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Die Welt · 1900-06-15 · 24 (15.6.1900) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
24 (15.6.1900)
Article
Selbsthilfe oder Almosen
Date
1900-06-15
Page
7 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 24 „Die & Weif Seite 7 Selbsthilfe oder Almosen. In unserer Mitte befindet sich noch immer eine Schar weiser Beschwichtigungs-Hofräthe, deren Parole stets lautet: Nur keine Aufregung: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht! Ein lautes Wort gegen unsere Millionäre, von denen schon Ludwig Börne gesagt hat, dass sie Gold und Verachtung verdienen, macht sie nervös. Wenn man etwas für das Volk thun wolle, lautet der diplomatische Ausspruch, so müsse man den Reichen schmeicheln, deren Geld man brauche. Diese Schnorrerpolitik hat bisher unserem Stamme den grössten moralischen und materiellen Schaden zugefügt: sie hat demoralisierend gewirkt. Denn zum Theile hat sie ein Heer von bezahlten Grossalmosenieren grossgezogen, die eine widerwärtige Erscheinung in unserem öffentlichen Leben bilden; andererseits aber hat sie im Volke jedes Bestreben nach Selbsthilfe erstickt, jedes Gefühl der Selbstachtung ertödtet Die Hilfe, die ihm die „reichen Glaubensgenossen* zutheil werden liessen, war in der Regel mit Missachtung, zum Theile sogar mit noch Schlimmerem verbunden. Die Geschichte der Colonisation Palästinas durch Juden ist dafür ein lehrreiches Beispiel. Was wurde nicht früher zum Lobe der Verwaltung gesungen! Wieviele Soldschreiber und bezahlte Lobredner haben nicht die Administration „als die beste aller möglichen Administrationen" gepriesen! Eines hässlichen Tages aber brach das ganze Lügengebäude jämmerlich zusammen, und Herr Baron Edmund Rothschild hat alle seine Colonien in Palästina mitsammt „lebendigem und todtem Inventar", die Colonisten-Familien mitinbegriffen, an die „Ica" verkauft oder verschenkt. Es ist dies etwas Unerhörtes in der Geschichte der Judenheit, dass man lebendige Menschen ohne ihr Vorwissen an einen anderen „Rechtseigenthümer" abtritt, es sei denn, dass man die mittelalterliche Praxis in Erinnerung bringen will, als deutsche Fürsten die jüdischen „Kammerknechte" zu verkaufen, verpachten oder verpfänden pflegten. Und die Soldschreiber und Grossalmoseniere sind jetzt dabei, das Lied des neuen Herrn zu singen, dessen Brot sie essen; jetzt ist die „Ica" „das Grossartigste", das je dagewesen, der Generalverwalter sei der wahre Messias, während der frühere Bevollmächtigte des Baron Rothschild, den man bislang nicht genug verhimmeln konnte, nunmehr der Sündenbock ist, den man für das Colonisations-Fiasco verantwortlich macht. Auch General-Bevollmächtigte, die grosse Weinlager haben und Verkaufsstellen einrichten, haben ihre Höflinge. Gestern fand der Delegiertentag der „Esra"-Vereine statt. Ohne jeden Grund — denn diese Sache stand gar nicht auf der Tagesordnung — wurde vom Vorstandstische ein Hymnus auf die „Ica" angestimmt. Ich will den ehrenwerten Männern vom Vorstande nicht Unrecht thun; jeder Mensch hat das gute Recht, mittelmässig beanlagt zu sein und sich von geschickten Drahtziehern leiten und „anführen" zu lassen. Unrecht war es nur, dass, als aus der Mitte der Versammlung die Entrüstung über das Gebahren der „Ica* laut wurde, als man die „Abtretung" der Colonisten ohne deren Vorwissen entschieden tadelte, der Vorsitzende, ein gewisser Herr M. Dorn, gleich die Discussion mit der Begründung schloss, dieser Punkt stehe gar nicht auf der Tagesordnung l Wir sind ja in Bezirksvereinen an ähnliche Kunststücke gewöhnt; im „Esra"-Vereine rief aber dieses Husarenstücklein grossen Unwillen hervor, der sich bald bei der Vorstandswahl kundgab. Mit knapper Noth wurde der „verdiente" Vorsitzende wiedergewählt. Aber selbst diejenigen, die ihm diesmal ihre Stimmen gaben, versicherten, dass sie dies aus Verlegenheit thaten, weil keine Zeit mehr war, sich über die Person eines anderen Leiters zu verständigen. Auch in Berlin hat also die Schnorrer- und Almosenpolitik bankerottiert, was nur für jene bedauerlich sein mag, die nicht für, sondern von der nationalen Begeisterung leben. Es muss stets und laut wiederholt werden : die bisherige Rettung mittels der Philanthropie hat dem Volke Dicht nur nichts genützt, sondern im höchsten Grade geschadet. Der Schaden ist sogar unermesslich, und deshalb hat es mich gestern ausserordentlich gefreut, als ich die Wahrnehmung machte, dass auch der Verein „Esra" sich nunmehr von der Almosenpolitik abwendet. Es ist in der That höchst lächerlich, wenn der Verein bis jetzt immerwährend von „seiner" Colonie „Esra" sprach, obwohl es eine solche Colonie gar nicht gibt, sondern nur eine Gasse in „Rechoboth" wo der Verein „Esra" zum Bau von fünf Hütten beigesteuert hat, hier in Berlin „Esra" getauft wurde, wie sich ein Delegierter ironisch ausdrückte. Und damit nahmen die Herren Jahr für Jahr den Mund voll und schimpften wacker auf die politischen Zionisten, die durch ihr Auftreten das „Colonisationswerk" störten! Es wäre dies ein prächtiges Possenspiel, wenn es nicht gar so traurig wäre. Indessen, seien wir zufrieden! Gestern hatt es bereits in den Köpfen zu dämmern angefangen; ich hoffe noch das Ende des ganzen Humbugs zu erleben! Berlin, 6. Juni Dr. S. Bern f e 1 d. Zionistische Studentenvereine. Auf die Einladung zur Gründungskneipe des am y. Mai d. J. in München constituierten „Vereines jüdischer Studenten" sandte die Jüdische akademische Verbindung „Unitas* drei Mitglieder nach München, um mit der jüdischen Studentenschaft Deutschlands in nähere Beziehung zu treten. In Deutschland gibt es eine Reihe von Studentenverbindungen mit jüdisch-nationalen Tendenzen. Die V. J. St. (Vereinigung jüdischer Studenten) hat Vereine in Berlin, Leipzig, Breslau und nunmehr auch in München. Diese bezwecken die Weckung und Hebung jüdischen Selbstbewusstseins durch möglichst allgemeinen Zusammenschluss der jüdischen Studentenschaft durch Verbreitung der Kenntnisse in der jüdischen Geschichte und Literatur, durch rege Antheilnahme am jüdischen Leben, sowie durch Pflege körperlicher Uebungen. Ihrer Flugschritt entnehmen wir: „Das Wort „Jude", das man Euch als Schimpfwort zuruft, sollt Ihr von nun an als Ehrennamen tragen. Wie die Geusen, die edlen Freiheitskämpfer der Niederlande, sich selbst als „Bettler" bezeichneten, so wollen auch wir den Namen „Jude", die gelbe Farbe, die man unseren Vätern als Schandfleck auf das Gewand geheftet, als Ehrenzeichen tragen. Wir wollen nicht, dass der jüdische Stamm untergehe. Mit ihm würden Eigenschaften verschwinden, die, wieder productiv geworden, wie in den Tagen der Väter, der Menschheit neue Ideale und Culturgedanken schaffen würden. Das Grösste wird nie von der Nachahmung, stets von der sich selbst kräftig betonenden Individualität hervorgebracht. Nur wenn wir ganze Juden sind, können wir ganze Menschen sein! Wir wollen zusammenhalten, wie je nur in diesem Jahrhundert eine für Ideale kämpfende Jugend zusammenhielt. Unsere grosse Volksvergangenheit, die uns jungen Juden leider unbekannt geblieben ist, soll wieder lebendig in uns werden. Denn dies ist das Arsenal, aus dem wir unsere besten Waffen holen, Entschlossenheit und Zuversicht und den freien Zukunftsblick dessen, der die Vergangenhsit mit dem Gefühle erkannt hat. Männlich und krafterfüllt soll auch unser Körper sein und stets willig und bereit, die grossen Befehle des Geistes auszuführen. Wir wollen treu zusammenhalten und hochhalten die Fahne des Judenthums." Wenn auch diese Vereine sich officiell nicht zum Zionismus bekennen, so sind doch viele ihrer Mitglieder

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