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Die Welt · 1900-06-01 · 22 (1.6.1900) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
22 (1.6.1900)
Article
Zum Capitel der Judenemancipation in Galizien
Date
1900-06-01
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 22 ,Die z£ Welt« Seite 11 keinen Juden, in den Gymnasien dagegen 3, sage drei jüdische Professoren. In der ganzen „autonomistischen" Verwaltung, somit in der Statthalterei, im Landes-Ausschusse, in den Bezirks-Hauptmannschaften und Bezirks-Ausschüssen sammt allen hiezu gehörigen Unterabtheilungen, wie Schulrath, Propinationsfonds-Verwaltung etc. gibt es ausser 2 Rechnungs- und circa 20 Manipulationsbeamten, 1 Ingenieur, 1 Baurath und einigen Bezirksärzten keinen Juden. Dies die Ziffern, die für sich sprechen. E in Jude. Vereinsnachrichten. Wien. Die vom „Turnvereine jüdischer Hochschüler" am letzten Sonntag unternommene erste Excursion in die Umgebung Wiens erzielte einen solchen Erfolg, dass der Turnrath sich entschloss. künftig jeden zweiten Sonn- und Feiertag einen Turnausüug zu veranstalten, an dem auch nichtakademische Gäste ohne weiteres theilnehmen können. Am kommenden Sonntag (3. Juni) wird vom Stadtbahnhofe Währingerstrasse Punkt 2 Uhr nachmittags abmarschiert, um über den Schafberg, Neuwaldegg und Sophienalpe Hütteldorf zu erreichen. Für späterhin sind weitere Touren in Aussicht genommen. Wien. Der am 24. Mai 1. J. vom Einzelverein „Fünfhaus" und dem „Verein zionistischer Frauen und Mädchen in Fünfhaus" gemeinsam veranstaltete Vereinsabend nahm einen äusserst animierten Verlauf. Herr Dr. K r e n b e r g e r begrüsste die Versammlung mit einigen herzlichen Worten und wies auf die Zersplitterung im Judenthume hin, die sich aus der mit Moses Mendelssohn beginnenden Assimilationsepoche ergab, weil sie sich naturnothwendig ergeben musste. Es sei nunmehr Sache der zionistischen Vereine, die im Westen fast verloren gegangene jüdische Bildung wieder zu wecken und in die weitesten Kreise zu tragen. Sie müssten zu wahren jüdischen Volksbildungsvereinen werden. Das sei das Ziel, welches sich der Verein „Fünfhaus" gesteckt habe. Anstatt des durch Unwohlsein verhinderten Herrn Professor Kellner hatte sich Herr Berthold Feiwel aus Brünn zu einem Vortrage bereit erklärt. Er sprach über „Judenfreunde". Die uns bezeigten Wohlthaten, führte der Redner aus, wirken beschämend, die Duldung — niederdrückend. Viele Freunde besassen die Juden unter den Völkern zu keiner Zeit, aber sie hatten deren immerhin, sowohl unter den Fürsten und Herrschern wie unter den grossen Kirchen häuptern und weltlichen Gelehrten. Was man den Juden vorwirft, Wucher und Handel, ist gerade von den die Juden „schützenden" Fürsten ihnen aufgezwungen worden. Vorurtheile gegen uns hegen selbst unsere besten Freunde: man kann auf sie Heines Ausspruch anwenden: „Selten habt ihr mich verstanden". Der moderne Philosemit kann nur Philozioni st sein, wie wir deren ja in grosser Anzahl aufzuweisen haben. — Reicher, wohlverdienter Beifall lohnte den Redner. — Das zweite Referat des Abends katte Herr Redacteur Sigfried Fleischer übernommen. „Ueber das Elend der Juden in Galizien" lautete sein Thema- Mit reichlichem, statistischem Materiale ausgerüstet, wusste der Redner die galizischen Zustände und ihre Ursachen ergreifend zu schildern. Was die Zuhörer hauptsächlich interessierte, war, wie Herr Fleischer seinen Standpunkt dem Zionismus gegenüber begründen werde. Er erklärte, dass nur die Heilmittel verschieden seien. Die Noth und die Notwendigkeit schleunigster Hilfe erkennen wir alle an. Auch in der Förderung einer planmässigen Emigration sind wir einig. Nur über die Ausführung differieren wir. Und da müssten eben die Einigungspunkte gefunden werden. — Nun nahm Herr Dr. Kahn das Wort zu einer Erwiderung. „Es thut mir in der Seele weh. dass ich Dich in der Gesellschaft seh'", so lauteten des Redners erste Worte. Wenn man so verständnisvoll die Judenfrage auffasse, wie Herr Fleischer, dann dürfe man nicht solche Artikel gegen den Zionismus und seine Institutionen schreiben, dann müsse man sich erst überzeugen, ob denn alles das, was behauptet wird, auch den Thatsachen entspricht. Wenn z. B. eine Thatsache, dass 13.000 Pfund Sterling für Gründungsspesen der „Jüdischen Colonialbank" ausgegeben wurden, gegen die Führer ausgebeutet wird, dann sollte man nicht vergessen, dass davon SOOO Pfund von den Gründern ä fonds perdu gezeichnet und von den weiteren 5000 Pfund allein 2000 Pfund für Stempel an die Regierung gezahlt seien Die antizionistische Pressmeute fällt gehässig über die Führer der Bewegung her. Das wird diese vom Wege der Pflicht nicht ablenken. Tief bedauerlich ist es nur, wenn sich auch solche ihnen anschliessen, die, wie z. B. Herr Fleischer, die Aufgabe und Bedeutung des Zionismus klar erkennen. Von den im „Jewish Chronicle" und „Jewish World" erschienenen Briefen des Herrn Kann hat die ganze antizionistische Presse „prompt", Notiz genommen, von der Richtigstellung des Counciel haben wir in diesen Blättern nichts gelesen .... Mit innigen Dankesvvorten und dem Wunsche eines frohen Wiedersehens im Herbste schloss der Vorsitzende die Versammlung. Wien. Die kürzlich im Congressbureau abgehaltene erste ordentliche General - Versammlung des „Zionistischen Frauenverein Wien" erfreute sich eines recht zahlreichen Besuches. Frau Dr. Sidonie Kahn eröffnete dieselbe, indem sie ihrem Bedauern Worte lieh, dass die Mitgliederzahl eine relativ kleine sei. Vielleicht fehle den Wiener Frauen das Gefühl und die Empfindung für die menschenunwürdigen Zustände, unter denen die Juden leiden, vielleicht fühlen sie nicht, wie täglich und stündlich das Recht der Juden mit Füssen getreten wird, obgleich doch gerade der aufregende Vorfall der letzten Wochen, der Fall Araten, die jüdischen Frauen in erster Linie berühren und zur Erkenntnis unserer Lage bringen sollte. Vielleicht werden sie jetzt zur Einsicht kommen, und dann wird auch eine bessere Zeit für den „Zionistischen Frauenverein" kommen. Zum Schlüsse widmete die Frau Präsidentin dem verstorbenen Herrn Paul Nasch au er, zu dessen Ehren die Anwesenden sich erhoben hatten, warme Worte der Erinnerung. — Trefflich in jeder Hinsicht war der von der Schriftführerin Frl. Feigen bäum verfasste und verlesene Jahresbericht. Wir werden darauf zurückkommen, denn die zionistische Frauenbewegung in Wien bildet ein eigenes Capitel in der Chronik unserer Bewegung. — Der Cassabericht der Frau Norbert Rappaport zeigte eine recht günstige Finanzlage des Vereins. Auf Antrag" der Revisorin Frau Dr. Schnirer wurde die Decharge ertheilt und schliesslich auf Antrag von Frau Architekt M a r m o r e k dem Gesammtausschuss der Dank des Vereines für die befriedigende Leitung ausgesprochen. Die Wiederwahl erfolgte per Acclamation. — Hierauf hielt Herr Architekt Marmorek einen sehr fesselnden und instruetiven Vortrag über „Die Splitter des jüdischen Volksstammes". Es war eine Zusammenfassung der in zahlreichen Geschichtswerken zerstreuten Nachrichten über die Ausbreitung der Juden seit der Vertreibung der zehn Stämme, deren Ueberbleibsel man einerseits namentlich im Kaukasus bis hinauf nach China findet oder doch mit an Gewissheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorhanden glaubt, andererseits in verschiedenen Theilen Afrikas vermuthe. Ueberhaupt aber gibt es kein Land der Erde, wohin nicht schon vor hunderten von Jahren die Juden gedrungen wären. Daher komme es auch, dass die zionistische Bewegung sich thatsächlich über die ganze Erde erstrecke und das Zusammengehörigkeits- Gefühl aufs neue geweckt habe. Wien. Montag, den i. Juni 11)00 findet im Hohenstaufen-Saal, 1., Hohenstaufengasse 15, aus Anlass des in Wien tagenden II. Verbandstages der jüdischen Handelsangestellten Oesterreichs eine öffentliche V e r s a m mlung statt. Tagesordnung: 1. Dasjüdische Proletariat und der Zionismus. Referent: Salomon Rubinstein (Brünn). ± Discussion. Anfang präcise S Uhr. Krakau. Der neugegründete Verein „Achdus" hat sich die Aufgabe gestellt, die jüdischen Arbeiter und Handelsangestellten mit unserer Geschichte und Literatur bekanntzumachen. Im Laufe dieses Sommers wird der Obmann- Stellvertreter, Herr M. Berk o w i c z, eine Serie von Vorträgen über „Die. Äcrcrialen LenreTff^d^-Talmud'' halten. In seinem ersten einleitenden Vortrage vom Li. d. M. wies der Vortragende an mehreren Beispielen aus dem Talmud nach, auf welch überraschender Höhe sich die Lehren desselben befinden, und von welch freiheitlichem Geiste dieselben durchtränkt sind. „Welche sittliche Culturkraft muss eine Lehre in sich haben, um ein durch Jahrhunderte in der wahnwitzigsten Weise verfolgtes Volk vor dem Untergange zu bewahren und bei frischer, zukunftsfreudiger Hoffnung zu erhalten. Wenn die jüdischen Kämpfer für sociale Gerechtigkeit wüssten, wie sehr diese menschlichen Ideale mit der nationalen Cultur ihres eigenen Volkes aufs innigste verbunden sind, sie würden gewiss mit der Befreiung ihres eigenen Volkes beginnen." Die zahlreiche Zuhörerschaft folgte mit gespannter Aufmerksamkeit den lehrreichen Ausführungen.

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