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Die Welt · 1900-06-15 · 24 (15.6.1900) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
24 (15.6.1900)
Article
Die Reise zum Congresse nach London
Date
1900-06-15
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 24 „Die 2> Welt" Seite 5 man schätzt sie auf beiläufig 70.000. Ein geringer Theil davon sind die Nachkommen jener spanisch-portugiesischen Flüchtlinge, welche unter dem Lord-Protector der englischen Republik, Cromwell, im Jahre 1G57 in London sich ansiedeln durften, nachdem durch mehrere hundert Jahre den Juden der Aufenthalt in London und England überhaupt verwehrt war. Die spanisch - portugiesische sephardische Judengemeinde in London hat ihren eigenen Rabbiner (Chacham), als welcher seit Jahren unser Gesinnungsgenosse und Vicepräsident der letzten Zionisten-Congresse Dr. M. Gast er fungiert. Die Mitglieder dieser Gemeinde sind meist reiche, in der englischen Gesellschaft sehr angesehene Männer. Grösser ist die askenasische Gemeinde, bestehend aus Nachkommen aus Deutschland nach England eingewanderter Juden. Am grössten aber ist die Zahl der aus Russland stammenden Juden, die in London das E a s t - (O s t-) E n d, die Bezirke Whitechapel, Houndsditch und die M i n o r i e s bewohnen. Die Lage der Einwanderer ist eine ungemein traurige, ihr Elend ein ungeheures. Wer ihre Quartiere besucht, bekommt erst einen Begriff vom Judenelend, von der Judennoth. Während wir die grosse Masse der reichen Stammesgenossen des Westend von London für die Sache der Errettung unseres Volkes interessieren und gewinnen wollen, soll der Congress den Juden des Ostend die Botschaft bringen, dass ihre Brüder ihrer gedenken, und für ihre Befreiung nicht bloss beten, sondern auch arbeiten. Das gedruckte und geschriebene'Wort kann die directe, persönliche, unmittelbare Wirkung nicht ersetzen. Die Willkommsworte, welche selbst ein dem Zionismus sonst gegnerisches Blatt für die nach London kommenden Zionisten findet, zeigt, dass wir in unserem Beschlüsse einen richtigen Weg betreten haben. Von London aus können wir uns aber auch bei der ganzen übrigen, nichtjüdischen Welt am leichtesten Gehör verschaffen, denn London ist der sichtbarste Punkt der ganzen Welt. In London selbst treten wir in die Mitte einer den Juden freundlich gesinnten Bevölkerung, von der ein Theil unseren Bestrebungen aus religiösen Motiven mit besonderer Sympathie gegenübersteht. Wir können daher mit Zuversicht hoffen, dass der Congress in London eine wichtige Etappe auf unserer Bahn bedeuten wird. So bleibt denn für die Zionisten nur eines zu thun, den Congress so zahlreich als möglich zu besuchen. Aber nicht bloss aus den obigen Gründen, vor allem um dort zu arbeiten. Denn ausser der Einzelnthätigkeit, erheischt unsere Bewegung viel, sehr viel Arbeit, die nur die Gesammtheit des ganzen zionistisch gesinnten Volkes zu leisten vermag. Der heurige Congress hat auf seiner Tagesordnung mehrere Punkte, deren Durchführung für unsere Bewegung und für unser Volk von weittragender Wichtigkeit sein wird. Vor allem die Massnahmen zur Vorbereitung unseres Volkes für seine Zukunft, die Vorschläge zur geistigen, körperlichen und wirtschaftlichen Ausbildung und Hebung desselben. Die Reise nach London ist ja nicht viel weiter und auch nicht viel theurer als nach Basel. Während man von Berlin nach Basel ca. in Stunden Tährt, beträgt die Reisedauer von Berlin nach London über Ostende oder Calais 2t Stunden. Von Wien aus dauert die Reise nach London um 10 Stunden mehr als nach Basel (33 Stunden nach London gegen 23 Stunden nach Basel). Wer seetüchtig ist, möge die Route über Rotterdam, resp. Hoek van Holland nach Harwich (S—9 Stunden Ueberfahrtszeit) wählen. Es ist die billigste Route. Von Vlissingen nach Qneenborough ist 7—8 Stunden Seefahrt. Die empfehlenswerteste Route für die Congress- Theilnehmer dürfte die von Ostende nach Dover sein mit :>.'/2— 4stündiger Ueberfahrtszeit. Die kürzeste Seefahrt ist von Calais nach Dover in l'U—vU Stunden. Ein Pass ist in England nicht erforderlich, doch als Legitimationsmittel sehr zu empfehlen, da eingeschriebene Briefe nur gegen Vorweisung des Passes eingehändigt werden. Visiert braucht derselbe nicht zu werden. Was den Zoll betrifft, so ist alles, was ein Reisender gewöhnlich bei sich führt, zollfrei, mit Ausnahme von Spirituosen und Cigarren über V, Pfund. Im Auslande gedruckte englische Bücher werden gar nicht eingelassen. Der Reisende hat, wenn er über Ostende oder Calais fährt, schon in Dover, wenn er über Vlissingen fährt, in (Jueenborough sich zu entscheiden, auf welcher Station in London er aussteigen will und darnach das betreffende Eisenbahncoupe zu wählen. Besonders zu bemerken ist, dass sämmtliche Fahrpläne nur für die Wochentage Giltigkeit haben und des Sonntags der Eisenbahnverkehr nur auf wenige Züge beschränkt ist. In London selbst gibt es 17 Haupt- und 300 Nebenstationen der Eisenbahnen. Es ist also nicht so leicht, allein zu fahren, ohne genau orientiert zu sein. Wir empfehlen den Delegierten, in Russland, Galizien und Rumänien sich für die Reise zu verständigen und zu Gruppen zusammenzutreten, welche die Reise gemeinsam machen sollen. Vier Reisende I. Classe, sechs Reisende II. Classe und acht Reisende III. Classe haben ein Recht, sich bei der Bahnverwaltung ein Coupe reservieren zu lassen. Das wird im heurigen Sommer doppelt zu empfehlen sein, erstens, weil die grosse Zahl der nach Paris zur Ausstellung Reisenden die Züge füllt, andererseits, weil es die Reise in ein fremdsprachiges Land gilt. In London hat sich die Vereinigung der „English Zionist Federation" bereits als Empfangs-Comite constituiert und trifft mit aller englischen Energie und Umsicht bereits jetzt alle Vorbereitungen zum Empfange und zur Unterbringung aller Congress-Delegierten. Da man in London eigentlich überall wohnen kann, indem die die Stadt nach allen Richtungen durchquerenden Untergrundbahnen den Verkehr in der Riesenstadt viel bequemer gestalten, als in mancher Kleinstadt, so kann man in London auch zu allen möglichen Preisen unterkommen. Die Massregeln des Londoner Empfangs-Comites sichern aber mit Bestimmtheit zu, dass die Aufenthaltskosten der Delegierten in London geringere sein werden als in Basel. Es wird nur die Reise nach London theurer als nach Basel sein, alle anderen Erfordernisse werden das Budget der Delegierten nicht stärker in Anspruch nehmen, als es bei den früheren Congressen der Fall war. Und diese kleine Mehrausgabe, sowie die etwas grössere Reisedauer werden unsere Brüder nicht abhalten, auf dem Congresse zu erscheinen. Der Congress in London muss alle früheren an Zahl der Delegierten übertreffen. Es wird dies ja nur dem laotischen Wachsthum unserer Bewegung entsprechen. Das Reisebureau „Courier", Firma Nagel u n d W o r t m a n n, W i e n, I., O p e r n r i n g 6, stellt sich den zionistischen Delegierten zur Zusammenstellung und Besorgung der Fahrkarten und für jegliche Auskunft zur Verfügung. Wir erhalten von demselben folgende Daten.: Zum Vergleiche der Kosten sei darauf hingewiesen, dass ein Tour-Retourbillet 2. Classe zwischen Berlin und Basel Mk. S3.50 kostet.

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