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Die Welt · 1900-06-08 · 23 (8.6.1900) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
23 (8.6.1900)
Article
Zur Geschichte der menschlichen Dummheit
Date
1900-06-08
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 23 „Die 2& Welt" Seite 5 nahine, welche mit der Anwesenheit der Juden in Aegypten in Verbindung stehen. Eine alte Legende, welche bereits dem jüdischen Historiker Artapanus, dem Verfasser der Geschichte der Juden in griechischer Sprache (im IL Jahrhundert vor Christi) bekannt war, die auch der heilige Eusebius, einer der Kirchenväter, in seinem Werke „Praeparatio Evangelica" anführt, erzählt Folgendes: Pharao, der Bedrücker der Juden in Aegypten, erkrankte am Aussatz; alle Mittel wurden erprobt, aber erfolglos. Da riethen ihm die Acrzte, Wannenbäder aus d e m B 1 u t e j ü d is c h e r Kinder zu nehmen. Und das Bild stellte diese Legende dar. Ein Mann mit einer Krone auf dem Haupte (Pharao), mit Flecken (Aussatz) auf dem Körper, sitzt nackt in einer Wanne, welche von einigen Männern (Aegyptern) umgeben ist; diese entreissen weinenden Frauen (Jüdinnen) die Kinder und schlachten die Unglücklichen über der Wanne, um sie mit Blut zu füllen. Unter diesem Bilde stand die Inschrift: „Pharao, que so lavava in la sangue de los nenos Judios por sanar de la sarna", was in der üebersetzung lautet: „Pharao, welcher sich in dem Blute jüdischer Kinder badet, um sich vom Aussatze zu heilen". Die Inschrift war deshalb in spanischer Sprache abgefasst, weil das in Amsterdam gedruckte Buch für spanische Juden bestimmt war, welche jetzt noch spanisch sprechen. Das Bild sammt der Inschrift wurde allsogleich dem berühmten russischen Cultusininister Norow, der ein Kenner der hebräischen und spanischen Sprache war, gezeigt, und durch ihn erfuhren alle den wahren Sinn des unglückseligen Bildes . . . Der „untrügliche Beweis für den Ritualmord unter den Juden" verschwand gleich einer Seifenblase: die inhaftierten Juden wurden nach langer Untersuchungshaft freigelassen, die Anklage eingestellt. Was wäre aber gewesen, wenn die Commission das Bild nicht hätte enträthseln können? Unschuldige Juden hätten den Martertod erlitten, und ein zukünftiger Historiker würde noch das Recht gehabt haben, zu sagen, dass in einem im Jahre 185G zu Saratow entdeckten jüdischen Gebetbuche für die Seder-Abende eine Illustration gefunden wurde, welche die Geremonie der Abschlachtung von Christenkindern am jüdischen Passahfeste darstellte! Und doch, wie viel unschuldige Juden wurden in den verflossenen Jahrhunderten auf Grund solcher -Beweise" dem Martertode übergeben! N. G o l a n t. Unsere nationale Wiedergeburt. Die Assimilationspriester — es gibt noch immer solche Käuze in unserer Mitte — behaupten stets mit der sie zierenden Unwissenheit, der nationale Gedanke in der Judenheit sei eine neue Erscheinung, die ein paar „Zeitungsschreiber" erfunden hätten. In Wahrheit jedoch ist der Assimilations-Gedanke neu und kaum sechzig Jahre alt. Weder Mendelssohn noch Friedländer haben das Nationale im Judenthum preisgegeben; für diese Bestrebung ist erst Abraham Geiger mit seiner ganzen Einseitigkeit eingetreten, während andere Vertreter der jüdischen Reformation, z. B. Wechsler, die Judenheit nicht nur als eine Glaubensgemeinschaft, sondern auch als eine nationale Sonderheit beurtheilt wissen wollten. Indessen mag dem sein, wie immer, jedenfalls kann ich den Assimilationsstreber noch begreifen. Assimilation bedeutet nationalen Selbstmord, und ist auch eine solche Bestrebung einfach Wahnsinn, so finden wir wenigstens in diesem Wahnsinn Methode. Gibt es doch heutzutage Philosophen und Dichter, welche das Leben verneinen und den Selbstmord predigen. Was ich aber nicht begreife, das ist das Thun und Trachten solcher Juden, welche den Gedanken, die Existenz desJudenthumszu vernichten,entschieden zurückweisen, aber ebenso auch jede Bestrebung auf Wiederherstellung unseres nationalen Daseins. Das heisst mit auderen Worten: Weder leben noch sterben — sondern unendliche Agonie. Eine talmudische Ueberlieferung berichtet uns über den Märtyrertod des R. Chanina b. Tradjon, den römische Schergen den Flammen überliefert hatten. Damit er nicht rasch sterbe und so von seinen Qualen befreit werde, wurde ihm durchnässte Wolle auf die Brust gelegt. Diese ausgesuchte Grausamkeit war ganz im Geiste des Römerthums. Wie aber ein Volksstamm sich selber eine solche Qual zufügen kann — dies gehört zu der grössten Wunderlichkeiten der Volkspsyche. Entweder sucht man zu leben, oder man entschliesst sich, zu sterben. Aber in ewiger Agonie dazuliegen und so grausam zu leiden — wie hält man das so lange aus? Unsere Väter waren zweifellos schlimmer daran, als wir es sind; ihr Los war bedeutend schlechter und ihre Leiden grösser. Aber sie hatten doch ein Ideal, an das sie geglaubt und durch das sie sich zu gewissen Stunden aller Pein des Daseins entrückt fühlten. Unsere Väter waren glaubensstark. Sie waren fest überzeugt, dass die ihnen zugefügten Kränkungen nicht sie, sondern ihre Peiniger entehren. Ausserdem war ihnen ihre bürgerliche Stellung höchst gleichgiltig. Wussten sie doch, dass sie im Himmel Bürger ersten Ranges sein werden, und was sich hiernieden auf Erden abspielte, war kaum wichtig, sich darüber lange aufzuh<üten. Die innere Befriedigung war ihnen gegeben, und. trotz ihrer traurigen Lage hätten sie nicht mit dem reichsten und mächtigsten Volke getauscht. Diese innere Zuversicht fehlt uns : das religiöse Gefühl reicht — wenigstens in Westeuropa — nicht aus, um uns mit unserem Schicksale auszusöhnen. Wir fühlen es jetzt bitter genug, dass wir Parias in der Gesellschaft sind, und das Wohlwollen gewisser Christen kränkt uns oft mehr, als die Gehässigkeit der anderen. Es ist so recht freundlich und liebenswürdig, wenn uns gewisse Theologen das Zeugnis ausstellen, dass wir, mögen wir sonst hartgesottene Verbrecher sein, nicht alljährlich einige christliche Jungfrauen verspeisen. Wird nicht jedem gebildeten Juden dabei die Schamröthe ins Gesicht getrieben? Ekelt ihn noch immer nicht vor solchen Zuständen? Wer sich heutzutage tauft, ist ein Feigling, aber auch Feigheit ist eine menschliche Eigenschaft, sie ist. im Grunde genommen, Sache des Temperaments. Aber wie hält man es aus, Jude zu bleiben und sich unter solchen Umständen nicht in das nationale Gebiet zurückziehen? Ich sage nicht: stolz zurückziehen; ich bin nicht stolz, wenn ich mir sage, nachdem mich mein Nachbar oft und laut genug einen unehrenhaften Menschen geschimpft hat, stelle ich meine Besuche bei ihm ein und erinnere mich, dass ich eigentlich auch eine Häuslichkeit habe, mag sie nicht so schön und bequem sein, wie die des Nachbars. Unsere westeuropäischen Juden verwechseln Nationalität mit Vaterlandsliebe. Kein Zweifel, dass die Juden in Deutschland mit derselben Liebe an ihrem Vaterlande hängen, wie ihre Mitbürger germanischer Abstammung. Abeium ein guter deutscher Bürger zu sein, braucht man kein Deutscher in nationaler Beziehung zu sein. Wäre somit der Gedanke von der Wiedererrichtung eines jüdischen Staates mathematisch unmöglich, so brauchten die Juden noch immer nicht ihre Geschichte zu escamotieren. Sie könnten in Deutschland als gute deutsche Bürger ihr nationales Bewusstsein beibehalten, umsomehr, als ihnen die Aufnahme in den deutschen nationalen Körper verweigert wird. Wenn sie keine Juden mehr sein wollen, so wäre es in der That das Consequenteste, sich zu taufen.

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