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Die Welt · 1900-06-08 · 23 (8.6.1900) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
23 (8.6.1900)
Article
Brief aus Sofia
Date
1900-06-08
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 23 ,Die & Welt" Seite 7 erkennt. Nunmehr steht an der Spitze dieses Comites einer unserer eifrigsten Geninnungssenossen, Herr Advocat Josef Tagger. Diese redlichen Vertreter der Yolksinteressen begegnen aber leider noch manchen Schwierigkeiten in der Ausübung ihrer Aufgaben, da die Schulcommission in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnisse vom Gemeindevorstande ist, der leider noch nicht ganz in unseren Händen ist. Wir hoffen aber, auch diesen Unliebsamkeiten ein Ende zu machen, besondei-s jetzt, wo wir das religiöse Uberhaupt des Landes für uns haben. Herr Dr. Ehrenpreis verspricht, trotz seiner Jugend, oder sagen wir besser dank seiner jugendlichen Energie, den Juden Bulgariens „der rechte Mann auf dem rechten Orte" zu werden. Hier wird er Gelegenheit haben, culturell zu wirken, wie es sein Wunsch ist. Hier ist das Land, wo in puncto jüdischer Cultur noch sehr viel geleistet werden muss. Wie gelang es aber dem Häuflein bulgarischer Zionisten, trotz ihrer Minorität, ihren vom Actionscomite in Wien nach zweimaliger Anfrage zweimal anempfohlenen Candidaten durchzubringen V — Das bisnun waltende System der Ernennung eines Rabbiners von den Gemeinden haben die Zionisten förmlich gesprengt. Die Wahl des Rabbiners wurde diesmal vom Volke und nicht von der Plutokratie vorgenommen. Die Zionisten setzten nämlich durch, dass ein Congress nach Sofia einberufen wurde, der aus diivet vom Volke gewählten Delegierten bestand und sich mit der Aufgabe der Wahl eines Gro~srabbiners und der Ausarbeitung der Organisations-Statuten des Kabbinats und des Landesconsistoriutns beschäftigte. Der Congress hat unter anderem die Anerkennung der aschkenasischen (deutschen) Gemeinden, die bisher vom Bunde der sephardischen (spaniolischen) Gemeinden ausgeschlossen waren, durchgeführt. Die Delegierten waren zumeist Zionisten, da sie aus der Mitte der aiitiplutokratisehen Intelligenz genommen waren, diese aber ausschliesslich zionistisch ist. Da die „Welt" nur kurz die Mittheilung der Wahl des Herrn Di". Ehrenpreis brachte, diese Wahl aber auch als Errungenschaft des politischen Zionismus von Bedeutung ist, glaube ich, dass diese Einzelheiten für die werten Leser der „Welt* von Interesse sein werden. M a 1 v i n e Herbst. Der Fall Araten. Am 30. December lS'.tü verschwand die noch nicht viezehnjährige Tochter Michalina des Krakauer Kaufmannes Israel Araten, während die Eltern in der Synagoge w.nlten, aus dem väterlichen Hause. Noch am selben Tage erstattete der besorgte Vater bei der Krakauer Poli/eidirection die Anzeige von dem Verschwinden des Kindes. Am 31. Decemcer erfuhr er. dass Michalina sich auf Zureden einer im Hause beschäftigten Frauensperson in das Kloster der Felicianerinnen begeben habe. Herr Araten verfügte sich sofort in Begleitung eines Polizeicominissärs in das Kloster und verlangte seine Tochter zu sprechen. Die Oberin, Schwester Marie Rosalia, versprach, seinen Wunsch zu erfüllen. Michalina wurde in das Nebenzimmer gebracht, und der Vater hörte das Schluchzen seines Kindes hinter der geschlossenen Thüre. Gleich darauf erschien die Oberin allein und bedeutete Herrn A rate n. er möge nach fünf Tagen wiederkommen, das Kind müsse sich erst an die Umgebung gewöhnen. Zwei Tage später richtete Arate n eine Eingabe an die Polizeibehörde, in welcher er unter Berufung auf § li-~> lies allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches um die erforderliche Assistenz ansuchte, damit er sein Kind sehen und sprechen könne. Trotz der klaren Bestimmung der erwähnten Gesetzesstelie. wonach die Eltern berechtigt sind, vermisste Kinder aufzusuchen, entwichene zurückzufordern und flüchtige mit obrigkeitlichem Beistande zurückzubringen, lehnte der Polizeidirector Korytkiewic z die angesucht.' Intervention mit den Worten ab : „W a s, i c h w erde ei n Mädchen aus einem K 1 o s t e r h e r a u s n e h m e n V" Erst nach neuerlichem Einschreiten Araten s wurde ihm der Polizeicommissär Tomaschik mitgegeben. Die Oberin verweigerte auch diesmal die Vorführung Michalinas unter dem Yorwande, dass dieselbe krank sei. Als der Polizeicommissär bemerkte, die Mutter des Kindes sei schwer krank und wünsche dasselbe vor ihrem Tode noch einmal zu sehen, erwiderte die Oberin : „Sie wird sie im Himmel wiedersehen.6- Auf Verlangen des Vaters begaben sich der GerichtsarztDr. Filimowski undUniversitäts-Professor Z u 1 awski in das Kloster und beide Aerzte constatierten, dass Michalina vollkommen gesund sei. Erst nach neuerlichen dringenden Vorstellungen A ratens wurde Polizeicommissär T o m s chi k am ±2. Jänner angewiesen, in aller Form die Vorführung des Mädchens zu verlangen. Die Oberin antwortete: „In sieben Tagen wird sie ihr Vater sehen können." Als der Beamte die Schwester Mari e Rosalia auf die Gesetzwidrigkeit dieses Vorgehens aufmerksam machte, entgegnete die Oberin: „Wir werden uns beim Gerichtebemühen, dassdieHer ausgäbe verzögert werde, bis das Kind das Alter von Ii Jahren erreicht haben und der Taufe kein gesetzlichesHindernis im Wege stehen wird. Inzwischen wird sie von hier weggeführt werden." Der Beamte begnügte sich damit, diese Antwort stillschweigend entgegenzunehmen und protokollarisch festzustellen. Als Araten am festgesetzten Tage des ->'.K Jänner sich bei der Polizeibehörde einfand, lag eine Meldung der Schwester Marie Rosalia vor, wonach M i c ha 1 i n a zwei Tage vorher, am 27. Jänner, an ge b 1 i c h aus dem Kloster entflohen sei. Die Unwahrheit dieser Behauptung ist durch Zeugen festgestellt. Vielmehr war das Mädchen von zwei Felicianerinnen, deren eine den Namen Isidora führt, aus dem Krakauer Kloster entführt und in das mit diesem affiliierte Kloster Lagiewniki bei Podgorze gebracht worden. Die Anwesenheit M i c h a 1 i n a s in Lagiewniki ist durch die dortige Gendarmerie constatiert worden, die jedoch ohne directen Auftrag, sich der Entführten zu bemächtigen, nicht einschreiten wollte. Araten wendete sich an den Bezirkshauptniann von Podgorze um obrigkeitlichen Beistand, allein dieser reiste erst nach Lemberg, um sich beim Statthalter Grafen Pinin ski Rath zu holen, und als er von dort zurückkehrte, war Micha Ii na aus Lagiewniki verschwunden. Seither hat der verzweifelnde Vater sein Kind in verschiedenen Klöstern, so in Binczice. Morawice, Wolajustowskn. Kenty und Wielowies gesucht, allein überall haben die politischen Behörden die verlangte Assistenz verweigert und kaum hatte der Vater den behördlichen < )rganen den neuen Aufenthalt seiner Tochter zur Kenntnis gebracht, wurde das Mädchen sofort in ein anderes Kloster geschickt. Nur in Kenty leistete der Bürgermeister Herrn Araten die im Gesetze b e g r ü n d e t c Assistenz. Er wurde dafür wegen H a u sf r i e d e n s b r u c h e s zu 10 t ä g i g e m Arreste v e ru r t h e i 11, welches ürtheil das Appellgericht von Wadowice aufhob. Nachdem so die politischen Behörden sich ihrer gesetzlichen Verpachtungen beharrlich entschlugen, nahm Araten am 1. Februar Ii »00 beim Justizminister Freiherrn v. Spens-Booden Audienz und trug demselben die inständige Bitte vor, ihm auf gerichtlichem Wege zu seinem Kinde zu verhelfen. Der Justizminister entliess den tiefgebeugtsn Mann mit den trostvollen Worten: „Fahren Sie ruhig n a c h h a u s e, das Kind soll Ihnen zurückgegeben werde n." Der Justizminister beauftragte unverweilt die Staatsanwaltschaft Krakau, beim dortigen Landesgerichte die Strafanzeige wegen Entführung zu erstatten und den Antrag auf Ausfertigung eines gerichtlichen Auslieferungsbefehles einzubringen. Die Rathskammer des Krakauer Landesgerichtes in Strafsachen lehnte unter dem Vorsitze des Präsidenten M o r a 1 e w s k i diesen Antrag ab und verweigerte später dem Rechtsfreunde A ratens die verlangte Einsichtnahme in die Acten mit folgendem Decrete: „Zahl VIII 3! »:>/'■ >0i> l.V) Herrn Prof. Dr. Josef Rosenblatt, Landesadvocat, Krakau. Ohne die Frage zu entscheiden, ob Israel A raten in dieser Sache als Privatbetheiligter anzusehen sei. wird die Einsichtnahme in die Acten in der Angelegenheit der Michalina Araten verweigert, weil wichtige Gründe dem im Wege stehen. — Ihre Vollmacht wird zur Kenntnis genommen. Krakau, den 2U. März l'.HJO. K. k. Landesgericht in Strafsachen. W a w r a usch m. p." Am 11-. Februar trug Israel A r at e n seine Sache dem Ministerpräsidenten Dr. v. Koerber vor, welcher auf seine Bitte um Schutz erwiderte: „Sie verd ienen es, es gebürt Ihnen." Dagegen antwortete am gleichen Tage der Minister für Galizieu Dr. Pientak auf die Bitte A r a t e n s, zu seinen Gunsten zu intervenieren, mit den Worten: „ A n

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