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Die Welt · 1900-06-15 · 24 (15.6.1900) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
24 (15.6.1900)
Article
Muskeljudenthum
Date
1900-06-15
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 24 „Die 3$ Welt" Seite 3 viel. Wir aber wissen am besten, wie falsch diese Unterstellung ist An ruhigem Vertrauen zu eigener Kraft fehlt es uns vollständig. Unsere neuen Muskeljuden haben noch nicht die Heldenhaftigkeit der Vorfahren wiedererlangt, die sich massenhaft in die Arena drängten, um an den Kampfspielen theilzunehmen und sich mit den geschulten hellenischen Athleten und den kraftvollen nordischen Barbaren zu messen. Aber sittlich stehen sie schon heute höher als jene, denn die alten jüdischen Circus- Kämpfer schämten sich ihres Judenthums und suchten mittelst eines chirurgischen Kniffes das Zeichen des Bundes zu verheimlichen, wie wir aus den Strafreden der empörten Rabbinen wissen, während die Mitglieder des Vereines „Bar Kochba" sich laut und frei zu ihrem Stamme bekennen. Möge der jüdische Turnverein blühen und gedeihen und zu einem an allen Mittelpunkten jüdischen Lebens eifrig nachgeahmten Vorbilde werden! Unterordnung. Von Dr. J. Rülf in Bonn. Es ist ein Wort, welches in das Lexikon des Zionismus noch keine Aufnahme gefunden hat: Unterordnung des Einzelinteresses unter das Allgemeininteresse; Unterordnung des Privatwillens unter den Gesammtwillen; Unterordnung der persönlichen Meinungen und Neigungen unter die festgelegten Ziele und Bestrebungen der Partei; Unterordnung der eigenen hochbewerteten Person unter die erwählten und berufenen Führer und Lenker der zionistischen Gemeinde und Bundesgenossenschaft. So lange es aber an dieser Unterordnung fehlt, ist die Gefahr vorhanden, dass alle unsere Bestrebungen im Sande verlaufen, dass die schwer zusammengehaltene Körperschaft sich auflöse und in Atome zerstiebe. Was hilft*s uns, wenn wir unserer Gesinnung nach Zionisten sind und bleiben — denn wer den zionistischen Gedanken in sich aufgenommen und zur Herzenssache gemacht hat, der kommt nicht wieder davon los — nur einheitlich zusammenwirkende Gemeinschaft ist es, welche die nur sehr schwer zugänglichen Wege zum hohen Ziele zu erschliessen vermag. Es ist ein uralter Fehler unserer Stammesgenossen, dass sie sich nicht unterzuordnen vermögen, dass ein jeder hartnäckig seinen eigenen Weg wandeln, sein eigener Herr bleiben, seinen eigenen Willen durchsetzen will. Schon jener gewaltige Mann Gottes, der die Kinder Israels aus der Sclaverei Aegyptens herausgeführt, um sie nach dem Lande, wo Milch und Honig fliesst, zu bringen, klagt fortwährend über das „am ksche öref-1, das hartnäckige Volk, das so schwer zu lenken und zu leiten sei. Und wer weiss, wenn er heute wieder herniederstiege, um sein Volk aus der modernen Sclaverei zu erlösen und dem gleichen Ziele zuzuführen, ob er nicht gleichermassen wie damals aus tiefgekränktem Gemüthe unwillkürlich ausrufen würde: „Um ein Kleines und sie steinigen mich!" Doch diese Hartnäckigkeit ist noch gar nicht das Schlimmste, die hat auch ihre gute Seite; jene treue Beharrlichkeit, Ausdauer, jener Ertragungsmuth und unbeugsame Wille allem Anstürme feindseliger oder verlockender Zumuthungen gegenüber, Eigenschaften, welche die Dauer unseres Volkes und Glaubens für die Ewigkeit verbürgen, haben ihre festen Wurzeln in dieser Hartnäckigkeit. Allein unser Lehrer und Führer Moses hatte nicht nur mit der Hartnäckigkeit, sondern auch mit der Böswilligkeit seine Noth und Last. Diese Böswilligkeit war verkörpert in der Rotte Korachs, welche nach dem Berichte der Heiligen Schrift das grosse nationale Werk, durch Missgunst, Anmassung, Aufgeblasenheit angestachelt, zu stören trachtete. Ja, das ist eine sehr schlimme Sache, wenn man gegen solche Belialskinder anzukämpfen hat, und dass diese einmal von der Erde und aus der Volksgemeinschaft schwinden werden, daran ist nicht zu denken; die sterben nicht aus und nicht ab: „Und die Kinder Korachs sind nicht gestorben. Ubne Korach lö mesu." Dass dieses Geschlecht der Korachiten auch in die Zionistengemeinschaft jemals Eingang finden und Einfluss gewiunen werde, befürchten wir nicht. Das edle und lebendige Nationalgefühl, das diese Gemeinschaft ins Leben gerufen, die hohen und erstrebenswerten Ziele, die sie sich gesteckt hat, werden sie davor bewahren. Wir haben ohnedies schon genug zu tragen an der durch den Mangel an Unterordnung hervorgerufenen Unbotmässigkeit. Unterordnung aber ist die erste Bedingnis für den Fortbestand eines jeden Vereinswesens. Sagt selbst! Könnt Ihr Euch irgend einen Staat, eine Corporation, eine Genossenschaft, eine Gemeinde, einen Verein denken ohne Unterordnung? Schon Eintritt und Zugehörigkeit zu einer solchen Gemeinschaft bedeutet Unterordnung, dies ist Selbstbeschränkung und Hingabe der Einzelpersönlichkeit an das Gemeinwesen, sowie Gefügigkeit und Achtung gegenüber der Centraileitung; denn auch eine solche Centralleitung muss sein, in welcher der Wille und der in ein bestimmtes Programm gefasste Zweck der Vereinigung zum Ausdruck gelangt. Eine Gemeinschaft kann sich einen bestimmten Zweck setzen, kann sich auch dementsprechend mit gesetzlichen Vorschriften versehen; allein diese zur Ausführung bringen, sowie der Gemeinschaft über alle Wechselfälle des Lebens hinweghelfen, Lage und Thatsachen zu ihren Gunsten geschickt benützen, mit einem Worte, mit politischem und diplomatischem Geschick ihre Geschäfte führen, das kann sie doch nicht selbst, sondern nur die Centraileitung. Man redet so viel vom demokratischen Princip, und auch der Zionismus, wenn er auf eine Staatengründung sein Augenmerk richtet, kann sich den zukünftigen jüdischen Staat nicht anders denken, als unter voller und uneingeschränkter Geltung der Demokratie. Was ist denn Demokratie, doch nicht etwa Anarchie? Nein, gerade das Gegentheil! In keiner Staatsverfassung ist die Unterordnung eine so umfassende, machtvolle und allgiltige wie in der Demokratie; eine weit vollkommenere als im Staate des völlig uneingeschränkten Absolutismus. In diesem ist die Unterordnung eine erzwungene. Wie es in einem solchen Staatswesen um die Unterordnung der Einzelnen bestellt ist, das entzieht sich aller Beobachtung; wo der Zwang herrscht, da kann von Unterordnung überhaupt nicht mehr die Hede sein. Nur in der demokratischen Staatsverfassung ist die Unterordnung eine allgemeine und freiwillige. Könnt Ihr Euch nicht unterordnen, so redet nicht mehr von einer Staatsgründung. Was wollt Ihr mit einem Staate ohne Unterordnung und ohne Oberleitung? Ihr sagt vielleicht: gut! Allein man darf uns doch nicht mundtodt machen wollen; man kann doch nicht das Opfer des Intellectes von uns fordern! — Nein, gewiss nicht! Redet so eindringlich, wie es Euch beliebt, macht Eure Meinung und Ueberzeugung mit der grössten Entschiedenheit geltend. Hat aber einmal der Majoritätsbeschluss bestimmt, was Ziel und Zweck sei, was Gesetz, Programm, Statut, sowie auch wer und was die ausführende Central- und Oberleitung sein soll, dann habt Ihr Euch zu fügen und unterzuordnen und mit der grössten Bereitwilligkeit Euch mit Eurer ganzen Kraft der Vereinsleitung zur Verfügung zu stellen. So verlangt es die Parteidisciplin. Und diese Unterordnung ist der höchste und schönste Ausdruck menschlicher Freiheit, im Grunde genommen ihr eigentlicher und einziger Ausdruck. Was ist denn Freiheit? — Mit Freiheit seiner Freiheit sich

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