Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 24 (15.6.1900)
- Article
- Unterordnung
- Date
- 1900-06-15
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die 2$ Welt" Nr. 24 begeben und entäussern und sich unter die Gesetzlichkeit stellen. Diese Gesetzlichkeit ist für uns Zionisten unser allgemeines Programm, sowie alle die Institute, Vornahmen und Strebungen, welche unseren Zwecken dienen und uns unserem grossen Ziele entgegenfuhren sollen. Auch eine ausführende Ober- und Centraileitung besitzen wir. Sie bezeichnet sich mit dem recht bescheidenen Namen: Actionscomite, muss aber — sie kann nicht anders, wenn sie mit Erfolg wirksam sein will — dieselbe Unterordnung fordern, wie jede andere Vereinsleitung auch. Und ich bin der Meinung und Ueberzeugung, dass wir ruhig und unbesorgt unsere Sache der Vereinsleifcung anvertrauen dürfen. Wir wollen den Männern, welchen wir die Führung zugewiesen haben, keine Lobeserhebungen spenden. Wir glauben kaum, dass wir ihnen damit einen Gefallen erweisen würden. Ein Lob nur werden wir denselben unter allen Umständen zugestehen müssen, nämlich, dass sie nicht ungeschickter und unerfahrener sein werden als jeder andere Zionist auch. Also, was folgt daraus? Daraus folgt, unweigerlich, dass auch kein anderer sich zutrauen kann, alles besser machen zu wollen, und ihnen die Unterordnung und Gefolgschaft verweigern darf. Wozu nun alle diese Betrachtungen und Auslassungen? wird man fragen. Die Antwort ist bald gegeben. Wer von Anfang an dem Gange der Ereignisse innerhalb der Zionistengemeinde mit Aufmerksamkeit gefolgt ist, der wird gefunden haben, dass alle Zwiefältigkeit und Zwiespältigkeit und demgemäss alles Hemmnis und Hindernis im Fortgange der guten Sache aus mangelnder Unterordnung der einzelnen Glieder und Gruppen seinen Ursprung genommen hat. Wer mit Ernst und Eifer dem Zionismus sich gewidmet und mit Herz und Seele seine Gesinnungen und Bestrebungen sich angeeignet hat, der kann nicht tief genug diese aus mangelnder Unterordnung enstammten Schäden beklagen. Diese mangelnde Unterordnung ist gleichbedeutend mit allem Unfrieden, mit allen Entzweiungen und Aergernissen in unserer Mitte. Gott aber, so lehren unsere Weisen, hat kein Gefäss gefunden, das soviel des Segens für Israel enthalte, als der Friede: denn es steht geschrieben : „Der Herr wird Macht seinem Volke geben, denn der Herr wird sein Volk segnen mit Frieden." Der Frieden ist die grösste Weltmacht, vor welcher alle Kanonen schweigen und alle Kriegsheere die Waffen strecken müssen.. Und diesen Frieden werdet Ihr haben, wenn Ihr einig zu sein und Euch unterzuordnen verstehet. Der vierte Congress. „Der diesjährige Zionisten-Congress findet am 13. August in London statt." — Kaum war diese Nachricht in der Oeffentlichkeit bekannt geworden, da entdeckten unsere wohlwollenden Freunde in der jüdischen Journalistik, die Liebhaber des krittelnden „Pilpul", ein Haar an der Sache und giengen flugs daran, es zu spalten. In einem hebräischen Blatte will sich ein unbefriedigter Leitartikler durchaus nicht darein finden, dass der Congress 1. heuer überhaupt stattfinden wird; 2. nicht in Basel stattfinden wird, und 3. gerade in London und nicht billigerweise in Paris stattfinden wird. Kenner des Talmud werden, indem sie sich diese kunstvoll aufgebaute Argumentation zu Gemüthe führen, lebhaft an die halachischen Fragen des Amoräers Rabbi Jeremias erinnert werden mit ihren dialectisch zugespitzten Steigerungen : We-im timza lomar . . . * * Ein anderes, d e uts ch-israelitisches Blatt ist auch nicht sonderlich von der Wahl Londons zum Congressorte erbaut. Das Blatt meint, auf dem Congresse in London werden die »russisch-polnischen Brüder" noch ein grösseres Uebergewicht haben als in Basel, weil es in London eine grosse Colonie von osteuropäischen Juden gibt. „Uebergewicht der russisch-polnischen Brüder" — diese liebevolle Stylisierung gemahnt an die Redensart gewisser verschämter Antisemiten von der Macht und dem Einflüsse der „verehrten israelitischen Mitbürger". Verschämter jüdischer Antisemitismus, widerwärtiger fürwahr und weniger entschuldbar als der nichtjüdische . . . Gesinnungsgenossen und Brüder in Russland und Polen! Bereitet dem deutsch-israelitischen Blatte Freude und entsendet zahlreiche Delegierte aus Eurer Mitte zum Congresse in London! * * Und Ihr, Gesinnungsgenossen und Brüder in den westeuropäischen Ländern, thuet das Gleiche! Lasset uns in London sein „ein einig Volk von Brüdern". Für den Congress gibt sich übrigens allerorts das regste Interesse kund. An das Actionscomite gelangen täglich Zuschriften, in denen der Wahl Londons zum Congressorte beigestimmt wird. Nach den bisherigen Mittheilungen zu schliessen, wird die Betheiligung am diesjährigen Congresse eine grossartige sein. Insbesondere wird von Russland und Oesterreich eine stattliche Delegation erwartet. Aber auch die anderen Landsmannschaften werden in einer ihrem Besitzstande entsprechenden Form vertreten sein. Die Vorbereitungen für den Congress hat in liebenswürdiger Weise die „English Zionist Federation", London W. C. 5 Jessel Chambers, Chancery Lane, übernommen. Die Federation erklärt sich auch bereit, alle die Reise und den Congress betreffenden Fragen zu beantworten. Die Zuschriften sind demnach an obige Adresse zu richten. Zur Richtigstellung sei hier bemerkt, dass der Fahrpreis nach London im -wesentlichen sich nicht höher stellt, als die Reise nach Basel. Für die russischen Delegierten, die die Tour über Berlin benützen, stellt sich die Reise nach London sogar billiger als die nach Basel. Die Reise zum Congresse nach London. Das grosse Actions-Comite hat nach reiflichen Erwägungen die Einberufung des heurigen Zionisten-Congresses für den 13. August nach London beschlossen. Neben anderen inneren Gründen war auch der äusserliche Umstand für den Beschluss massgebend, dass die erwiesene, mächtige propagandistische Wirkung des Congresses auch auf ein anderes, grösseres Milieu' wirksam gemacht werden soll. Die dreimalige Tagung in Basel hat es bewiesen, wie die auf dieser einzigen, den Juden offenen Tribüne vorgebrachten, der weiteren Oeffentlichkeit unbekannten Thatsachen über die Judennoth unter der jüdischen Bevölkerung den Anschluss an die zionistische Bewegung;, unter neutralen Christen aber wohlwollende Theilnahme hervorrief. Um wieviel grösser wäre die Wirkung, wenn r>s uns gelänge, in London ein ähnliches Echo hervorzurufen. London ist ja für sich eine ganze Welt. Diese grösste Stadt, die je bestand, zählt gegenwärtig mit ihren Vororten mehr als sechs Millionen Einwohner, also soviel, als das ganze Land Galizien. Von London sagt ein englisches Sprichwort, es gebe dort mehr Schotten als in Edinburgh (der Hauptstadt von Schottland), mehr Iren als in Dublin (der Hauptstadt von Irland), mehr Katholiken als in Rom und mehr Juden als in Palästina. Ist auch letzteres nicht ganz zutreffend, so ist jedenfalls die Zahl der Juden in London eine sehr beträchtliche,