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Die Welt · 1900-06-08 · 23 (8.6.1900) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
23 (8.6.1900)
Article
Der Fall Araten
Date
1900-06-08
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 ,Die & Welt" Nr. 23 denMauern desKlosters hat die weltliche Macht ein Ende." Nachdem alle Bemühungen, von den galizischen Behörden Hilfe zu erlangen, fruchtlos geblieben waren, suchte Araten um eine Audienz bei Sr. Majestät dem Kaiser an, welche ihm am 26. April huldvoll gewährt wurde. Der Monarch geruhte, die ihm überreichte Bittschrift aufmerksam durchzulesen und sodann an den unglücklichen Vater, der schluchzend vor ihm auf die Knie sank, die verheissungsvollen Worte zu richten: „Ich werde neue Weisungen an die Behörden geben, damit diese ihre Pflicht und Schuldigkeit thun!" — Diese Weisungen sind auch thatsächlich schon zwei Stunden nach der Audienz ergangen, aber trotz der Verheissung des Kaisers hat noch am 8. Mai d. J. der Bezirksrichter Edmund Hartmann, als Araten ihm zur Anzeige brachte, dass seine Tochter im Kloster zu Wielowies bei Tarnobrzeg gesehen worden sei. jeden Beistand mit den Worten abgelehnt: „Gehen Sie zum Staatsanwalt, er soll einen Antrag stellen, und unsere Sache wird es sein, diesen Antrag ebenso zu verwerfen, wie es in Krakau geschehen ist." Am 17. Mai hat Araten diese Thatsache dem Justizminister und am 19. Mai dem Ministerpräsidenten zur Kenntnis gebracht und sowohl von Baron S p e n s als von Dr. v. K o e r b e r die Zusicherung erhalten, dass im Wege der galizischen Statthalterei alles aufgeboten werden wird, um den Aufenthalt seiner Tochter noch vor dem 27. Mai, an welchem Mi ch ali n a das religionsmündige Alter erreicht, auszuforschen und ihm sein Kind zurückzustellen. Der 27. Mai ist herangekommen, aber Michalina Araten befindet sich noch immer im Kloster. Mit dem voraussichtlichen Religionswechsel ist, nach einer Reihe von Präcedenzfällen, die Gefahr verbunden, dass die Vormundschaftsbehörde dem Israel Araten die väterliche Gewalt aberkennt, obwohl eine solche Entscheidung im Gesetze nirgends begründet ist. Dann wäre das Kind seinen Eltern für immer verloren. Der Parteitag der jüdischen Handelsangestellten Oesterreichs. Am 3. und 4. Juni fand in Rosners Restauration (Praterstrasse) der zweite Parteitag der jüdischen H.indelsangestellten Oesterreichs statt. Ungefähr fünfzig Delegierte waren aus allen Theilen Oesterreichs erschienen. Dass Galizien, dieses typische Land der Judennoth, der den arbeitswilligen Juden mangelnden Arbeitsgelegenheit, eine stattliche Anzahl von Delegierten entsandt hat, ist selbstverständlich. Aber auch in jenen Ländern, deren Juden seit Jahrzehnten im Banne einer an moralischen und materiellen Opfern reichen, folgenschweren und erfolglosen Assimilations-Politik gestanden sind, hat die zionistische Idee in den Reihen des jüdischen Proletariats viele und begeisterte Anhänger gefunden. In Mähren und Wien bestehen schon seit Jahren stramme zionistische Handels an gestellten - Organisationen, und es gehört gewiss zu den erfreulichsten Erscheinungen, die der Parteitag geoffenbart hat, dass auch in Böhmen die Zahl der zionistischen Organisationen und Anhänger wächst und dort Bresche gelegt wurde in die bisher scheinbar festgeschlossenen Reihen der entweder deutsch- und czechischnationale oder socialdemokratische Parteipolitik treibenden Juden. Der Parteitag wurde namens der Brünner Verbands- Executive von Herrn Lazar Rosenzweig eröffnet. In das Bureau wurden die Herren: Paul Braff (Bielitz). als Vorsitzender, Max H i c k 1 (Brünn) und Max R i e s e r (Krakau) als Stellvertreter, Egon L e d e r e r (Wien) und E. Obernik (Prag) als Schriftführer gewählt. Der Vorsitzende Braff fasste die Aufgabe und den Zweck des Parteitages in seiner Begrüssungsrede in den Worten zusammen : „Wir haben uns hier versammelt, um als eine leider zu zahlreiche Gruppe des jüdischen Volkes, als das sogenannte intelligente Proletariat der Handelsangestellten, der Oeffentlichkeit zu sagen, dass nach unserem sehnlichsten Wunsche das jüdische Volk leben muss, dass es leben wird, weil es leben will, wir sind zusammengekommen, um uns zu organisieren und zu berathen, wie uns vor allem als Juden und als Handelsangestellten geholfen werden kann." Der Rechenschaftsbericht der Verbandsleitung hebt besonders hervor : die Centralisierung der jüdischen Handelsangestellten-Organisationen Oesterreichs, die Gründung eines Verbandsorganes, der „Jüdischen Volksstimme", in Brünn, die Schaffung eines unentgeltlichen Rechtsbureaus und die Gründung zahlreicher neuer Vereine. Dem Verbände gehören Handelsangestellten - Organisationen von Brünn, Wien, Lemberg, Krakau, Jaroslau, Zloczow, Drohobycz, Stanislau, Prag und Karlsbad an. In der Debatte über den Rechenschaftsbericht wurde von allen Seiten betont, welche Schwierigkeiten die zionistischen Anhänger allerorts zu überwinden haben, wie sie jeden Schritt Bodens förmlich erkämpfen müssen. In dem Referate über die „Lage des jüdischen Proletariats" schilderte der Referent Herr Rubinstein jene furchtbare Noth, unter der die jüdischen Arbeiter dahinsiechen und dem Hungertode entgegengehen. Die Judenfrage ist nichts anderes als eine Frage des jüdischen Proletariats. Während es den besitzenden Juden gelang, sich wenigstens dem Scheine nach zu emancipieren, verharrt das Proletariat des Ostens auch weiterhin im Ghetto. An Stelle des staatlichen, bureaukratischen Antisemitismus ist die viel gefährlichere Form des gesellschaftlichen Antisemitismus getreten. Dieser muss das jüdische Proletariat erdrücken und vernichten, wenn nicht vor der Katastrophe eine Heimstätte geschaffen wird, die allen verfolgten, hungerleidenden Juden einen Zufluchtsort bietet. Der Correferent Herr Koffier besprach die Lage der galizischen Arbeiter. Hier wird die wirtschaftliche Bekämpfung der Juden von ihren nationalen und wirtschaftlichen Gegnern mit einer Schärfe geführt, die einen festen Zusammenschluss auf zionistischer Grundlage unbedingt erheischt. Besonders die bekannte „Kolka rolnice" und die anderen zum Zwecke des Boyeotts jüdischer Handels¬ und Gewerbetreibenden gegründeten Unternehmungen schädigen die materielle Lage der Juden. Ueber die „Lage der jüdischen Handelsangestellten" referierte Herr Schwab (Wien). Er bezeichnete als Hauptübelstände die mangelhafte Sonntagsruhe, den Mangel einer Alters- und Invaliditäts-Versicherung, die schlechten Arbeitslöhne und den Boycott seitens der christlichen und oft auch jüdischen antisemitischen Chefs. Dem jüdischen Angestellten mangle es an einer ausgiebigen Arbeitsgelegenheit weit mehr als dem christlichen Collegen. Dieser kämpfe für den Arbeitsertrag, der Jude für die Arbeitsgelegenheit. Nach dem statistischen Berichte des Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis entfielen in Wien laut den von Jänner bis April in dem Institute des Vereines erfolgten Anmeldungen auf 30 arbeitsuchende Juden nur eine Vermittlung. Herr Löbl Taubes (Kolomea) erklärt, dass der jüdische Angestellte und Arbeiter in Gaiizien nur fünf Tage in der Woche arbeiten könne, und dass daher dort neben der Verkürzung der Arbeitszeit die Regelung der Arbeitswoche in der Weise anzustreben sei, dass den Juden ein vollständiger Ruhetag, der Sabbath, zur Verfügung stehe. In der Debatte über das Referat des Herrn Lederer „Unsere Stellung im Zionismuswurde von allen Rednern einmüthig constatiert, dass das Baseler Programm für die Stellung des Verbandes im Zionismus eine Conditio sine qua non sein müsse, dass nur die Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte das Losungswort sein könne. HeiT Lederer führte unter anderem aus, dass das palästinensische Programm für alle zionistische Organisationen in seiner vollsten Integrität gewahrt werden müsse, da es jenes praktisch-ideale Ziel enthält, das allein die Beseitigung der moralischen und physischen Judennoth, das allein die Lösung der Judenfrage bedeutet. Dem Proletariate kann endgiltig

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