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Die Welt · 1900-06-01 · 22 (1.6.1900) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
22 (1.6.1900)
Article
Wiener Cultusgemeinde
Date
1900-06-01
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 22 JDie # Welt?' Seite 7 dass selbst der Präsident Kaiserlicher Rath Klinger sich durch ein paar geheimnissvoüe Worte zu einer ängstlichen Hadhabung der Geschäftsordnung verleiten lässt, welche ja die Vorlesung des Einlautes (ohne Sortierung durch Herrn Dr. Stern) vorschreibt. Doch die Herren irren sich, wenn sie glauben, dass sie mit den Forderungen jüdischer Vereine nach Belieben umspringen, ja sogar die Verlesung von Petitionen verweigern können. (Eine Vergewaltigung, die in keinem anderen Vertretungskörper möglich ist ) Die Herren irren sich weiters, wi-nn sie glauben, üass wir uns mit der „geheimen" Behandlung unserer Forderungen zufrieden geben, dass wir unsere Petitionen in den Schubläden und Papierkörben des Gemeindeamtes verstauben lassen werden. Wenn wir Zionisten auch bisher zu vielem geschwiegen haben, wenn wir die nothwendige Opposition im Interesse der äusseren Einheit unterdrückt haben, endlich wird der .grosse Sturm" ja doch kommen, von dem der Cultusvorstand nach Ausspruch des Herrn Directors Simon -ganz sicher-' ist! L. Wir bringen nachstehend die von dem Plenum des Gultusvorstandcs unterdrückte Petition in ihrem Wortlaute: Verehrlicher Vorstand der Israelitischen Gultusgerneinde, Wien. Im Hinblicke auf den Umstand, dass die Taufen innerhalb der Wiener Judenschaft, laut d e n Monatsausweisen d e s W i e n e r Magistrates, grosse Dimensionen annehme n, gestatten sich die unterfertigten Ortsgruppen und Vereine, die ergebene Petition zu unterbreiten, es möge seitens eines verehrlichen Vorstandes der Israelitischen Gultusgerneinde die Verfügung getroffen werden, dass die Namen der aus unserem Religio nsverbande Austretenden nicht wie bisher in geheimer, sondern in öffentlicher Sitzung mitgetheilt werden. Bei Einbringung dieser Petition lassen sich die Gefertigten von dem Motive leiten, dass es vor allem nothwendig, ist Musterung in den eigenen Reihen zu halten; wir müssen wissen, wer von uns in diesen für das jüdische Volk so verhängnisvollen Zeiten treu zu demselben hält, oder wer sein Heil durch schnöden Verrath in feiger Fahnenflucht sucht. In letzter Zeit mehren sich die Fälle, dass aus dem mosaischen Religionsverbande Austretende ihren eigenen Eltern, ihren intimsten Freunden von diesem Schritte keine Mittheilung machen: dieser Auswurf unseres Volkes schämt sich al-o seiner eigenen Thaten! Die Judenschaft kann aber erst dann gegen diese Schädlinge durch ge s e 11 s chaftliche Boy cotticrung Stellung nehmen, wenn die Namen der Abtrünnigen veröffentlicht werden. Die Unterzeichneten geben der Erwartung Ausdruck, dass ein verehrlichcr Vorstand der Israelitischen Gultusgerneinde in. Würdigung der angeführten Motive und zum Zwecke einer inneren Stärkung d es W i e n er Judcnt h u m s die vorliegende Petition in zustimmendem Sinne erledigen werde und zeichnen mit vorzüglicher Hochachtung: Jüdische Vereinigung „Jordan ia", Einzel verein „Wien Innere Stadt" des „Zion", Einzelvcrein „Leopoldstadt- Praterstrasse" des „Zion", Einzelverein „Wieden- Margr.rethen" des „Zion", Einzelverein „Fünfhaus" des „Zion% Zionistischer Frauenverein, Einzelverein „Fünfhaus" des „Zion. Frauenvereines", Jüdisch-akademische Verbindung „Kadimah", Jüdisch-akademische Verbindung „Unitas", Jüdisch-akademische Verbindung rIvria", Theologischer Verein. Wien, am 27. Mai 1900. Die Lage in Rumänien. Am Samstag den 19. v. M. wanderten aus B e r 1 a d '.»!■ junge Leute zufusse nach Hamburg aus, wo sie sich nach Amerika einschütten werden. Die ganze jüdische Bevölkerung begleitete die Auswandernden eine Strecke Weges und verabschiedete sich dann von ihnen in ergreifender Weise. Abschiedsansprachen wurden an die Emigranten gerichtet von Rabbiner Dr. Friedmann und von dem Lehrer Kuno witsch. Dieser überreichte nach seiner Rede jedem Auswanderer einen Psalter mit den Worten: „Nehmet diesen Balsam für Eure verwundeten Seelen mit auf den Weg. Gebe Gott, dass wir uns in Palästina wiedersehen!" Alle Anwesenden brachen in Schluchzen aus, selbst die Rumänen, die zufällig Augenzeugen dieser Scene waren, konnten sich der Thränen nicht erwehren. Am 25. v. M. gelangten die Auswandernden nach Jassy, das heisst vor die Thore der Stadt, denn der Präfect hatte ihnen den Zutritt ins Innere von Jassy versperrt. Hingegen konnte er nicht hindern, dass die gesammte jüdische Bevölkerung, Männer, Frauen und Kinder, dem Auswandererzuge ausserhalb der Stadt entgegengiengen. Die jüdische Jugend aus Jassy vertheilte unter den Auswanderern verschiedene Lebensmittel und 1000 Frcs. in barem. Der Emigrantenzug bietet ein sonderbar ergreifendes Bild. Die jungen Leute tragen lange Sandalen, haben Ränzlein und Wasserschläuche auf den Schultern und Stöcke in den Händen. Auch führen sie Laternen und drei zerlegbare Zelte zum Schutze gegen Unwetter mit sich. Im Verlaufe der letzten Wochen wanderten aus G a 1 a t z tt) Personen nach Amerika und (50 Personen nach Cypern aus. Von B r a i 1 a reisten 15 Familien und •20 junge Leute nach Amerika. Aus Ploesti Ü0 Familien nach Amerika. Aus Bukarest (30 Familien nach Amerika, von mehr als öüüO Personen geleitet. Innerhalb zweier Tagen folgte der Präfect von Jassy US Auslandspässe mit der Nimmerwiederkehr-Clausel aus. In Braila hat sich in den letzten Tagen wieder eine Auswanderer-Gesellschaft, aus -22 Familien bestehend, gebildet. Die Armen hoffen, in L o n d o n ihr kärgliches Fortkommen zu finden. Herr J. Grün bäum hat für die Unglücklichen eine Collecte veranstaltet, die bisher 1-200 Francs ergab. 1 ie Donau-Damptschiftahrts-Gesellschat't befördert die Emigranten zu dem ermässigten Preise von 15 Francs per Person bis nach Wien. In Crajova haben sich circa 50—60 Jünglinge entschlossen, nach Amerika auszuwandern, und da sie mittellos sind, gedenken sie die Reise nach Hamburg nöthigentälls zu Fuss zu unternehmen. Auch in Galatz hat sich eine Gruppe von ungefähr 100 jungen Leuten — Studenten, Arbeiter, Handlungsgehilfen — durch die Noth gedrängt, zur Auswanderung nach Amerika entschlossen. Auch sie wollen bis nach Hamburg zu Fuss reisen. Herr E. Dinermann in Galatz hat sich der Emigranten wann angenommen, doch ist begreiflicherweise die Hilfe eines Einzeln .-n unzulänglich.

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