Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 21 (25.5.1900)
- Article
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur [Rezension]
- Date
- 1900-05-25
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 21 ,Die j£ Welt* Seite 13 Dazu kommt, dass das Gesetz einen Unterschied zwischen Mensch und Thier feststellt. Nun heisst es aber im 3. B. M. 24, 18: „Und wer ein Vieh erschlägt, soll es bezahlen. Leben um Leben." Also wird die Bezahlung des Thieres mit dem juristischen Terminus „Leben um Leben" bezeichnet. Mithin ist jedes Missverstäudnis bei „Auge um Auge" ausgeschlossen. Iu der naturrechtlichen Literatur wurde das Gesetz auch in diesem Sinne gedeutet. Ein Präludium zu der Studie des Philosophen ist der sinnige Aufsatz : „Wohlthätigkeit im talmudischen Zeitalter" von Lady Ph. Magnus. Bei der Leetüre dieses Aufsatzes beschleicht uns ein wehmüthiges Gefühl. Wir haben in Oesterreich jüdische Schriftstellerinnen. Uns ist aber keine bekannt, die sich je an ein solches Thema gemacht hätte. Und doch wäre es secessionistisch, in unserer Zeit einen so „unmodernen" Stoff zu behandeln. Mit Interesse lesen wir Rüben ßrainins Skizze von dem Gaon von VVilna; wir müssen es jedoch — gelinde gesagt — als eine Geschmacklosigkeit, bezeichnen, wenn Spinoza zu einem Vergleiche mit dem Gaon herhalten muss. Herrn B r a i n i n war es auch vorbehalten, an der hehren Lichtgestalt des Mannes, dem Feind und Freund das Attribut der Heiligkeit zuerkannte, Flecke zu entdecken. Wahrlich, er ist um seine Entdeckungen nicht zu beneiden. Sehr lesenswert sind die Rückblicke: „Literarische Jahresrevue" von Gustav Karpeles und „Die neue hebräische Literatur" von S. Berufe ld. Literarische Objectivität scheint jedoch nicht B e r n fe 1 d s Stärke zu sein. So ist Perez Ömolenskys Bild zu sehr schwarz in schwarz gemalt. Es wird zu viel an ihm herumgenergelt. Tief empfunden ist D. H. Müllers Nachruf auf den der begeisterten Pflege unseres religiösen Schriftthums im schönsten Mannesalter entrissenen David K a u f m an n, mit dem viele, so viele Hoffnungen zu Grabe getragen wurden. Israel Z an g will, der das englische Ghetto souverän beherrscht, stellt sich mit einer Erzählung: „Uebergang" ein. Der kleinen Erzählung liegt ein grosser Gedanke zugrunde. Die jüngste Tochter Daniel Peysers, die ihren Glauben zu den Todten geworfen und den rJntsctiluss gefasst hat, zu dem Christenthum überzutreten und einem Christen, dem Sohne eines Pfarrers, die Hand zu reichen, besinnt sich anders. Sie entsagt dem Geliebten. Die jüdische Religion feiert in ihr die Auferstehung. Sie sagt sich: Wenn eine Religion, die, wie sie talschlich glaubte, nur in Beobachtung von Formen besteht, fähig ist, solche Typen der Selbstverleugnung hervorzubringen, wie ihr Vater eine ist, der sich nicht das Recht zuerkannte, in das Leben seiner Tochter, in ihre Aussichten auf Glück einzugreifen, dann muss auch diese Religion die edlen Bestandteile, den Trieb zur Selbstverleugnung besitzen, welche die Welt Christenthum nennt. — Auch Ulrich Frank greift in seiner Erzählung : „Die Todten" ins volle Leben. Sie entrollt vor uns die Tragik des modernen Ghettos. Die in dem Studium des Talmud erstarrten Alten und die nach Leben und Thatendrang lechzenden jungen Stürmer, welche das Judenthum als Hindernis der Assimilation betrachten und darnach handeln, das heisst. es wie einen alten Rock wegwerfen, sind lebenswahr gezeichnet, plastisch modelliert. Wir möchten dem typischen Helden, um von der zionistischen Jugend ganz abzusehen, das Beispiel Ludwig Bambergers gegenüberhalten, wenn uns auch von dem „deutschesten Deutschen", wie ihn Mommsen nannte, eine Welt trennt. Bamberger hat es, ob er sich auch kaum noch als Jude fühlte, stets verschmäht, „durch heuchlerischen Uebertritt die grossartige officielle Wirksamkeit zu erlangen, die seine hohen politischen, ökonomischen und schriftstellerischen Gaben, vereint mit der Lauterkeit seines Charakters, ihm als Nichtjuden gesichert hätten". Den Reigen schliesst Frau Henriette Hirse, hberg mit einigen poetischen Uebertragungen. Ich kann mir nicht versagen, das ergreifende Gedicht: „Der Kelch" (nach F r u g) hier anzuführen : „Mutter, sag" mir, liebe Mutter, Ob's denn auch gewiss und wahr. Was der Ahn mir jüngst erzählte: Von dem Kelch, krystallenklar, Den man droben, hoch im Himmel, Steh'n vor Gottes Throne sieht? Und wenn hier bei uns auf Erden Gar zu schwer ein Herz sich müht, Dann der Herr, der Allerbarmer, Weint um seine Menschenwelt, Und die Thräne dann des Höchsten Nieder in den Becher fällt?" „Wahr ist's, Söhnlein!" „Sag*, o Mutter, Ist's auch wahr, dass kommen soll Einst Messias, der Erlöser. Wenn der Kelch von Thränen voll?" „Wahr!-1 Des Knaben reine Züge Sind umschattet, leidverhüllt. Wieder fragt er: ..Wann denn. Mutter, Wird der Becher ganz gefüllt?" Und er hebt die frommen Augen Traurig auf zum Mütterlein: „Mag der Kelch wohl ohne Boden, Endlos unser Leiden sein? Hat noch nicht gefüllt den Becher Uns'rer Wand'rung Schmach und Pein? Trocknen in der Zeiten Fluge Denn des Kelches Thränen ein?" Und die Mutter, schmerzverloren Blickt empor — dann, gramgeheugt. Ueber ihres Kindes Haupte Weinend sie das Antlitz neigt. Auf die Stirn des Knaben fliesset Zweier Perlen klarer Lauf — Herr im Himmel, nimm erbarmend In den Kelch die Thränen auf!" Das Jahrbuch wird durch einen düsteren „Jahresrückblick" von Martin P h i l i p p s o n eingeleitet, "welcher in die Worte: „Allerorten Kampf, fast nirgends Friede!" ausklingt. Er ist'wohl oder übel ein eindringliches Plaidoyer für den Zionismus. S. Zur zionistischen Frauenbewegung. Der zionistische Frauenverein „Wien" hält Samstag den 2C>. d. M. S Uhr abends im Saale des Congressbuivaus IX., Türkenstrasse U. seine diesjährige General-Versammlung ab mit folgender Tagesordnung: 1. Antrag auf Statutenänderung. 2. Geschäfts- und Cassahericht. 3. Neuwahl des Ausschusses, i. Eventualia. Hierauf folgt ein Vortrag des Herrn Aren. Oskar Marmorek über „Splitter des jüdischen Volkes". Gäste herzlichst willkommen. Jüdisches Turnwesen. Am 21. Mai hielt der Turnverein jüdischer Hochschüler «eine ordentliche Hauptversammlung ab. Besonders erfreulich waren der Bericht des ersten Turnwarts, Herrn Dr. J e r usalem, der die Strammheit und den Eifer namentlich der Anfänger lobend anerkannte, und jener des Cassiers, Herrn Dr. W e i s s, der das erste Rechnungsjahr mit einem Ueberschuss von 2ö0 K. abschloss, bei einem so jungen und von Förderern so entblössten Vorein immerhin ein Verdienst. Der neugewählte Ausschuss, dem Herr cand. jur. Karl L o e w vorsteht, erhielt den Auftrag, den Verein in einen allen Juden zugänglichen „I. jüdischen Turnverein in Wien" auszugestalten, um auch Nichtakademikern die Wohlthaten körperlicher Ausbildung zu ermöglichen. Leider war es in dem theils antisemitischen, theils judenliberalen Wien bisher unmöglich, für einen Verein, der sich als jüdischer gibt, einen dem Zudrang entsprechenden Saal zu bekommen. Alle Zuschritten gehen an den ersten Schriftführer, Herrn Egon Zweig jur.. IX., Pelikangasse ir>. Der erste Turngang findet Sonntag den 27. Mai statt. Abmarsch 2 Uhr Nachm. vom Anatom. Institut, Währingerstrasse, nach Krapfenwaldl— Kahlenberg. _ Feuilleton. Lag Baomer. Heilige Nacht'. Ich seh" die Brüder wallen, In Festgewändern strömen sie herbei Und feiern froh: Heut' starb die Judenklage, Die trostlos-wilde, und das Volk ward frei! *