Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 23 (8.6.1900)
- Article
- Der vierte Zionisten-Congress
- Date
- 1900-06-08
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315875-3369958--20097-3370053- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 ,Die & Welt" Nr. 23 hohen Cultur in sich aufnehmen und als wertvolle Erinnerung bewahren werden. Die englischen Juden haben sich lange vor dem jetzigen Zionismus dadurch ausgezeichnet, dass sie mit Herz und Hand, mit Rath und That für die Aufbesserung des Loses ihrer fernen und fernsten Stammesgenossen zu wirken versucht haben. Freilich haben diese zahllosen Hilfsactionen, wie trefflich sie auch gemeint waren, immer die Symptome, ach nur einen recht kleinen Theil der S3Tmptome verschwinden gemacht. Der grossen Krankheit selbst sind sie nicht beigekommen. Die grosse Krankheit besteht fort, sie hat sich sogar in den letzten zwanzig Jahren furchtbar verschlimmert. Unser Zionismus will aber den ganzen kranken Organismus heilen, und zwar mit keinem Geheimmittel, mit einem öffentlichen, controlierbaren, aus den modernen Begriffen geschöpften Mittel. Dagegen können sich schliesslich auch dienicht ablehnend verhalten, die sich in der ersten Hitze der Meinungen als „Antizio nisten" erklärten. Sie werden uns in London besser sehen und hören als bisher. Die Meinungen werden sich läutern, eine Aussprache zwischen ihnen und uns wird stattfinden. Wir hegen die besten Hoffnungen auf ein gutes Endergebnis. Es darf aber auch nicht vergessen werden, dass in den Hilfsactionen für unsere Armen neben den reichen Juden angesehene, grossmüthige Christen ebenfalls milthätig aufzutreten pflegten. Im bibelstarken England ist „Gottes altes Volk" nicht verhasst. Auf den Plattformen, die sich zugunsten unglücklicher Juden in England gelegentlich erhoben, gab es oft genug Christen von bedeutendem Einflüsse. Wie die Dinge liegen, ist aus diesen Kreisen für den Zionismus vielleicht noch ein herzlicheres Interesse zu erwarten, weil die lähmende Besorgnis, man könne für „unpatriotischgehalten werden, wenn man den Juden zu einer gesicherten Heimstätte verhelfen wolle, bei ihnen naturgemäss entfällt. Der politische Zionismus geht also nach London, um sich gleichsam officiell der englischen Welt vorzustellen und ihre Unterstützung — wohlgemerkt: nur die moralische und politische Unterstützung — zu erbitten. Die Ausführung unseres grossen Werkes können und dürfen wir nach wie vor nur von der eigenen Kraft des jüdischen Volkes erwarten. Es ist ein wichtiger Moment. Wir sprechen in London vor einer grösseren Oeffentlichkeit, als in Basel. Es muss diesem Umstände entsprechend eine noch imposantere Kundgebung werden, als es schon der Baseler Gongress war. Zwar der Ton, der Ernst und die Würde unserer Verhandlungen brauchen nicht anders zu sein, als sie schon in Basel waren. Aber die Veranstaltung muss einen dem Orte gemässen mächtigeren Charakter haben. Es muss auch den Aussens teilenden erkennbar werden, dass der Zionisten- Congress eine Repräsentation des jüdischen Volkes ist und nicht etwa nur die bedeutungslose Gesprächs- Zusammenkunft von ein paar Leuten. Nur eine Volksvertretung von grossem Umfange darf es wagen, die Aufmerksamkeit der britischen Hauptstadt in Anspruch zu nehmen. Nur wenn die Macht unserer Bewegung ebenso deutlich in die Erscheinung tritt, wie die, Gott sei es geklagt, grosse Nothlage unserer Massen und die Redlichkeit unserer Absichten — nur dann dürfen wir hoffen, das grosse England für den Zionismus zu gewinnen. Das alles ist so klar, d:\ss es kaum der Auseinandersetzung bedarf. Dennoch soll es gesagt sein und jed*r Zionist soll es sich gut merken. In den Wochen, die uns noch von dem Londoner Congresse trennen, müssen alle Kräfte aufgeboten werden, um eine eclatante Kundgebung herbeizuführen. Die Delegierten müssen rechtzeitig gewählt werden und vollzählig auf dem Congresse erscheinen. Ein schwach besuchter Congress würde die Oeffentlichkeit glauben machen, der Zionismus sei in der Abnahme begriffen, was doch, wie alle Vertrauensmänner wissen, nicht der Fall ist. Nein, es muss gezeigt werden, dass das vielgeprüfte jüdische Volk unverbrüchlich, mulhig und treu der Zionsfahne folgt. Wir wanken nicht und weichen nicht, sondern gehen vorwärts! Der Congress hat ausser solchen Kundgebungen noch vielerlei zu schaffen. Der Fortgang unserer politischen Arbeiten, die Kräftigung unseres nunmehr gesicherten finanziellen Instrumentes, der Jüdischen Colonialbank, der Ausbau unserer Organisation und nicht am wenigsten die körperliche, geistige und die wirtschaftliche Hebung des jüdischen Volkes sind die hochwichtigen Punkte unserer Tagesordnung. Wir glauben, nie in den modernen Zeiten ist mit so zielbewusstem Ernste an der Wiederauflichtung unseres Volkes gearbeitet worden, wie es jetzt geschieht. Schrecklich ist die Judenlage auch heuer wieder gewesen. Von kleineren, in aller Welt versfreuten Katastrophen abgesehen, haben unsere rumänischen Brüder in diesem Jahre den traurigen Vorzug, dass ihre Lage am lautesten um Abhilfe schreit. Es gab eine Zeit, wo man in den meisten Parlamenten Leute fand, die ihre Stimme zugunsten verfolgter Juden erhoben. Heute gibt es kein solches Parlament mehr. Von keiner Tribüne hört man es sagen, was unsere Brüder leiden. Darum müssen wir uns unserer eigenen Tribüne bedienen. Echter und wirksamer als von jeder anderen Stelle werden da unsere Beschwerden und unsere bescheidenen Wünsche in die Welt hinausdringen. Zionisten! Sorget dafür, dass der Londoner Congress grossartig beschickt werde. Es hängt mehr davon ab, als sich in einem Zeitungsartikel sagen lässt. Die (Jutgesinnten werden aber auch diese wenigen Andeutungen verstehen und mit frischem Muthe an die Arbeit, gehen. Vorwärts! Ein Rückblick. Von Nachtal. Jassy, 29. Mai 1900. Ein schweres Jahr haben wir jetzt vollendet, ein Jahr der Sorge und Noth, wie es selbst in unserer an Martern und Qualen so reichen Geschichte nicht oft vorgekommen ist. Als ob all die feindlichen Gewalten, die im Innern dieses Ländchens von jeher gegen uns tobten, auf einen günstigen Augenblick gewartet hätten, um ihre Wuth gegen uns zum Ausbruche kommen zu lassen, gerade in einer Zeit, wo wir am wenigsten imstande waren, einen irgendwie erfolgreichen Widerstand zu leisten, zumal das Unglück uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf. Der „heitere Himmel'1 ist eine Uebertreibung: heiter war der Himmel für unser armes Volk hier in Rumänien nie; aber es schien, als wenn die Kräfte, die gegen uns arbeiteten, wenigstens temporär geruht hätten, man hatte eine Zeitlang nicht mehr so viel von Ausnahmegesetzen gehört, und selbst der Pöbel hatte sein Kreischen eingestellt. Aber es war die Ruhe vor dem Gewitter, sie hatten geruht, unsere Feinde, nicht etwa, weil sie ihres bai'barischen Handelns müde waren, sondern weil, was sie brüteten, das Licht der Sonne scheuen musste, bis es im gegebenen Augenblick von entmenschten Horden in Thaten umgesetzt werden konnte. So kam die Woche heran, deren Schrecken unvergesslich in unserem Geiste eingeprägt sind, es ist die Woche d«»s sechzehnten Mai. Wer durch die Strassen unserer