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Die Welt · 1900-06-01 · 22 (1.6.1900) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
22 (1.6.1900)
Article
Griechenland und Israel
Date
1900-06-01
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 „Die 2& WeltS- Nr. 22 Später, als Moses, der Sage nach, zu den Midianitern kommt, besucht er Horeb, Gottes Berg, und sieht dort den brennenden Dornbusch, der aufflammt, ohne verbrannt zu werden. Hier sucht Gott den Aufsteigenden zu tödten. So greift Jehova in der Herberge Moses an, um ihn zu tödten. Seine Frau Sipora reitet nach der augenscheinlich uralten Sage sein Leben, indem sie eine Opferthat an seinem Sohne vornimmt und dem Herrn ein Stück blutige Haut hinwirft. So lässt Gott Moses fahren. Die Israeliten hatten Naturmythen, wie alle anderen Völkerstämme, Sonnen-, Regen- und Culturmythen, wenn auch in geringerem Umfange. Für den Nomaden ist die Sonne die feindliche Macht, die Wolke die freundliche. Er wandert mit seinen Herden von Weide zu Weide und lebt von dem Regen, der das Gras sprossen lässt. Bei Tage muss er ruhen. Seine Karawanen wandern, wie heutigen Tages die der Araber, bei Nachtzeit. Der gestirnte Himmel ist sein Freund, die gute Macht. Die flammende Sonne wird der grausame Herr, Moloch, Melek. Es ist gelungen, eine hebräische Mythologie zusammenzustellen, von der man im Buche Hiob nicht geringe Spuren findet. Götzen, Hausgötter, die in den Zelten gehalten und auf dem Rücken der Kameele weiter geführt wurden, waren zahlreich. Später wurden Götzenbilder aus Silber und Gold ausgeführt. Jesaias ist voller Angriffe gegen solchen Götzendienst. Die Semiten trieben ohne Ausnahme von Anfang an Vielgötterei, wie schon der älteste Gottesname der Israeliten, Elohim, in seiner Mehrzahlsform beweist. Aber in ihren Stämmen, wie überhaupt in Blut und Geist der Semiten, lag ein Hang zur Veiehrung eines Gottes. Nach und nach nahmen diese Nomaden festen Wohnsitz, verwandelten sich in Ackerbauer und gründeten Städte. Es gibt aber zwischen den zwei grössten Culturvölkern, den griechischen Schiffern und den israelitischen Nomaden und Ackerbauern, trotz des Grundunterschiedes, auch viele Gleichheitspunkte. Das Leben in Hellas hat zahlreiche Herdstätten : das, was wir Griechenland nennen, besteht aus einer Menge kleiner, selbständiger Staaten. Man findet lange kein anderes Band zwischen ihnen als das, was die Homerische Dichtung abgiebt. Homer hat dieses Volk zusammengesungen, und die olympischen Spiele haben es zusammengehalten. Ebenso stehen die vielen israelitischen Horden und Stämme während Jahrhunderte unabhängig voneinander, feindlich gegeneinander. Es sind Israels Propheten, es sind Männer wie Jesaias und wie der anonyme, grosse Prophet der babylonischen Verbannung, die aus den Stämmen ein Volk bilden. Und wie der Grieche den Barbaren tief verachtet, der nicht freier Bürger ist und nicht griechisch spricht, so sieht auch der Israelit tief auf die Volksstämme (Heiden) herab, die nicht „den Herrn" zum Gott haben und denen „der Herr" nichts versprochen hat. Das griechische Ideal ist Lust. Der homerische Grieche ist persönlich unabhängig, kühn und frei. Er denkt sich seine Götter froh. Daher der Ausdruck: Da sollst Du froh wie ein Gott am Herde sitzen und Wein trinken. Der Jehova der Hebräer ist nicht froh. Er ist gewaltig. In der Griechen Auge ist das Beste: Friede, oder das, was Ordnung und Frieden gibt. Plato sagt: Liebe gibt dem Liebenden Frieden, dem Meere Ruhe. Aristoteles sagt: Der Gedanke ist weniger eine Bewegung als eine Rast. Inders bei den Hebräern. Weder Liebe noch Gedanken geben Frieden. In der griechischen Kunst ist kein Misston. Es ist kein Zwiespalt zwischen Körper und Seele, zwischen Pflicht und Glück, keine losgelassene Leidenschaft, selten wildes Pathos. Hinter der griechischen Tragödie liegt tiefer Einblick in des Lebens Schrecken; sie ist auf grauenvolle Mythen aufgebaut, auf verbrecherische Göttergeschlechter und Titanen in Aufruhr und Qual. Sie entspringt dem wilden, losgelassenen Jubel der Dionysosfeste. Aber doch herrscht in diesen Tragödien künstlerisch stets Anstand und Würde; die Heldin ordnet ihr Gewand um ihre Füsse, wenn sie stirbt. Wir begegnen hier einem Ideal, das reich ist, aber nicht tief, schön, aber nicht erhaben. Im Morgenlande ist das Ideal enger, steifer, aber stärker, ein Ideal von unbeugsamer Kraft, ewiger Dauer, wie „der Herr" im Himmel, die Pyramiden auf der Erde. . Im Morgenlande ist alles ausdrucksvoll, voll reicher Bedeutung, die Leidenschaft geht nackt. Die Schwingungen der Seele sind die stärksten, ewiges Anrufen, hohes Pathos, verzweifelte Klage, heftige Lebensfreude. In der griechischen Landschaft waren alle Proportionen klein, alles temperiert, alle sinnlichen Wahrnehmungen deutlich, alle Umrisse in Klarheit gebadet. Demzufolge ein wahrer Abscheu vor dem Zusammengesetzten,Uebertriebenen, Formlosen und Unbegrenzten. Deshalb eine Kunst, deren Wesen die richtigen Proportionen und Dimensionen zeigt, feine Verhältnisse und vollendetes Masshalten. In der Landschaft, die das semitische Volk vor Augen hatte, sind die Hauptfactoren die Klippen und die Wüste. In der Fläche und in der Höhe ein Ausdruck von Grösse. Man sehe z. B. das Bild des prachtvollen, einsam und wild gelegenen Thabor mit seinen stumpfen Kegeln. Die Natur ist wild, und das Land, welches das israelitische Volk sich erkämpft hat, ist fruchtbar. Die Volksphantasie machte das Wilde wilder und das Fruchtbare fruchtbarer. Die Natur war unruhig: man war häufigen Erdbeben ausgesetzt, und die Naturverhältnisse waren unsicher; Heuschreckenschwärme fanden sich in Heerscharen ein und verwüsteten alles. Was von Poesie hier erzeugt wird, ist daher meist grossartig und streng, doch die Dichtung bringt auch den Beweis, dass man in brennender Erotik gelebt und zur Frühlingszeit in Naturfreuden geschwelgt hat. Aber alles ist concret aufgefasst, das Ganze mit einem Schlage und in einer Sprache ausgedrückt, deren Töne mit ihren Kehllauten hart und klaugvoll sind. („Deutsche Volksstimme", Berlin.) Der Zionismus in Holland. E n s c h e d e, 20. Mai. Nach einem fesselnden Vortrage des Herrn Dr. Isidore II e n, Secrelärs des Ilauptconiites des Niederländischen Zionisten-Bundes, und einer sehr lebhaften Debatte folgte hierselbst die Gründung einer Ortsgruppe Twente des N. Z.-B. Fast alle Anwesenden traten der Vereinigung bei. Das Comite wird demnächst eine öffentliche Versammlung abhalten, in der Dr. Hen als Referent auftreten wird. Wiener Cultusgemeinde, (0 e ff e n tl ich e Plenarsitzung vom 27. Mai 1900.) Der Löwe des Tages war unstreitig der gewesene Gemeinderath Dr. Alfred Stern. Nicht durch die Rede die er hielt, — Gott bewahre, wir Juden haben viele gute Redner, man behauptet sogar zu viele, und Dr. Stern ist ein zu guter Jude, um diesem Fehler für seine Person wenigstens nicht abhelfen zu wollen. Dr. Sterns Geist concentriert sich vorzugsweise auf ganz kleine Brennpunkte, auf Geschäftsordnungs-Anträge. In diesen aber ist er gross, da duldet er keinen zweiten neben sich. Dr. Stern legt in seine Geschäftsordnungs-Anträge die Resultate langjähriger Gedankenarbeit. In der öffentlichen Plenarsitzung des Wiener Gultusvorstandes vom 27. Mai declarierle sich Herr Dr. Alfred Stern durch einen unscheinbaren, formellen Antrag als eine der Hauptstützen der conservativen Reaction im Wiener Judenthum. Elf zionistische Vereine Wiens hatten an den Gultusvorstand eine Petition gerichtet, worin derselbe ersucht wurde, die Namen der aus dem Judenthum Austretenden nicht wie bisher in geheimer, sondern in öffentlicher Sitzung bekanntzugeben." Die Forderung ist für jeden Juden, der nicht erster Vicepräsident der Wiener Cultusgemeinde ist, ganz selbstverständlich, und niemand wird es verhindern Avollen, dass eine für unsere Zeit eminent wichtige Frage öffentlich behandelt und discutiert werde. Nur Dr. Stern fürchtet diese Oeffentlichkeit, ja er gestattet nicht einmal die Vorlesung einer Petition, welche eine der vitalsten Interessen des Wiener Judenthums berührt. Es ist unerhört, dass die Vorlesung einer von elf jüdischen Vereinen Wiens gezeichneten Petition plötzlich abgebrochen werden muss, weil dem Vicepräsidenten plötzlich hochpolitische Bedenken aufsteigen, es ist unerhört,

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