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Die Welt · 1900-06-01 · 22 (1.6.1900) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
22 (1.6.1900)
Article
Blutfabel [Nachricht]
Date
1900-06-01
Page
8 (sequence 1)
Language
German
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Seite 8 ,Die $s Welt" Nr. 22 Weltchronik. Die Blutfabel. Nach einer Meldung des „Berliner Localanzeiger" wurde in Könitz der Schächtermeister Hof mann (Nicht-Jude) und seine Tochter unter dem Verdachte der Ermordung des Gymnasiasten Winter verhaftet. Ein bei Hofmann bedien stet gewesener Geselle war von der Polizei seit längerer Zeit gesucht, ist aber nicht gefunden worden. Mit der Verhaftung Hofmanns fällt das ganze Lügengebäude vom Ritualmord zusammen. Hungersnoth. Ein Mitglied des Hilfscomites für die Nothleidenden in Bessarabien, Dr. Lander, der dieser Tage vom Nothstandsgebiete zurückkehrte, erzählt, dass die Lage der dortigen Juden äusserst precär ist. Der Frost, der letzthin zwei Tage hindurch herrschte, hat auf die Weingärten in den Kreisen Saraka, Bielz und Orchiew überaus ungünstig eingewirkt. Das nördliche Bessarabien ist von einer anderen Calamität heimgesucht, von der Trockenheit. Der Boden lechzt nach Regen. Der Sonnenbrand und die staubaufwirbelnden Winde richten die Halmfrucht total zugrunde. Die Synagogen und sämmtliche Kirchen sind tagsüber mit Betern gefüllt, die zum Himmel um Regen flehen. Die Rabbiner haben an vielen Orten einen öffentlichen Fasttag verkündet. In Bielz stockt der Geschäftsverkehr gänzlich. Die Bewohner, grossentheils Juden, huschen wie Schatten durch die Strassen. Die Unterstützungssumme von monatlichen 3 Rubel 10 Kopeken, welche das Hilfscomite bisher jeder nothleidenden Familie zukommen liess, zeigt sich als durchaus unzulänglich. Das Maismehl, womit sich die Nothleidenden ausschliesslich nähren, ist nach der Aussage der Aerzte im höchsten Grade gesundheitsschädlich, sodass befürchtet wird, es könnten unter der nothleidenden Bevölkerung, falls ihr keine kräftigere Kost zugeführt wird, epidemische Krankheiten ausbrechen. Das Hilfscomite hat sich demzufolge entschliessen müssen, den monatlichen Unterstützungsbetrag auf 4 Rubel 10 Kopeken zu erhöhen und überdies jeder nothleidenden Familie drei Pud Weizenmehl und ein Pud Maismehl zukommen zu lassen. Dementsprechend braucht das Comite blos für die 600 nothleidenden Familien in Bielz 2640 Rubel monatlich, In dieser Stadt gibt es eine von 200 Knaben besuchte Talmud-Thora-Schule. Der Anblick der Knaben ist jämmerlich: sie sind schlecht genährt und gehen barfuss und in zerschlissenen Kleidern. Nun wird eine öffentliche Küche für sie errichtet, wo sie unentgeltlich gespeist werden sollen. 140 Rubel monatlich werden hierzu erforderlich sein. Zu den alten nothleidenden Ortschaften sind in der letzten Zeit immer neue hinzugekommen. So z. B. hat Frau L u n z vom Hilfscomite in der Colonie Alexandra, Kreis Bielz, 60 nothleidende Familien verzeichnet und zu deren Unterstützung ISO Rubel monatlich aussetzen lassen. Ehe die Weinlese kommt, ist nicht zu hoffen, dass die Noth sich verringert. Von der jüdischen Nationalbibliothek in Jerusalem. Am 2. v. M. wurde in Jerusalem der Grundstein zu dem neuen Gebäude der jüdischen Nationalbibliothek „Midrasch Abarbanel We- Ginse Josef gelegt. Die Bibliothek wurde im Jahre 1892 zur vierhundertsten Jahreswende der Vertreibung der Juden aus Spanien von der Loge „Jerusalem" des „B'nei Brith"- Ordens gegründet. Im Jahre 1895 machte Dr. Josef Chasan o w i t s c h aus Bialystok seine gesammte, sehr reichhaltige Büchersammlung dem Institute zum Geschenke, und seitdem führt die Bibliothek neben dem ursprünglichen Titel „Midrasch Abarbanel" auch die Bezeichnung „Ginse Josef. Dr. Chasanowitsch wendete auch weiterhin der Anstalt sein Interesse und seine ganze Thatkraft zu, und nur ihm ist es zu verdanken, dass sie sich erhielt und nun ein eigenes Heim beziehen kann. Bisher war die Bibliothek nämlich in Privathäusern eingemiethet, was mancherlei Unzuträglichkeiten mit sich brachte. In dem Besitze der Bibliothek befinden sich bereits 15.000 Bände Hebraica und Judaica, sowie zahlreiche wertvolle Kupferstiche und Radierungen. Tempeleinweihung in Malaczka. Kürzlich fand in Malaczka die Schlusssteinlegung und Einweihung der neuerbauten Synagoge unter überaus zahlreicher Betheiligung der Gemeindemitglieder und der Vertreter benachbarter Cultusgemeinden statt. Im Jahre 1887 war die Synagoge auf Kosten des Ehepaares Simon und Cacilie Spitzer neu erbaut worden. In der Nacht vom 18. auf den 19. Juli v.J. brannte dieselbe, wahrscheinlich durch einen Blitzschlag getroffen, fast vollständig ab und schon Sonntag 18. d.M konnte die Einweihung des prächtigen, neuerbauten Hauses wieder stattfinden. Anlässlich der Schlusssteinlegung wies der Erbauer beider Häuser, Baurath Stiassny aus Wien, darauf hin, dass es wohl ein äusserst seltener Fall sei, dass einem Architekten, der ein Gotteshaus errichtet habe, der Wiederaufbau eines zweiten Hauses an Stelle des in Trümmer gefallenen ersten vergönnt sei. Die Festrede hielt Bezirks- Rabbiner Dr. Moriz L e w i n, der den bekannten Prophetenvers: Das zweite Haus wird schöner sein, als das erste gewesen, meisterhaft ausführte. Der Präsident der Cultusgemeinde, Herr Weinwurm, gab den Gefühlen der Dankbarkeit und Verehrung der Gemeinde für den Architekten beredten Ausdruck. Das in reinstem maurischen Stile erbaute Gotteshaus gewährt mit seiner mit 2 Kuppeln geschmückten, polychrom behandeltenFacade, dann mit seinem mit reicher Bemalung und Vergoldung, sowie mit einer geschmackvoll ornamentierten Cassettendecke versehenen Innenraume einen würdigen und weihevollen Eindruck. Namensänderung. Christian Walsin-Esterhazy, der Cousin des Majors, ist, wie das „Journal Officiel" meldet, um Aenderung seines Namens in „de Christian" eingeschritten. Das ist die Folge des Processes, welchen die fürstliche Familie Esterhazy gegen Major Walsin- Esterhazy und gegen Christian eingeleitet hat. Die Legate der Baronin Hirsch. Die im vorigen Jahre in Paris verstorbene Frau Clara Baronin Hirsch auf Gereuth hat unter anderem dem Wiener Magistrat für wohlthätige Zwecke 200.000 Francs testiert. Nachdem dieses Legat, von welchem allerdings fast ein Viertheil an französischen und österreichischen Erbschaftsgebüren in Abfall kam, erlegt worden ist, hat nunmehr, wie man aus dem Wiener Rathhause meldet, der Bürgermeister über den grössten Theil desselben in der Weise verfügt, dass er verschiedenen Wohlthätigkeits-Vereinen und Anstalten entsprechende Beiträge zuwendete. Ueberdies wurde auch auf die Wünsche der von Dr. Gustav Bloch vertretenen Erben, israelitische Wohlthätigkeits-Institute, welche die Erblasserin bei Lebzeiten unterstützt hatte, zu bedenken, Rücksicht, genommen. Es erhielten : Centraiverein zur Beköstigung armer Schulkinder 20.000 Kr., Verein „Werk des heiligen Philipp Neri", und zwar a) Kinderschutz 6000 Kr., b) Unterstützung reconvalescenter Arbeiterinnen 1000 Kr., St. Vincenz-Verein 5000 Kr., Verein zur Errichtung und Förderung von Seehospizen und Asylen für kranke, insbesondere scrophulöse und rhachitische Kinder 5000 Kr., Frauen-Wohlthätigkeits- Verein für Wien und Umgebung 4000 Kr., Mater admirabilis-Verein, Haus der Barmherzigkeit in Währing und Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in der Leopoldstadt je 3000 Kr., Maria Elisabeth-Verein, Katholischer Arbeiterinnen-Verein im Bezirke Alsergruud, Verein zur Erziehung katholischer Lehrlinge, Congregation der Töchter

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