Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-06-15 · 24 (15.6.1900) · p. 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
24 (15.6.1900)
Article
Beschränkung der Judenrechte in Russland
Date
1900-06-15
Page
11 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315876-3370125--20238-3370239
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 24 ,Die s> Welt" Seite 11 rium, welches ein Gutachten über die Frage ausgearbeitet und dem Senate zur Entscheiduug zugestellt hat. Auf Grund dieses Gutachtens hat nun die allgemeine Versammlung folgenden Beschluss gefasst: „Juden, welche zehn Jahre lang die Gebüren zur ersten Gilde gezahlt, erhalten nur insofern eine grössere Bewegungsfreiheit, als sie bisher in der Stadt, in der sie als Kaufleute lebten, sich niederlassen dürfen. Die übrigen, für Juden gesperrten Reichstheile bleiben ihnen nach wie vor verschlossen." Eine Encyklopädie des Judenthums in englischer Sprache will das Verlagshaus Funk&Wagnals in New-York herausgeben. Der bekannte jüdische Gelehrte Josef Jacobs in London ist zum Redacteur des auf zwölf Bände berechneten Werkes ausersehen. Er hat bereits zahlreiche Koryphäen der Wissenschaft des Judenthums zur Mitarbeit eingeladen. Die genannte Verlagshandlung hat eine Subscription auf die Encyklopädie ausgeschrieben, und diese Ausschreibung hatte schon nach einigen Tagen ein schönes Resultat aufzuweisen. Mizraim auf Hawai. Aus San Francisco meldet man der Chicagoer hebräischen Wochenschrift „Hatechijah", dass der dortige Rabbiner, Rev. L e vi, bei seiner Reise auf Hawai in der Hauptstadt Honolulu einen Juden aus Böhmen namens Jacob Tepp er und 24 Christen aus Galizien aus der Leibeigenschaft losgekauft habe. Diese Leute wurden mit zahlreichen anderen von gewissenlosen Agenten, welche den Unglücklichen gegen ein kleines Entgelt ausgedehnte Ländereien in Aussicht stellten, nach Hawai gelockt. Als sie nun dort ankamen, wurden sie zwangsweise zu einigen Farmern gebracht und zu schwerer Feldarbeit angehalten, ohne dass ihnen die mindeste Entlohnung geboten worden wäre. Dem Juden Tepp er gelang es jedoch, mit 24 christlichen Leidensgenossen nach Honolulu zu entkommen. Die Farmer setzten ihnen mit Jagdhunden nach, und obwohl sie die Entsprungenen nicht erreichen konnten, wären diese ihren „Herren" wieder ausgeliefert worden, da man den Unglücklichen einen schriftlichen „Vertrag" erpresst hatte, der sie direct zu Leibeigenen der Farmer machte. Glücklicherweise erfuhr der durchreisende Rev. Levi von der Sache, und durch Beihilfe einiger Menschenfreunde gelang es ihm, die Leute mit einer hohen Geldsumme förmlich loszukaufen. „Gelehrte Juden" in Russland. Die russische Zeitung „Krim" meldet, dass in der Stadt Siniferopol von der russischen Regierung ein neues Amt creiert worden ist. Rabbiner Perlmann von dort ist nämlich dieser Tage zum „gelehrten Juden" ernannt worden. Als solcher bezieht er ein Gehalt von 600 Rubeln, die der Fleischsteuercasse entnommen werden. Die jüdische Gemeinde in Sitomir (Russland) hat in ihrer jüngsten General-Versammlung beschlossen, den dortigen Stadtrath aufzufordern, er möge eine besondere Section für jüdische Angelegenheiten einrichten, unter Zuziehung von jüdischen Sachverständigen. „Die Waffen nieder!* Der bekannte Roman der Baronin Suttner, der diesen Namen trägt, ist mit Genehmigung der Verfasserin von B. Rum eier ins Hebräische übersetzt worden und gelangt demnächst auf den Büchermarkt. Der Wochenbericht des Matrikelamtes der Wiener Israelitischen Cultusgemeinde für die Zeit vom 25. Mai bis 1. Juni 1900 weist 82 Geburten und 44 Sterbefälle auf. Personalnachricht. Am 12. d. M. findet in Jaroslau die Trauung des Herrn Nathan Lip s chütz, eines Sohnes unseres Gesinnungsgenossen Herrn J. L. L i p s c h ü t z in Lemberg, mit Fräulein Aurelie Birnbaum statt. Correspondenzen. Wien. Von Herrn Director Simon erhalten wir folgende Zuschrift: „In Nummer 22 Ihres geschätzten Blattes schliesst der Aufsatz: „Wiener Cultusgemeinde" mit den Worten: „. . . . endlich wird der „grosse Sturm" ja doch kommen, vor dem der Cultusvorstand nach dem Ausspruche des Herrn Director Simon „ganz sicher" ist." Um der falschen Auffassung vorzubeugen, als hätte ich gegen die Verlesung der Petition gesprochen, bitte ich höflichst, Ihre geehrten Leser in der Ihnen geeignet scheinenden Form wissen zu lassen, dass ich bei Gelegenheit der Berathung der Abänderung der Wahlordnung die Thatsache festgestellt habe, dass der von mir und anderen erwartete Sturm gegen die Wahlkörper ausgeblieben sei; dass der Vorstand vor einem Sturmgang sicher ist, habe ich nicht gesagt Im vorhinein dankend, bin ich hochachtungsvoll Dir. Simon." Lemberg. Am 1. d. M. trafen in Lemberg 118 jüdische Emigranten aus B e r 1 a d (Rumänien) ein und wurden auf dem Bahnhofe von unserem Gesinnungsgenossen Herrn Cultusrath Dr. Wilhelm H o 1 z e r empfangen. Sie wurden auf Veranlassung des Vicepräsidenten der hiesigen Cultusgemeinde Herrn Dr. Simon Schaff in der israelitischen Hauptschule untergebracht und drei Tage beköstigt. Mit dem heutigen Frühzuge wurden sie auf Kosten der Cultusgemeinde nach Krakau befördert. Dieser Emigrantenzug bietet ein ergreifendes Bild. Meine Feder ist zu schwach, es nachzuzeichnen. Leider ist es nicht einmal - sicher, dass die unglücklichen Auswanderer über die deutsche Grenze gelassen werden. Sie kämen, im Falle ihnen die Passage der Grenze verboten würde, in eine schreckliche Klemme, da sie nach Rumänien nicht mehr zurückkehren dürfen, selbst wenn sie wollten. J. H. Drohobycz. Ueber Iniative des Obmannes des hiesigen Zion-Vereines, Herrn A. H. Zup«ik, wurde von einem Wiener Künstler-Ensemble, welches hier einige Gastspiele absolvierte, Samstag abends „Das neue Ghetto" von Theodor H e r z 1 bei ausverkauftem Hause zugunsten des Zion-Vereines aufgeführt. Das Stück erzielte grosse Wirkung. Stanislau. Einige Vorsteher unserer jüdischen Gemeinde haben vor kurzem einen netten Streich ausgeführt, der uns einen neuerlichen Beweis liefert, wie verrottet die Zustände in den galizisch-jüdischen Cultusgemeinden sind. Als nämlich bekannt wurde, dass am 1. Juni 1. J. IIS rumänische Auswanderer in unserer Stadt eintreffen und bei uns die Feitrtage zubringen wollen, constituierte sich in aller Eile ein Hilfscomite, welches für einen würdigen Empfang, wie auch für die Weiterbeförderung unserer armen Brüder die nöthigen Vorkehrungen traf. Was thaten aber unsere Cultus- Leuchten? Es ist dies heute schon ein sogenanntes „offenes Geheimnis". Sie intervenierten bei der politischen Behörde, sie möge auf der hiesigen Bahnstation das Aussteigen unserer unglücklichen Brüder verhindern. Und so kam es, dass die eintreffenden Auswanderer einerseits von einer grossen Zahl der hiesigen Juden, andererseits aber auch von einem politischen Beamten, sechs Gendarmen und zehn Wachleuten auf dem Bahnhofe erwartet wurden. Der Zug fuhr in die Station, wurde aber sofort von Gendarmen umzingelt Es folgten eindringliche Fürsprachen, es half aber gar nichts. Unsere unglücklichen Brüder mussten sofort die Weiterreise antreten. — Der Vorfall hatte manches Nachspiel. Es haben grössere Demonstrationen gegen die Cultusvorsteher stattgefunden, und es herrscht noch fortwährend eine allgemeine Erregung. Das Volk verlangt nach neuen Wahlen (die letzte Cultuswahl hat vor zwölf Jahren stattgefunden), um die würdigen Führer zu entsetzen. Es stehen auch einige Volksversammlungen bevor. M. K.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.