Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 21 (25.5.1900)
- Article
- Lag Baomer
- Date
- 1900-05-25
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 »Die & Welt" Ni. 21 Ein „Hosianna" tönt von tausend Lippen, Zum Himmel steigen tausend Jubelmelodien, Wohl tausend freudenfeuchte Augenpaare glänzen Und abertausend neugestählte Herzen schlagen kühn. Dann aber, übermannt vom niegeahnten Glücke. Vom süssen Freiheitstaumel, der so jung erwacht, Sinken die Scharen nieder. Es verstummt das Jauchzen . . . Nur bebend heisses Stammeln zittert durch die Nacht. * Heilige Nacht! Die Bäume nicken horchend. Es schweigt die Nachtigall, andächtig lauscht der Hain, Die frommen Nachtviolen beten leise Im wunderreinen Frühlingsmondenschein . . . Brünn. OttoAbeles. Drama in vier Acten aus dem jüdischen Leben. Von Wilhelm Feldmann. Das seinerzeit an dieser Stelle besprochene Stück erlebte am 16. d. M. am Lemberger gräflich Skarbek'schen Theater seine erste Aufführung. Der Umstand, dass die handelnden Personen durchwegs Juden sind, bewirkte gewissermassen eine Zweitheilung des Lemberger Premieren- Publicums auf Grund ihrer Erwartungen. Es gab solche, denen, als sie ihre Plätze einnahmen, irgendeine unklare, aber gar nicht unangenehme Erinnerung an eine Aufführung der berühmten „Klabriaspartie" vorschwebte, wo ja auch lauter Juden vorkommen, und dann gab es wieder solche, die einfach einmal auf der Bühne Juden sehen wollten, wirkliche Juden, wie sie leiden und leben. Ich glaube, beide Theile kamen nicht auf ihre Kosten. Bevor ich mich aber mit dem Stücke selbst befasse, glaube ich, Folgendes erwähnen zu müssen. Juden und jüdische Verhältnisse werden in der polnischen Literatur keineswegs so selten verwertet, wie in anderen Literaturen. Mein Gott, erst vom lebensentrückten Kothurn Shylocks oder Nathans herab dürfen Juden auf der Bühne zum Worte gelangen? Die polnische Literatur hat sich des Juden liebevoller angenommen. Anfangs war er dort eine komische Figur, bei jeder Gelegenheit gehänselt, geprellt und geprügelt. Mit der Zeit kam auch der hartherzige jüdische Wucherer, der dem armen Bauer die letzte Kuh aus dem Stalle treibt, zu dramatischer Geltung. Es konnte schliesslich nicht ausbleiben, dass Schriftsteller von vornehmer Gesinnung all die Gehässigkeit — ach, nicht nur literarische Gehässigkeit — glaubten gutmachen zu müssen. Meist sind es Damen, Elise Orzeszko und die modernere Gabriela Zapolska, die mit milden, weichen Händen über die schmerzenden Schwären streichen. Gott vergelt's, aber mit diesen von unendlichem Edelmuthe triefenden Juden und Jüdinnen, die wir jetzt zu sehen bekamen, war der Kunst nicht viel geholfen. Nicht unrichtig nannte ein polnischer Recensent solche Stücke: parfümierten Knoblauch: Nun, von Feldmann erwartete man anderes. Er besitzt eine Feder, die er schon öfters mit Erfolg und auch mit Talent geführt hat, und vor allem — er ist ja selbst ein Jude. Er ist aber ein sonderbarer Jude. Verstehe ich ihn recht, so sieht er entsetzliche Gespenster. Er sieht das Judenthum sterben. Ein silberhaariger, ehrwürdiger Greis, wankt es zu Grabe, ein Grossvater, den wir Enkel inniglich lieben und verehren, an dessen Ableben wir uns aber allmählich gewöhnen müssen. Seine Uhr ist abgelaufen, wir aber haben noch das Leben vor uns und müssen nach einer neuen Lebensform suchen. Die alte, das Judenthum, wird zu Grabe getragen, das Säckchen mit Palästinaerde unter dem Haupte, und wir geben ihm das letzte Geleite, voll aufrichtigen Schmerzes, aber ohnmächtig gegenüber dieser Naturnothwendigkeit. Was weiter? Das Judenthum schrumpft bei den nächsten Enkeln zu einer pietätvollen Erinnerung zusammen. Das Grab wird hie und da besucht Einige Thränen fliessen für den guten Alten, der da unten in der Erde modert, und er kriegt wohl auch ein paar Blumen. Die späteren Enkel haben auch das Grab vergessen. Eine Episode mit senil und marastisch ausklingendem Epilog. Es war einmal . . . Nun, die Zukunft wird ergeben, was eigentlich Episode war. ob das ganze Judenthum oder die Assimilation, deren begeisterter Bannerträger Herr Feldmann gewesen sein soll. Nun aber zum Stücke. Der Inhalt dürfte den Lesern der „Welt" erinnerlich sein. Der alte Reb Jochaia geht mit den Seinen nach Palästina. Seinen Sparpfennig lässt er bei Manes, dem Krösus des Städtchens, der ihm die Zinsen zum Lebensunterhalte schicken soll. Manes thut es auch eine Zeitlang. Dann stellt er die Sendungen ein. Das anvertraute Geld hat er in seiner Habgier so lieb gewonnen wie eigenes, und darauf bauend, dass der alte Gelehrte schwerlich zurückkommen dürfte aus dem Heiligen Lande, und für jeden Fall auch darauf, dass seines Wissens kein schriftlicher Beweis vorhanden ist, stellte er die Sache so dar, als ob er bloss S00, nicht 8000 Gulden bekommen und diese 800 bereits an Jochaia rückerstattet hätte. Es kommt aber anders. Jochaia kehrt zurück mit den Seinen in bitterster Noth (ein Seitenhieb auf das Colonisationsprogramm?). Und Manes' eigener Sohn, ein junger Arzt, weiss etwas von der Existenz eines Reverses. Nach einem heftigen Auftritte hatte Jochaia den Manes zum Schwur, zum grossen Schwur vor der Thora, vor der versammelten Gemeinde aufgefordert. Manes willigt ein, zu schwören. Er kann jetzt nicht zurück. Mühsam hat er sich emporgearbeitet. Jetzt ist er Cultusvorsteher und erster in der Synagoge, nein, er darf sich nicht so weit compromittieren. Lieber den Meineid! Und das Volk tritt zusammen in der Synagoge, und die schwarzen Kerzen werden angezündet. Dreimal ertönt der Schofar, und schauerlich verhallen die Flüche der Eidesformel aus dem Munde des Dajon. Alles wartet auf Manes. Dieser kämpft noch mit sich einen schweren Kampf. Das sogenannte „falsche" Ehrgefühl siegt und schon will er schwören, da — stürzt sein Sohn, der junge Doctor, in die Synagoge. Er hat den Revers gefunden, der richtig auf 800Ö fl. lautet. Nun darf der Vater nicht schwören, das steht fest für ihn. Manes ist unerschütterlich. Er verlangt vom Sohne den Revers, um ihn vor dem Schwüre zu vernichten. Der Junge weigert sich entschieden. Da ruft er ein Weib zuhilfe. Das Weib, das der Junge liebt, um derentwillen er zu studieren begonnen, die ihm sein alles ist. Sie ist arm, und deshalb wollte der Alte früher nichts wissen von ihr. Aber jetzt benützt er das schöne Mädchen, das kühl berechnend ihre Angeln nach dem Jungen ausgeworfen, bloss wegen seiner Stellung und seines, respective des Vaters Vermögens, denn sie sehnt sich gewaltig hinaus "aus diesem schmutzigen, kleinen Judenstädtchen, hinaus in grosse Kreise, in bedeutende Verhältnisse . . . Ihr überlüsst schliesslich der schwache junge Mann den Revers. Aufathmend zerreisst ihn Manes und leistet den Meineid. Der fromme Jochaia stirbt, als er den Greuel vernimmt. Der weitere Verlauf des Stückes besteht aus den obligaten Gewissensbissen sämmtlicher Schuldtragenden. Eine aufregende, nicht ganz effectlose Scene auf dem Friedhofe macht den Beschluss. Manes wird wahnsinnig und bezeichnet seine Schwiegertochter als die einzig Schuldige, den Dämon etc. Weshalb, ist nicht ganz verständlich, wie überhaupt diese weibliche Hauptfigur sich nicht gut hineinfügen lässt in das Ganze. Das Ganze! Das ist es eben, was auch dem Stück zum Kunstwerke fehlt. Es ist zerrissen und überhastet. Einzelne gelungene Charakteristiken, hübsch gebaute Scenen treiben mit ihren extremsten Gegentheilen durcheinander. Als ganz verunglückt müssen die modernen Lichter bezeichnet werden, die Feldmann hie und da aufzusetzen für nöthig befunden. Vielleicht hat er in das Stück mehr hineingeheimnist, als auf den ersten Blick erkennbar ist Dann sind wohl die drei männlichen Hauptfiguren Symbole für drei Geschlechter. Der alte Reb Jochaia, das alte an Thora und Palästina sich klammernde Judenthum, das, entfremdet dem praktischen modernen Leben, dem Grabe zuwankt. Manes, die zweite Generation; sittlich bankerott, am Mammon hängend. Und die dritte junge Generation, der Doctor, der. als er seine sittliche Forderung bei den Seinen nicht einlösen kann, sich von ihm folgerichtig lossagt. Auch durch diese dunkle Brille hätte Herr Feldmann die Dinge anders sehen können. Die Geschichte einer Schuld, projiciert auf die ethische Auffassung einer Reihe inteliectuell und culturell verschiedener Menschen, aus diesem Vorwurfe hätte sich Besseres machen lassen, vielleicht auch — Jüdischeres. Aber dankenswert ist sein guter Wille, der unverkennbar ist. und dann muss man auch bedenken, wie schwer und undankbar es aus unzähligen Gründen geworden, Jüdisches in einer europäischen Sprache zu schreiben, seit man andere Nahrung will, als das Süssholzgeraspel der Ghettogeschichte aus der guten alten Zeit. Das ist eine neue Kunst die erst langsam emporblüht. Gespielt wurde das Feldmann'sche Stück ganz leidlich. Lemberg, 17. Mai 1900. Maximilian Barber.