Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 22 (1.6.1900)
- Article
- New-York / E. G.
- Date
- 1900-06-01
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 ,Die s£ Welt" Nr. 22 Brooklyn veranstaltete jüngst der dortige Verein „Daughters of Zion" zur Erinnerung an seine Gründung ein grosses Bankett. Zahlreiche Toaste .auf den Zionismus und die Führer der Bewegung wurden ausgebracht. E. G. Prag-Smichov. Die Ortsgruppe der „CeskazidovskäJednota" hielt am 23. Mai ihre General-Versammlung ab. Der Verlauf derselben entbehrt keineswegs des Interesses für die Juden überhaupt, insbesondere für uns Zionisten. Es wird schon als Unicum gelten müssen, wenn vorausgeschickt wird, dass Christen in diese jüdische Versammlung eingeladen wurden, damit das auch sonst nicht grosse Local zum Theile besetzt sei. Wenn man aber weiter erwägt, dass diese arischen Statisten nicht gerade als die intelligentesten gelten können, und wenn noch weiter erwogen wird, dass am Programm als einziger Punkt nach 3en Formalien und Wahlen ein Vortrag des Herrn Dr. B o n d i gegen den Zionismus stand, so wird man dann beurtheilen können, welche Art von Gegnern hier dem Zionismus entgegensteht. Dieser Programmpunkt war die Ursache, dass auch einige Zionisten sich pflichtgemäss an dieser Versammlung betheiligten. Der Vortragende schilderte den Zionismus als das grösste Uebel, welches den Juden widerfahren konnte; aus allen möglichen, uns feindlichen Journalen wurden Artikel citiert, welche das Fiasco des Zionismus beweisen sollten : er legte Gewicht darauf, dass von diesem wichtigen Thema gesprochen werden müsse. Seine Ausführungen fanden eine gebürende Beantwortung von den Zionisten. Bevor dies geschah, wurde ihnen vorgehalten, sie segeln unter einer zweisprachigen Flagge, seien aber verkappte Deutsche. Zum Beweise diene, dass alle ihre Verlautbarungen nur in deutschen Blättern geschehen. Der nächste zionistische Redner wies darauf hin, dass die czechischen Blätter es wiederholt abgelehnt haben, unsere Notizen einzuschalten, und dass es jetzt überhaupt unterlassen wird, sie darum anzusuchen. Kaum waren diese wahrheitsgetreuen Worte ausgesprochen, erschollen einige Slava-Rufe auf diese Blätter, und nach beendeter Rede wurde von einem Herrn B r u m 1 i k der Antrag eingebracht, diesen Blättern einen öffentlichen Dank auszusprechen. Dieses nicht qualificierbare „Selbstbewusstsein" soll doch angenagelt werden. Weiter sprach auch ein Auch-Jude, der breit darüber sich äusserte, er pflege in seiner Gesellschaft nur den Humor, und als einer der Unserigen erwiederte, die Juden haben jetzt ganz andere Pflichten, als den Humor zu pflegen, wurde er unterbrochen und musste zu sprechen aufhören. Die Versammlung öffnete so manchen Juden die Augen; noch einige solche Versammlungen und die Jednota hat zur Gänze aufgehört zu existieren. Ihr Anhang schwindet nämlich von Tag zu Tag, die ihr aber noch immer anhängen, sind zumeist Schwächlinge, denen der Muth fehlt, zu sagen : Bis hierher und nicht weiter. Allgemeiner Hebräischer Sprachverein. Das vor den Osterfeiertagen unterbrochene literarhistorische Collegium „Ueber die Tanaim" findet seine Fortsetzung und Schluss in zwei Vorträgen, welche Herr Doctor Leopold Kahn am 4. und 11. Juni, jedesmal S Uhr abends im Congress-Saale, IX., Türkenstrasse!>, abhalten wird. Zur Besprechung gelangen noch Rabbi Meir, Rabbi ben Jochai, Alexandrinische Geistesrichtungen und Rabbi Jehuda Hanasi. Alle zionistischen Vereine oder einzelne Zionisten, welche Einrichtungen, Curse etc. zur Pflege der hebräischen Sprache, Literatur und Geschichte der Juden angeregt und getroffen haben, werden dringend ersucht, in möglichst nächster Zeit über das Wesen der Einrichtung, Anzahl der Mitglieder, der Lernenden und Lehrer, eventuell auch erzielten Resultate kurze Berichte an das Bureau des Zionisten-Congresses in Wien, IX., Türkenstrasse 9, einzusenden. Zum Capitel der Judenemancipation in Galizien. Wie es in Galizien mit der „Gleichberechtigung" der Juden, die ihnen auch zu den öffentlichen Aemtern Zutritt verschaffen soll, in der Wirklichkeit bestellt ist, dazu hat am II. Gemeindetag, welcher am 1. und 2. Mai 1. J. in Lemberg stattgefunden, der „Ueber die Präterierung jüdischer Bewerber an den öffentlichen Aemtern" bestellte Referent, Herr Dr. Josef Grünberg, eine schöne Illustration geliefert. Nach einer ausführlichen, auf die durch Präterierung jüdischer Bewerber an den öffentlichen Aemtern der jüdischen Bevölkerung Galiziens erwachsenen moralischen, gesellschaftlichen und pecuniären" Schäden hinweisenden Einleitung, führte der Redner an der Hand sorgfältig gesammelter Daten folgende Ziffern an: In der Gerichtsbarkeit ist Galizien in zwei Gebiete getheilt, und zwar in ein ostgalizisches mitsammt der Bukowina und in ein westgalizisches. Ersteres bildet den Oberlandesgerichts-Sprengel Lemberg, letzteres den Krakaus. Charakteristisch ist demnach das Zahlenverhältnis der jüdischen Gerichtsbeamten im reinen polnischen (westgalizischen) Sprengel, im gemeinsamen polnisch-ruhenischen auf galizischen Boden und dem Bukowinacr Gebiete. In Westgalizien fungieren: 1 Ober-Landesgerichtsrath; ferner entfallen: auf 148 Landesgerichtsräthe 3 Juden, auf 94 Secretäre 5, auf 179 Adjuncten 4, auf 117 Auscultanten 3. Bezirksvorstehcr und Staatsanwälte sind durchaus Nichtjuden. Im Lemberger Sprengel fungieren, und zwar auf galizischem Gebiete, unter 245 Rathen 4 Juden, unter 131 Secretären 8, unter 343 Adjuncten 12 unter 211 Auscultanten ebenfalls 12 Juden. Auf bukowinischem Gebiete entfallen auf 49 Räthe 4, auf 30 Secretäre 5, auf 57 Adjuncten S, auf 42 Auscultanten gleichfalls S Juden. Ober-Landesgerichtsräthe, Bezirks Vorsteher und Staatsanwälte sind durchaus Nichtjuden. Dagegen gibt es in beiden Sprengein 10% jüdische Manipulationsbeamten. Soweit das Verhältnis in der Gerichtsbarkeit. In den übrigen, blos auf Galizien sich erstreckenden Verwaltungskörpern ist ein sichtbarer Unterschied zwischen „centralistischen* und „ autonomistischen" Behörden wahrzunehmen. Am meisten sind die Juden bei der Eisenbahn-Verwaltung, wenn auch nicht nach ihrem Bevölkerungsverhältnisse, vertreten. Bei der Post verhält sich die Betheiligung wie folgt: 8 Gontrolore. 3 Ingenieure, 1 Oberofficial, 44 Ofiiciale, 45 Auscultanten und 12 Praktikanten. Im Conceptsdienste gibt es keine Juden. Der eine Jude, mit 12jähriger Dienstpraxis und 3 Prüfungen, welcher sich zum Conceptsdienst gemeldet hat, wurde abgewiesen. Ueberhaupt herrscht bei diesem Verwaltungskörper der Grundsatz, mehr als 5°/0 Juden nicht anzustellen. Im Dienste der Finanz-Direction fungieren: unter 70 Ober-Commissären 7, unter 77 Commissären (>, unter 124 Concipisten 12 und unter 65 Praktikanten 5 Juden. Ferner 2 Piechnungs-Ofliciale, 1 Assistent, 1 Steueramtsofficial und einige Steueramts-Adjuncten. In den Tabak- Fabriken, Domänen u. s. w. gibt es keinen Juden, dagegen gibt es in der Finanz-Procuratur 3 jüdische Secretäre. In sämmtlichen Volks-, Bürger-, Handels- und Gewerbeschulen gibts trotz des bekannten Mangels an Lehrkräften, wodurch viele Schulen geschlossen sind,