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Die Welt · 1900-06-01 · 22 (1.6.1900) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
22 (1.6.1900)
Article
Rabbiner-Congress
Date
1900-06-01
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 22 „Die & Welt" Seite 5 ärarischem Grunde und Boden in Sibirien stattgegeben und ihnen sogar auch Mittel zur Errichtung von Wohnhäusern bewilligt. Jedenfalls wird der Rabbiner-Gongress im Leben der russischen Juden nicht ohne Spuren bleiben. G. Griechenland und Israel. Von Georg Brandes. Oeffne die Odyssee und lies am Schlüsse des ersten Gesanges diese Zeilen: „Und er öffnete jetzt die Thüre des schönen Gemaches, Setzte sich auf sein Lager und zog das weiche Gewand ab. Warf es dann in die Hände der wohlbedächtigen Alten, Diese fügte den Rock geschickt in Falten und hängt ihn An den hölzernen Nagel zur Seite des zierlichen Bettes, Gieng aus der Kammer und zog mit dem silbernen Ringe die Thüre Hinter sich an und schob den Riegel vor mit dem Rahmen. Also lag er die Nacht, mit feiner Wolle bedecket, Und umdachte die Reise, die ihm Athene gerathen." In diesen Zeilen liegt griechischer Geist, echter und ursprünglicher griechischer Geist. Es ist eine schlichte Scene aus Griechenlands grossem Heldengedichte. Welche Genauigkeit in der Wiedergabe der täglichen Lebensvorgänge, welches Interesse für dieselben! Und welche Freude am Beschreiben jedes einzelnen, kleinen, sinnliehen Dinges! Telemaeh öffnet selbst die Thür, setzt sich aufsein Lager, nimmt seinen Chiton ab und reicht ihn der Amme. Sie glättet und legt ihn zusammen, hängt ihn an den Riegel, geht, zieht mit dem silbernen Griffe die Thür hinter sich zu und schiebt den Riegel vor. Es ist der Abend nach einer grossen, entscheidenden Scene, Telemachs letzte Nacht in der Heimat Er hat zum erstenmale mit Kühnheit zu den Freiern gesprochen und reist nun ab. Gleichwohl legt der Dichter die grösste Theilnahme für jede unbedeutende Einzelheit an den Tag. Alles wird unter gleichem Gesichtspunkte gesehen, das Grössere und das Kleinere, das Wichtige und das Unwichtige. Oder richtiger: Keine Einzelheit erscheint unwichtig. Und alles ist um seiner selbst willen erwähnt, nichts ist bildlich oder symbolisch. Es ist unmöglich, sich eine grössere Klarheit in der Beschreibung vorzustellen. Wie in den griechischen Reliefs jede einzelne Gestalt so dargestellt wird, dass der Schatten der einen nicht auf die andere fällt, so ist auch diese Klarheit ohne Schatten. In der ganzen Bibel findet man nicht acht solcher Zeilen. In der alten hebräischen Literatur wird nie genau, ja in der Regel unklar geschildert. Man sehe die Schilderung eines Phänomens, das solch einen tiefen Eindruck gemacht hat, wie die zwei Säulen des salomonischen Tempels, Jakin und Boas. Man kann sich unmöglich davon ein Bild machen. Die Hauptstelle (I. Kön. 7, 15) lautet: „18 Ellen war die eine Säule hoch, und ein Band von 12 Ellen umgab die andere Säule." An derselben Stelle ist der Säulenknauf 5 Ellen hoch; in II. Könige 25, 17 ist er 3 Ellen hoch, in der II. Chronik 3, 15 sind die Säulen 35 Ellen hoch. Aber man nehme selbst zum Vergleiche eine wohlgelungene Schilderung des alten Testaments, z. B. die der Bergwerksarbeit im Buche Hiob, wo der Verfasser wahrscheinlich die Arbeiten schildert, die er auf dem Berge Sinai gesehen hat: „Dort sind Gänge, wo man das Silber auszieht, Und Gänge, wo das Gold geläutert wird. Eisen bringt man aus der Erde, Und das geschmolzene Erz wird zum Kupfer. Der Mensch bringt der Finsternis Grenzen zum Weichen, Er durchsucht die Tiefe, Die Steine, die im Todesdunkel verborgen sind. Fern von bewohnten Orten bricht er Gräben, Die der Lebenden Fuss nicht kennt, Er hängt und schwebt in der Luft, fern von der Menschen Stätte. *) Diese Erde, worauf das Brot wächst, Ist in ihrem Innern durch Feuer zerrissen. Ihre Klippen sind des Saphirs Lager, Im Staube findet man Gold. *) Die Bergwerksarbeiter wurden in Körben oder mit Gestellen in die Steinbrunnen hinabgelassen, damit sie sich in die Bergwände einarbeiten konnten. Der Vogel kennt nicht den Weg dorthin. Das Auge des Falken sieht ihn nicht. Der Mensch legt Hand an die Felsen Und gräbt den Berg vom Grund aus um. Bricht Gänge in die Klippen, Damit sein Auge alle Schätze sieht. Hemmt den Strom des Wassers Und bringt das Verborgene an das Licht. — Aber die Weisheit? Woher wird sie geholt? Und wo ist die Heimat der Erkenntnis? Der Mensch kennt nicht ihr Reis, Man trifft sie nicht in der Lebenden Land. Der Abgrund spricht: Mein Schoss birgt sie nicht. Und das Meer spricht: Sie ist nicht in mir. Man wägt sie nicht mit Gold auf, Silber ist nicht ihr Kaufpreis. Man erhält sie nicht für Ophirs Gold, Für kostbaren Onyx oder Saphire." Die Bergwerksarbeit wird hier nicht um ihrer selbst willen beschrieben. Kein selbständiges Interesse wird für sie gehegt. Die ganze Schilderung, wie Metalle und Edelsteine aus dem Berge geholt werden, ist nur dazu da, um zu dem geistigen Gegensatze zu gelangen: Aber die Weisheit, woher wird sie geholt? Der Stil ist feierlich und bewegt sich in dem strengen Parallelismus des hebräischen Versmasses vorwärts. Schon dies wirkt auf die Schilderung ein. Darin liegt ein Drang, sich imponieren zu lassen und zu imponieren. Der Verfasser sucht das Ausserordentliche, das Geheimnisvolle und Bedeutsame : Der Mensch .... durchsucht .... Die Steine, die im Todesdunkel verborgen sind. Es liegt ein Eindruck von Grauen und Exaltation in der Schilderung. Der Arbeiter weilt fern von den Lebenden, schwebt in der Luft, weit von der Menschen Heimat. Der Raubvogel kennt nicht den Weg zu dem Minengang. Der Verfasser bringt sich in Erregung durch starke Ausdrücke: Der Mensch legt Hand an die Felsen Und gräbt den Berg von Grund aus um. Das Ungefähre und das Uebertriebene verletzt hier nicht, nein — es entspricht, wie in Griechenland, genau der Sprache. Das Grossartige gefällt weit besser als das Einfache. — Die Phantasie verweilt bei dem Ungeheuerlichen, sieht etwas Göttliches darin; in Griechenland erblickt man das Göttliche in dem sicher Begrenzten. Das Unbegrenzte ist der denkbar ungriechischste, Phlegma der denkbar unisraelitischste Begriff. Das ist Hellas und Israel, denen Europa seine Cultur verdankt. Die Griechen bewohnten ein Gebirgsland mit stark gesonderten Thälern, wie man sie in der Schweiz findet, nur dass die Berge nicht hoch waren, sondern fruchtbar, die Landschaft lieblich, nicht rauh. Und ringsum lag das Meer, und überall schnitt das Meer hinein, ein Meer mit reizenden Farben und freundlich längs der Küsten und in den zahlreichen Häfen. Griechenland war ein Küstenland, und seine Männer waren Seemänner mit der Seemänner Eigenthümlichkeit. Die Gx-iechen waren früher ein Volk von Matrosen, Seeräubern, Kaufleuten und Colonisten, von Natur bereit zum Reden und andere reden zu hören, ein Volk von Erzählern, und also in ihren Besseren ein Volk von Rednern und Dichtern, in ihren Minderwertigen ein Haufe von Prahlern und Lügnern. Eins und das andere in der Odyssee ist idealistische Schifferlüge. Die Kinder Israels waren ursprünglich Nomaden. Hebräer (Ibrier) bedeutet die Umwandernden. Die Landschaften, die sie zuerst vor Augen hatten, waren wahrscheinlich die wilden Berggegenden und Wüsten des steinigen Arabien. Die Berge haben sie mit Grauen und Ehrfurcht erfüllt. Die Gegend am Sinai ist wilder und rauher, als die am Olymp, Der Olymp wurde heilig, der Sinai gefürchtet. Jeder Berg hatte seinen Gott. Der Bergcultus ist bei den semitischen Stämmen eine der ältesten Religionsformen. Thabor, Hauran, Hermon, Libanon, sie alle hatten ihren Gott, genannt Baal-Hermon, Baal-Libanon, Baal-Hauran u. s. w. Sinai hatte seinen Gott, eine Art Donner- und Blitzgott. Von des Berges Gipfel schienen ja die fürchterlichen Unwetter jener Gegend auszugehen. Arafel, die dunkle Wolke, war sein Schleier. Er zerriss ihn und offenbarte sich im Blitz. Er war ein Flammengott. Wer ihn sah, der starb.

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