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Die Welt · 1900-06-15 · 24 (15.6.1900) · p. 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
24 (15.6.1900)
Article
Neues aus Konitz
Date
1900-06-15
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die s£ Welt' Nr. 24 hoch dieselbe jene Aussage einschätzt. Mit welchen Mitteln gegen diesen unglücklichen Mann gearbeitet wird, zeigt die Geschichte mit der Postsendung von 20.000 Mk., die seinerzeit durch die Blätter gieng. Man glaubte damals, dass es sich um ein Spiel mit mehreren Nullen handelte. In Wirklichkeit hat jedoch Levy einen mit 20.000 Mk. declarierten Brief erhalten. Er war jedoch vorsichtig genug, denselben von der Behörde öffnen zu lassen, und da stellte sich heraus, dass der Inhalt aus Papierschnitzeln bestand. Jedenfalls handelte es sich hier um das Manöver einer ganz gemeinen Schurkerei, ausgesonnen zu dem Zwecke, den Verdacht des Mordes gegen einen ehrenhatten Mann zu verstärken. Des weiteren wird jetzt mitgetheilt, dass das Militär zurückgezogen ist. Der Bürgermeister Deditius hat einen Urlaub von längerer Dauer angetreten. Ob hierin, wie antisemitische Blätter ausposaunen, eine Sühne gegenüber der Judenhetze beabsichtigt ist, dürfte doch sehr zu bezweifeln sein. Dem Fleischermeister Hoffmann ist amtlich mitgetheilt worden, dass kein Verdacht mehr gegen ihn bestehe. Die Berliner Criminal-Beamten Braun und Wehn sind nach Berlin zurückgekehrt. Ob darin eine Bestätigung der Annahme zu erblicken ist, dass dieselben an der Aufdeckung der ruchlosen That verzweifeln, lässt sich zur Zeit noch nicht entscheiden. Sollte es wirklich der Fall sein, so liegt das lediglich an den Hetzern und der antisemitisch verseuchten Bevölkerung, die alles daran gesetzt haben, der Behörde ihr mühevolles Werk bis ins Unendliche zu erschweren. Die neuesten Berichte der deutschen Blätter über die Vorfälle in Könitz geben das Bild eines wahren Aufstandes der dortigen Bevölkerung. Der städtische Mob. verstärkt durch die aufgehetzte Landbevölkerung, hat zuerst einige in der Nähe der Synagoge gelegene schuppen angezündet, sodann — Sonntag den 10. d. M. — die Synagoge selbst vollständig demoliert. Zahlreiche Geschäftsläden und Häuser der Juden wurden mit Steinen bombardiert. Die preussische Regierung hat sich zur Verhängung des Belagerungszustandes entschlossen. Sonntag abends liess der Landrath zwei Compagnien Militär aus Graudenz kommen. Bezeichnend ist, dass der Bürgermeister und der Polizei-Commissär von Könitz, als sie eine Gruppe von Excedenten zu zerstreuen suchten, von diesen thätlich misshandelt wurden. Selbst der Berliner Polizei-Commissär Wehn, der einen der Hauptunruhestifter verhaftete, wurde gezwungen, den Festgenommenen wieder freizugeben. Eine bedauerliche Scene ereignete sich auf dem Marktplatze, als der jüngste Sohn des Schlächters L e vy diesen passierte. Der junge Mann wurde von einigen Leuten als der Mörder des Ernst Winter bezeichnet. Als er energisch protestierte, fielen die Leute über ihn her und bearbeiteten ihn mit Stöcken und Fäusten, so dass er blutüberströmt zu Boden sank. Auch iu der Umgegend von Könitz fanden neuerdings Excesse statt. So in Schlochau, Hammerstein und Baldenburg. Im letztgenannten Orte haranguierte ein antisemitischer Kaufmann die Menge mit den Worten: „Nicht Steine werfen, sondern schiessen müsst Ihr.x Judenexcesse in Pommern. Ein bedeutender Krawall fand Donnerstag den 31. Mai abends in Bütow i. P. statt. Gegen 9 Uhr sammelten sich grosse Menschenmassen auf dem Markt und in der Langen Strasse an, und bald begann ein Steinborbadement auf die Geschäfte von Einwohnern jüdischer Confession, die grösstentheils schon ihre Läden vorher geschlossen hatten. Bei vielen Juden wurden die Scheiben mit grossen Feldsteinen eingeworfen. Die Synagoge soll vollständig demoliert sein. Auf Anordnung des Bürgermeisters mussten bald alle Geschäfte geschlossen werden. Erst gegen 11 Uhr trat wieder Ruhe ein. Einige Verhaftungen wurden vorgenommen. Die „Ostsee-Zeitung" berichtet noch darüber: „Der angerichtete Schaden bei dem gestrigen Krawall in Bütow, über den wir bereits berichtet haben, dürfte sich leider doch noch höher stellen, als man in der Nacht beuitheilen konnte. Di^e Synagoge sieht schrecklich aus, etwa 60 Scheiben sind zertr ümmert, sogar Fensterkreuze, doch soll der neue Gas- Kronleuchter unbeschädigt sein. Bei Abrahamsohn Nachfolger wurden im Hause etwa 20 Scheiben zerschlagen u.s. w. Menschen sind durch die Steine nicht verletzt worden. Der Herr Bürgermeister beschwichtigte persönlich fortwährend die aufgeregten Massen; dieses half mehr, als wenn man Gewalt angewendet hätte. Die Gendarmen, von denen der eine soeben aus Rummelsburg zurückgekommen war, giengen energisch vor, und es wurden insgesammt S Verhaftungen vorgenommen. Noch gegen 12 Uhr traf der Nachtwächter drei Personen, die Scheiben einwarfen, und brachte dieselben zur Anzeige. Bedauert wurde allerseits, dass die Strassen in vollständiges Dunkel gehüllt waren, weil die Gaslampen im Sommer nicht brennen! — Heute morgens bedeckten das Trottoir überall Glasscherben. — Die Polizeiverwaltung liess heute ausklingeln, dass von 8 Uhr ab alle Schankstätten, deren es in Bütow über 30 gibt, geschlossen werden müssen; auch wurden die Meister aufgefordert, ihre Leute, und die Herrschaften, ihre Mädchen zuhause zu behalten. Mehrere Personen wurden im Laufe des Tages vernommen. Man befürchtet heute abends neue Ruhestörungen. Aenderung jüdischer Familiennamen. Seit Wochen herrscht in der Berliner Presse eine grimme Fehde für und wider die Genehmigung der Aenderung jüdischer Familiennamen seitens der Behörden. Jetzt hat die halbamtliche „Berliner Corresp." zu der Sache folgendermassen Stellung genommen: „Es sind neuerdings wiederholt darüber Vorstellungen erhoben worden, dass Anträgen auf Aenderung jüdischer Familiennamen ohne ausreichende Veranlassung oder doch ohne gebürende Rücksichtnahme auf die Bedenken, welche aus der Wahl des anzunehmenden Namens herzuleiten waren, von Seiten einzelner Behörden stattgegeben worden sei. Um die wünschenswerte Einheitlichkeit in der Behandlung von Anträgen der gedachten Art sicherzustellen, hat sich der Minister des Innern veranlasst gesehen, in Ergänzung der Vorschritten des Circularerlasses vom '.). August 1S67 („M.-Bl." S. 246) durch Circularerlass an die zuständigen Behörden zu bestimmen, dass künftig Gesuchen, welche auf die Genehmigung der Namensänderung von Personen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft, bezw. auf die Bestätigung des von einem zum Christenthum übergetretenen Juden bei der Taufe angenommenen Familiennamens gerichtet sind, nicht ohne die vorher einzuholende Ermächtigung des Ministers Folge gegeben werde." Demnach bleibt die Berechtigung der Behörden zur Genehmigung der Namensänderung erhalten, aber sie wird künftig von der Ermächtigung des Ministers abhängig gemacht. Beschränkung der Judenrechte in Russland. Die allgemeine Senatsversammlung in Petersburg hat dieser Tage eine wichtige, die Judenfrage betreffende Entscheidung gefallt. Nach dem Gesetze ist es denjenigen Juden, die als Kaufleute zur ersten Gilde steuern, gestattet, allenthalben in den Reichsgrenzen sich niederzulassen. Sie sind in keiner Weise den gewöhnlichen Einschränkungen unterworfen. Nun hatte es sich allmählich herausgebildet, dass Juden, die während der Dauer von zehn Jahren zur ersten Gilde gezahlt und darnach das kaufmännische Gewerbe aufgegeben hatten, die in dieser Zeit besessenen Vergünstigungen für Lebenszeit behielten. Es war mithin eine Geldfrage geworden, ob ein Jude sich frei in Russland bewegen durfte, oder aber an bestimmte Provinzen gebunden sein sollte. Der zehnjährige Betrag der Steuer erster Gilde macht etwa 6000 bis 10.000 Rubel aus. Die Behörden haben sich wiederholt mit dieser Angelegenheit beschäftigt, konnten aber nicht zur Einigung gelangen. Man wendete sich vom Senate schliesslich ans Justizministe-

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