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Die Welt · 1900-06-08 · 23 (8.6.1900) · p. 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
23 (8.6.1900)
Article
Unsere nationale Wiedergeburt
Date
1900-06-08
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite'6 „Die $t Welt* Nr. 23 Wenigstens müssten dies diejenigen Juden thun, die dem väterlichen Glauben längst entfremdet sind. Die Phrase von den „Staatsbürgern jüdischer Confession" wäre nur dann berechtigt, wenn man unter Staatsbürger nicht zugleich Nationalität verstände. Und dann werden sie niemandem glauben machen lassen, dass der religiöse Impuls bei ihnen so stark sei und sie seinetwegen eine besondere Menschenkaste bleiben sollen. In Wirklichkeit lebt in ihnen noch der nationale Instinct, der sie davon zurückhält, die letzte Consequenz ihres Denkens zu ziehen. Jahrhundertlange nationale Erziehung ist mächtiger als alle Theorien, die den Selbstmord propagieren. Ich wage es hier offen auszusprechen: das Judenthum hat in den Culturstaaten als religiöse Erscheinung keine Zukunft mehr; es kann nur noch als nationaler Gedanke fortleben, in welchem Falle es die Religion nicht entbehren kann, da wir sonst kein äusseres Merkmal unserer Zusammengehörigkeit hätten. Was wir sonst, so lange es nur eine religiöse Uebungist, nicht mehr mit unserer Lebensanschauung in Einklang bringen können, werden wir sehr gut im Sinne der nationalen Erhaltung zu würdigen imstande sein. Von diesem Standpunkte wird mir selbst der lange Kaftan der polnischen Juden erklärlich und einigermassen sympathisch, wie ja doch auch Polen, Czechen und Ungarn ihre Nationaltracht besitzen. Gerade solche, die auf die Erhaltung der jüdischen Religion in ihrem Ceremoniel so viel Gewicht legen, müssen mit Leib und Seele beim Zionismus sein. Der nationale Impuls führt uns dazu, wenigstens einen Theil des Judenthums aufrecht zu erhalten, um nicht von der Judenheit losgetrennt zu sein. Das jüdische Gotteshaus in seiner veralteten Form und auch mit seinem „modernen" operettenhaften Aufputz hat für mich nicht die mindeste BedeutungJ; aber ich gehe doch hin, weil es die einzige Gelegenheit ist, mit meinen Stammesgenossen geistig verbunden zu sein. Ja, in diesem Augenblick gewinnt sogar der Gottesdienst sehr an Wert, da ich mir sage, in den Gebeten liegt ein Stück jüdischer Geschichte und gleichzeitig die nationale Einheit. Ganz Israel hat dieselben Leiden und dieselben Hoffnungen. Aber die nationale Wiedergeburt kann es nicht dabei belassen, dass das Judenthum in nationaler Hinsicht eine Art Religions-Museum bleibe; es muss nach neuer geistiger Bethätigung streben. Der politische Zionismus erweckt die Geister, ruft die nationale Verg an g e n h e i t in Erinnerung, verheisst eine nationale Zukunft: dnmit ist aber die Bedeutung des Zionismus nicht erschöpft. Das nationale Judenthum ist nicht nur für die grossen Massen, sondern auch für die Intellectuellen. In der Zeit der grossen nationalen Bewegung werden auch geistige Güter geschaffen, welche das Judenthum bereichem und der ganzen Menschheit angehören. Ich erinnere nur an Salomo Ibn Gabirol und Jehuda Halevi. Es ist meines Erachtens ein beklagenswerter Fehler, wenn sich nationalgesinnte Männer, weil sie mit der Masse keine Berührung haben können, verdrossen und missmuthig fernhalten und an diesem grossen Werke nicht freudig mitarbeiten. Wenn unsere nationale Schmach, die schon über achtzehn Jahrhunderte dauert, je von uns genommen wird — und daran glauben wir ja fest — so wird auch für geistige Arbeit Raum und Bedürfnis sein. Jedenfalls wird damit der nationale Schatz vergrössert. Ob man Euch aufsucht oder nicht — was liegt Euch daran? Während die politische Agitation greifbar wirkt, könnt Ihr im Stillen und im gewissen Sinne unsichtbar an der nationalen Wiedergeburt mitarbeiten. Die Geschichte bedient sich dereinst auch Eurer Thätigkeit, denn sie ist nicht bloss politische, sondern auch Culturgeschichte. Geistige Arbeit bedarf nicht der künstlichen Förderung und Unterstützung, sie bedarf nicht der Organisation und der Vereinigung. Wer imstande ist und sich befähigt glaubt, nationale Ideale und nationale Werte zu schaffen, der braucht nicht erst lange um Erlaubnis zu fragen oder auf eine besondere Einladung zu warten. Im Reiche des Geistes herrscht völlige Freiheit Ein jeder Gelehrter, ein jeder Schriftsteller, ein jeder Dichter jüdischer Abstammung kann seinen Beitrag zum Aufbau des nationalen Tempels leisten. Wer in sich nicht die Fähigkeit fühlt, sich an dem praktischen Zionismus zu bethätigen, darf, sofern er seine nationale Zugehörigkeit zur Judenheit nicht aufgeben will und kann, nicht unthätig bleiben. Wenn Ihr nicht sterben wollt, so trachtet zu gesunden und zu leben — verlasst aber die thatenlose Verdrossenheit die schlimmer ist als der Tod; sie ist endlose Agonie. Berlin. Dr. S. Bernfei d. Brief aus Sofia. Herr Dr. M. Ehrenpreis, Oberrabiner von Bulgarien, ist nach dreitägigem Aufenthalte in unserer Stadt abgereist, um nach sechs Wochen zurückzukehren und sein Amt anzutreten. Aeusserst günstig ist der Eindruck, den Herr Dr. Ehrenpreis auf die jüdische Bevölkerung Sofias schon bei seinem ersten Erscheinen in ihrer Mitte ausgeübt hat. Sein offenes, conciliantes Wesen und zugleich die Energie, mit welcher er sich gleich im Anfange gegen alles Ungerechte auflehnte, haben ihm die Freundschaft und Verehrung aller gewonnen, sogar derjenigen, die seine Gesinnungen nicht theilen und bisnun unsere hartnäckigsten Gegner waren. Trotzdem Herr Dr. Ehrenpreis sich offen als politischer Zionist bekennt konnten sich auch unsere „Notabein" dem Zauber seiner Persönlichkeit nicht verschliessen. Mit Ungeduld sehen die Juden Bulgariens dem Augenblicke entgegen, wo ihr Oberrabbiner seinen Posten antreten und die Zügel ihrer culturellen Angelegenheiten in die Hand nehmen wird. Herr Dr. Ehrenpreis stattete dem Minister-Präsidenten Herrn Theodor Iwantscheff, der zugleich mit dem Portefeuille des Aeussern und des Cultus betraut ist, seinen ersten Besuch ab. Bei dieser Gelegenheit kam Se. Excellenz unter anderem auch auf den Zionismus in sehr sympathischer Weise zu sprechen. Auf die „Abwehr'- Bestrebungen der bulgarischen Juden eingehend, meinte der Ministerpräsident, die Juden Bulgariens kämpften wie Don Quixote gegen Windmühlen. Sie beschwören durch die Abwehr nur das Unglück herauf. Nun, auch wir sind gegen eine solche Abwehr, wie sie hier nach dem Muster unserer bankerotten westeuropäischen Assimilanten geschaffen wurde. Wir stimmen vollkommen mit Herrn Dr. Ehrenpreis überein, wenn er meint, dass jeder Jude sich selbst am besten vertheidigt, wenn er sich nicht in die Mitte derjenigen einzudrängen sucht die ihn von sich stossen, und sich ehrlich und offen nur als Jude bekennt. Zuletzt versprach Se. Excellenz Herr Ministerpräsident Theodor Iwantscheff, von nun an nur mit Herrn Doctor Ehrenpreis in Angelegenheiten der Juden Bulgariens verkehren zu wollen. Bisher, sagte er, kamen die Notabein einerseits und verlangten dies oder jenes. Dann kamen die „Vertreter des Volkes" mit Petitionen mit hunderten von Unterschriften und wollten das Gegentheil. Diese Zustände müssen aufhören. Für uns sind alle Juden unseres Landes gleich, schloss der Minister. Am Bahnhofe, wo ein erlesenes Publicum zur Begleitung des Herrn Dr. Ehrenpreis erschienen war, gab Herr Dr. Ehrenpreis abermals ein Zeugnis seiner streng zionistischen Gesinnung, indem er in der Sprache unserer Ahnen sich verabschiedete. Den Wert des Sieges, den die bulgarischen Zionisten durch die Wahl des Herrn Dr. Ehrenpreis errungen haben, werden nur diejenigen zu schätzen wissen, die mit den hiesigen verworrenen Verhältnissen aller jüdischen Institutionen vertraut sind. Diese Zustände sind unbeschreiblich. Ich will mich nur damit begnügen, den werten Lesern der „Welt" einen Begriff davon zu geben, wie unser*: muthigen Kämpen es dahin gebracht haben, ihren Willen in den Angelegenheiten der Gemeinden und Schulen durchzusetzen, die bisnun autokratisch von den Notabein geleitet wurden. In Sofia begann man damit, den Ausschuss der von der Alliance Israelite suOventionierten Confessionsschule, der aus lauter Selbstherrschlingen bestand, durch Massenversammlungen und Proteste zu stürzen, um dann durch regelrecht ausgeschriebene Wahlen den Vorstand dieser Institution mit Männern zu besetzen, die das Volk als aufrichtige Verth eidiger seiner Interessen und seiner Rechte

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