Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 24 (15.6.1900)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1900-06-15
- Page
- 13 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 24 ,Die o Welt" Seite 13 Zu den Mitgliedern der geplanten, von der deutschen Reichsregierung subventionierten Expedition nach Baalbeek gehört auch Herr Dr. Moritz Sobernheim. Der jugendliche Gelehrte, dessen lebhaftes Interesse für Juden und Judenthum sich auf den mannigfachsten Gebieten bethätigt, hatte die Auszeichnung, vom deutschen Kaiser empfangen zu werden. * Wie Odessaer BläLter berichten, haben einige jüdische Gemeinden in Russland an das Ministerium für Volksaufklärung eine Petition gerichtet, in der angesucht wird, es möge den Leitungen der technischen Mittelschulen gestattet werden, einen grösseren Percentsatz jüdischer Schüler aufzunehmen, als nach den ministeriellen Vorschriften zulässig ist. Am 15. Mai a. St. begannen die Prüfungen der Zöglinge in den von der „Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden Russlands" in St. Petersburg errichteten Schulen. Diese Schlussprüfungen dauern einen ganzen Monat hindurch. Zeitschriftenrundschau. Im „Hameliz" erörtert J. Ch. T a w j e w die Aufgaben des Geisteszionismus in den grösseren Städten. Es müsse der natur- und erfahvungsgemässen Entfremdung der Jugend energisch entgegengearbeitet werden. Das Judenthum habe Werbekraft zur Genüge, um auch ausserhalb des dumpfen Ghettolebens der Kleinstädte seinen Besitzstand zu wahren. In demselben Blatte finden wir einen beachtenswerten Aufsatz, in dem der „Sohn eines Schneiders" Klage führt über die Missachtung, die den jüdischen Handwerkern nicht blos im täglichen Leben, sondern auch in der hebräischen Journalistik und Literatur der Gegenwart entgegengebracht wird. Während andere Völker den redlichen Erwerb des Mannes durch seiner Hände Werk schätzen und vielfach fordern, überheben sich bei den östlichen Juden selbst der Makler und Zwischenhändler über den Handwerker. In alten Zeiten habe sich der Handwerkerstand in Israel grösserer Wertschätzung erfreut. In „Hazefirah" schreibt Benzion Beermann über die Rabbinerfrage in Russland. Dass die russischen Rabbiner allen Angelegenheiten und Bestrebungen des Volkes zumeist theilnahmslos und unthätig gegenüberstehen, das hat nach dem Artikelschreiber darin seinen Grund, dass die grosse Masse die Autorität der Rabbiner nicht mehr respectiert. ja die Rabbiner geradezu terrorisiert, so dass heute ihatsächlich die Rabbiner von der Menge gegängelt werden. Es sei ein Irrthum, anzunehmen, die Rabbiner hätten sich von Grund aus geändert. Vielmehr seien blos die Massen zuchtloser geworden. M. Z. In dem Blatte „La Roumanie", das in Bukarest in französischer Sprache erscheint, vergiesst ein empfindsam thuender Rumäne Krokodilsthränen über die Auswanderung der Juden. Sein patriotisches Gemüth ist tiefbetrübt, dass gerade derjenige Stand, dessen Rumänien am meisten bedürftig ist, nämlich der Handwerkerstand, das Land auf immer verlässt. Der Artikelschreiber meint, der Verlust, der den Rumänen durch die Auswanderung der jüdischen Handwerker entstehe, werde kaum zu ersetzen sein, da der Rumäne sich zum Handwerker nicht eigne. Die reichen Juden sollten als gute rumänische Patrioten ihren armen Glaubensgenossen nicht zur Auswanderung verhelfen, sondern ihnen durch ausgiebige Unterstützung ermöglichen, im Lande zu bleiben und sich redlich su nähren. Der wohlwollende Rathgeber schliesst mit folgenden Worten, die seine Absieht enthüllen: „Jedenfalls können wir das Ausland versichern, dass die Juden freiwillig und unseren Intentionen entgegen auswandern." Die soeben erschienene zweite Nummer der „Jüdischen Turnzeitung" weist einen reichen Inhalt auf. Den ersten Artikel, „Muskeljudenthum" von Max N o r d a u, drucken wir an anderer Stelle vollinhaltlich ab. Auf diesen Artikel folgt der Schluss des Aufsatzes „Spiele und Vergnügungen der deutschen Juden im Mittelalter" von Dr. A. Berliner. Theodor ZI o eist i, hat sich mit einem flotten „Marsehlied" eingefunden. Richard Blum schreibt über „Disciplin". Die Juni-Nummerder von unserem Gesinnungsgenossen Dr. A. K u r r e in in T ep 1 itz herausgegebenen „Jüdischen Chronik' weist folgenden Inhalt auf: Monatsschau: Die Polnaer Gerichtsärzte. — Das Schewuosfest! Von Doctoi Ad. K u r r e i n. — Die Humanität der Thora. (Eine Schewuothbetrachtung.) Von Dr. M. H. Friedländ er. — Das Criminalrecht im Judenthum. (Altjüdisches Criminalrecht.) Nach einem Vortrage von Dr. H. G o i t e i n, Rabbiner in Kopenhagen. — Krankenbesuch und Trauergebräuche nach Bibel und Talmud. Von Rabbiner Dr. Klotz in Jungbunzlau. — Feuilleton: Eine entsetzliche Nacht! (Eine psychologische Studie. — Hebr. verfasst von J. L. P e r e t z.) Uebersetzt von Isser J. Sapornik. — Jüdische Weltchronik. „Hatechijah", das von unserem Gesinnungsgenossen W. Schur in Chicago herausgegebene hebräische Wochenblatt, bespricht in seiner Nr. 13 das von uns an anderer Stelle registrierte Unternehmen einer amerikanischen Verlagsbuchhandlung, eine Encyklopädie des Judenthums in englischer Sprache herauszugeben. Das Blatt erinnert daran, dass der bekannte Philanthrop und Förderer der hebräischen Literatur K. W. Wissotzky vor Jahren einen gleichen Plan fasste, der sich von dem des amerikanischen Verlages hauptfächlich darin unterschied, dass es sich damals um die Herausgabe einer hebräischen Encyklopädie handelte. Der bekannte hebräische Schriftsteller A. Ginzberg (Achad-Haam) war mit den Vorarbeiten betraut worden. Infolge verschiedener Controversen und Meinungsverschiedenheiten zerschlug sich die Sache jedoch, und aus der „Encyklopädie des Judenthums" wurde die literarischwissenschaftliche Monatsschrift „Haschiloach". Was nun, führt „Hatechijah" weiter aus, dem jüdischen Literaturfreund Wissotzky nicht gelungen ist, das wird nunmehr voraussichtlich christlichen Geschäftsleuten aufs beste glücken ... Im weiteren Verlaufe des interessanten Artikels wird gesagt, ehe man das verdienstliche Planen der amerikanischen Verlagsfirma —verdienstlich, obgleich die Encyklopädie nicht in hebräischer Sprache erscheinen wird — in jüdischnationalen Kreisen unterstütze, müsse man Klarheit darüber haben, wer eigentlich die Redacteure und Mitarbeiter des Werkes sein werden. Es müsse dringend gefordert werden, dass auch jüdische Gelehrte und Schriftsteller aus Russland zur Mitarbeit herangezogen werden. Sonst werde die literarische und wissenschaftliche Arbeit der russischen Juden, die ihre Werke in hebräischer Sprache geschrieben haben, in der Encyklopädie kaum nach Gebür gewürdigt werden, wie ja selbst G r ä t z in seinem classischen Geschichtswerke die junghebräische Literatur und Wissenschaft, die hauptsächlich in Russland gepflegt wird, recht stiefmütterlich behandelt hat. Eine'sehr wichtige Frage sei es auch, wer den Artikel „Zionismus" in der Encyklopädie schreiben wird. Würde dazu ein amerikanischer Reformrabbiner ausersehen, so könnte es nicht ausbleiben, dass der in Rede stehende Artikel etwa folgende Fassung hätte : „Z i o n i sm u s. Eine Utopie, entstanden im Hirne einiger Wahnwitzigen, deren Bestreben darauf gerichtet i^t, die jüdischen Bürger irrezuführen und sich als Messiasse aufzuwerfen." Das sei eine nette Perspective und durchaus nicht ganz unwahrscheinlich ... Es sei tief betrübend, dass ein Volk, wie das jüdische, ein „Volk des Buches" par excellence,