder zutage, der alte Blutglauben, der unsere Väter von Stadt zu Stadt und von Land zu Land getrieben hat, jenes Gespenst des Aberglaubens, das als Vei kündiger des Todes und des Schreckens die jüdischen Häuser betritt. Die Leiche ist blutleer gewesen, und damit ist es bewiesen, nach der Meinung aller, auch der sogenannten Gebildeten, dass ein Ritualmord vorliegt. Zwar behaupten die Regierungscommissäre, das Fehlen des Blutes erkläre sich zwanglos dadurch, dass die Halsader durchstochen worden ist und überdies die Leiche lange im Wasser gelegen hat. Aber sie sind offenbar von den Juden gekauft. Zwar verbietet die jüdische Religion jeden Blutgenuss selbst von Thieren, geschweige denn vom Menschen. Was hilft's — man will ja kein objectives Urtheil, für die Massen ist es längst entschieden, wer die Schuld trägt. Und plötzlich ist der bisher geduldete und oft wohlgelittene jüdische Bürger seines Lebens nicht mehr sicher, sein Eigenthum wird zerstört, die Synagoge demoliert und die Grabstätte der Verstorbenen von Pöbelmassen geschändet. Die Ohritikeit wird machtlos, ihre Vertreter werden mit Steinwürfen begrüsst, und erst der dumpfe Massenschritt der Bataillone bringt die Bevölkerung zur Beruhigung. Zur Sicherung von zweihundert Juden stehen heute 10O0 Mann Truppen in Bereitschaft, jüdische Familienväter fahren wie Fürsten mit Cavallerie-Escorten spazieren, und die Bajonnette sind aufgepflanzt „auf Allerhöchsten Befehl". Und wenn das Militär wieder abzieht? Und wenn derartiges in Kriegszeiten geschieht, wo nicht tausende von Bewaffneten zur Verfügung stehen? Vielleicht bedenken die heute so durch das Eingreifen der Krone Beruhigten diese Eventualitäten. Auch in Berlin würden dann unsere „Glaubensgenossen" ihres Lebens nicht sicher sein! Und vielleicht lebt einmal ein schwächerer Fürst als Wilhelm II., der nicht seine persönliche Macht einsetzt für Männer, die unter dem Hasse des Volkes leiden. Es ist traurig, aber die Erkenntnis muss kommen : wie im Mittelalter nur durch den Schutz der Fürsten die Juden leben konnten, so sind wir heute angewiesen auf den Schutz der Bajonnette, und das Sinnbild der Lage des Judenthums ist die gegenwärtige Existenz des Konitzer Schächters, der. von der Menge tödtlich gehasst, nur unter militärischem Schutze sein Leben fristen darf. Wir Zionisten sehen diese Vorgänge mit Schmerz, denn wir haben ja die Solidarität auf unser Banner geschrieben, und was man einem unserer Brüder anthut, das thut man uns an. Wir sehen das Geschehene mit Schmerz, aber ohne die fassungslose Ueberrasehung der Assimilanten und ohne ihre Hoffnungslosigkeit. Jene empfinden nur selten, dann aber umso schmerzhafter das Schändliche ihrer Stellung, wir waren feiner organisiert und haben sie längst als unhaltbar empfunden. Jene sehen sich aus einer Ruhe emporgeschreckt, die sie durch kaltherzige Gleichgiltigkeit gegen die Leiden der Brüder erkauften. Und sie fürchten, man werde sie verlassen, wie sie selbst jene verlassen haben. Wir aber haben reine Gewissen und haben begriffen, dass der nicht verlassen ist, der sich selbst nicht verlässt. Wir wissen, dass in absehbarer Zeit eine Vermischung der semitischen und arischen Rasse völlig unmöglich ist, und sehen, dass diese unsere Anschauung gerechtfertigt wird durch die traurigen Ereignisse im Osten. Wenn auf einen vagen Verdacht hin ein so toller Ausbruch des Judenhasses möglich ist, wenn in einer bisher friedfertigen Bevölkerung die Erregung gegen Einzelne sich bis zur offenen Revolte steigert, nur weil dasselbe Märchen verbreitet wird, mit dem man in China die unwissende Bevölkerung gegen die weissen Missionäre hetzt — dann ist der Bankerott, der Assimilation für jeden gegeben, der Augen hat, zu sehen, und Ohren, zu hören. Ob viele die Konitzer Lehren verstehen werden? Wir fürchten — nein. Der Jude hat sich seit 2000 Jahren gewöhnt, nur im Augenblicke zu leben: er hat die Fähigkeit, verloren, mit politischem Auge «lie Zeiträume zu überschauen uml andere als Tagespolitik zu treiben. Er weiss, dass seine Väter verfolgt wurden wie er, dass sie litten, gelegentlich erschlagen wurden, ein Theil von ihnen aber erhalten blieb. Und er lebt dahin, stumpf und dumpf, auffahrend, wenn die Fenster von Steinwürfen klirren und die Trommeln wirbeln. Er wählt mit einer der kleinen demokratischen Parteien, weil er meint, durch sie werde er zu Ruhe und Frieden gelangen, und sieht gar nicht einmal, dass er durch sein oppositionelles Gebaren in Gefahr kommt, sich noch «lie einzige Stütze zu entziehen, die ihm seine Ruhe gewährleistet, nämlich die Unterstützung der Regierung und die Hilfe der bewaffneten Macht, der er andererseits so blindlings vertraut! Um die Konitzer Lehren zu begreifen, bedarf es langsamer und mühseliger Aufklärungsarbeit. Auch das Eingreifen der Krone selbst -- so dankbar wir es hegrüssen — darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Leben, das nur auf dem guten Willen der Truppen und der Polizei basiert, ein Unding ist. Talleyrand hat es bereits ausgesprochen : „On peut tout faire avec les bayonnettes. excepte sV asseoir." Darum müssen wir wieder und wieder durch Wort und Schrift darauf hinweisen, dass wir uns selbst helfen müssen, dass wir nicht die äusseren Schäden am Volkskörper heilen, sondern den Lebensprocess kräftigen müssen, damit wir allmählich gesunden. Kranke sendet man aufs Land, damit sie Genesung finden; wir sind ein krankes Volk, und auch wir werden erst Ruhe rinden in der Stille des Landlebens, ausgeschieden aus Verhältnissen, die uns beengen und ängstigen und den Heilungsprocess aufhalten. Schon dringt ein frischer LuftsLrom in die Krankenstube; unser Volk regt sich wie im Ahnen des Frühlings. Hoffen wir, dass der Sturm, der jetzt über die Häupter unserer Brüder dahingeht, das Eis brechen hilft und so das Erwachen aus dem langen Winterschlafe fördert. Wenn auch nur wenige aus dem Geschehenen gute Lehren ziehen, so können wir sagen : Garn su letauwoh, auch das war zum Guten. London. Von Leo Rafaels. Es wäre so natürlich, so selbst verständlich gewesen, von allem Anfange den Jüdischen Congress in London abzuhalten, und doch durfte es nicht geschehen. Dreimal inussten wir zeigen, dass wir keiner Millionenstadt bedurften, um etwas zu verstecken, dass wir uns nicht davor scheuten, in einem verhältnismässig kleinen Orte