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Die Welt · 1900-05-25 · 21 (25.5.1900) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
21 (25.5.1900)
Article
Philadelphia [Nachricht]
Date
1900-05-25
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 ,Die & Welt" Nr. 21 unser eigenes Heil in der Hilfe, die wir ihnen bringen? In Amerika mag man sie nicht und nun sollen wir nicht einmal bestrebt sein, dass sie anderswo hingehen können? — Rev. B. Leventhal sprach im gleichen Sinne in hebräscher Sprache. Das Schlusswort hatte ein christlicher Zionist James Orr. In seiner sehr warmen Ansprache bedauerte der Redner, dass der Zionismus bei den Juden nicht diejenige Unterstützung finde, die er verdiene. Der Zionismus sei die Erfüllung der prophetischen Verheissungen und er glaube daran, dass das vom Propheten geweissagte Ideal sich erfüllen werde. Zeitschriftenrundschau. Die von unserem Gesinnungsgenossen Dr. Adolf Kurrein redigierte ..Jüdische Chronik" tritt mit ihrer Mai- Nummer in das siebente Jahr ihres Bestehens. Aus diesem Anlasse bringt sie einen Rückblick auf ihre Thätigkeit. Im „Hameliz* und in „Hazefirah" publiciert Rabbiner S. J. Rabbinowitz in Sopotkin fortgesetzt die ihm zugekommenen Ansichtsäusserungen orthodoxer Rabbiner zugunsten des Zionismus. Die Berliner „Conservative Correspondenz" wendet sich in einem scharfen Artikel gegen die in letzter Zeit überhandnehmenden Namensänderungen der Juden. In der Presse wie in christlichen bürgerlichen Kreisen herrsche bereits eine starke Erregung ob der Bereitwilligkeit, welche die Regierungen derartigen Gesuchen entgegenbringen. Man frage sich, ob denn wirklich jeder Träger eines christlichen Namens dagegen wehrlos sei, dass plötzlich ein Schmul, Levi, Cohn etc. sich in seinen Namensvetter verwandle. Das Blatt verlangt, dass vor Genehmigung der Namensänderung ein Aufgebot an die rechtmässigen Träger der in Betracht kommenden Namen erfolge, um deren Einwilligung festzustellen. ,American Hebrew" vom 4. Mai enthält eine beachtenswerte Aeusserung Professor Gottheils über die von verschiedenen Seiten angeregte Gründung eines jüdischen Hilfsfonds für die Nothleidenden in Indien. Prof. G o 11 h e i 1 fragt die Proponenten, weshalb es ihnen denn nicht eingefallen sei, einen jüdischen Hilfsfonds zu schaffen für die nothleidenden Juden in Bessarabien. wo eine gleichartige Hungersnoth wüthet, wie in Indien, oder für die jüdischen Erdarbeiter in Boryslaw, oder für die arbeitslosen Diamantschleifer in Amsterdam. Ferner dürfte es wohl bekannt sein, dass in Galizien jährlich 5 ODO Juden dem Hungertode verfallen.. . . In demselben Blatte finden wir unter dem Titel „Zionismus, sein Zweck und Wollen" eine grössere Abhandlung von Mrs. Benjamin Davis. In instructiver Weise wird in diesem Aufsatze die Entstehung und Entwicklungsgeschichte der Bewegung dargestellt. In einem vorzüglichen Aufsatze des „Echo Sioniste" wendet sich J. Caleb gegen die Ungeduld, mit welcher in manchen Kreisen nach dem Charter gerufen wird. Dieses Drängen entspringe demselben Geisteszustände, der einst, vor mehreren tausend Jahren, den am Berge Sinai Harrenden anstatt der Gesetzestafeln Mosis ein goldenes Kalb zuführte. Man sehe zu, dass auch wir uns nicht in überstürzter Ungeduld anstatt des Charter ein neues goldenes Kalb einhandeln. Der Verfasser weist nach, wie die im „Judenstaat" ursprünglich niedergelegten Ideen im Lichte der Discussionen dreier Congresse, auf denen Vertreter des Judenthums aus allen Culturstufen anwesend waren, sich geklärt und moditiciert, und den Zionismus auf die Bahn emsigen, zielbewussten, aber vorsichtigen Schaffens geführt hatten. Es sei allerdings die Judennoth in manchen Ländern eine unerträgliche, aber es hiesse das Kind mit dem Bade ausschütten, wenn man in überstürzter Eile den Zionismus in gefährliche Abenteuer stürzen und die ganze Zukunft des Volkes aufs Spiel setzen wollte. Man dürfe nicht vergessen, dass diejenigen, denen die heiklen diplomatischen Aufgaben zugefallen, ihr Werk viel leichter vollführen könnten, wenn sie hinter sich im Angesichte der Welt das ehrliche Verlangen von Millionen hätten. Seien wir aber denn schon so weit? Unser Zionismus (der Verfasser lehnt es ab, ihn den politischen zu nennen, weil auch der culturelle und sogenannte praktische in ihm enthalten sei) habe ausser den diplomatischen noch viele andere Vorarbeiten durchzuführen. Bücherwelt. Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur. Herausgegeben vom Verbände der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland. Dritter Band. Berlin, Albert Katz. 1000. S°. „Denn ich bin ein Mensch gewesen, und das heisst ein Kämpfer sein." Doppelt und dreifach muss der Mensch kämpfen, wenn er ein Jude ist. Aus der Schar der begeisterten Kämpen für das Judenthum recrutieren sich mit Ausnahme des Geheimen Kirchenrathes Prof. Carl Siegfried, der „die Episode des jüdischen Hellenismus in der nachexilischen Entwicklung des Judenthums" beisteuerte, die Mitarbeiter an dem uns vorliegenden Jahrbuche. Die Piece de resistance ist Hermann Cohens treffliche, tief durchdachte Abhandlung: „Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch." Es kann auf sie nicht nachdrücklich genug aufmerksam gemacht werden. Wir wollen eine kleine Blütenlese aus derselben veranstalten. Der Verfasser weist auf die principielle Schwierigkeit hin, welche in der Grundlage der christlichen Erlösungslehre für den wahrhaften, aufrichtigen Begriff des Nächsten liegt. „Niemand kommt zum Vater, denn durch mich," heisst es im Evang. Joh. 14, 6. In diesem Worte liegt der Unterschied in der Bedeutung der Nächstenliebe zwischen Judenthum und Christenthum. Die Erlösung ist nach dem Evangelium durch die Vermittlung bedingt. Ohne Erlösung gibt es aber keine Seligkeit Ein Antheii am ewigen Leben, der nicht durch den Glauben wenigstens an die Idee Christi vermittelt wäre, kann nach keinem Lehrbegriffe und keiner geschichtlichen Auffassung des Christenthums zugestanden werden. Somit ist der Begriff des Menschen, sofern er religiös durch den Begriff der Seligkeit definiert ist, von dem Glauben an die christliche Gottesidee abhängig. Ueber diese Determinierung ragt das naive Wort des alten Bundes von der Vaterliebe Gottes hinaus. Das Judenthum ist toleranter, umfassender, es ist universalistisch. Der Gott des Judenthums ist die Liebe. Liebe ist sein Wesen. Und dieses sein Wesen machen wir zum unserigen, indem wir sein Wesen ausüben. Die Liebe des Menschen allein verbindet mit Gott. Mit dem Begriffe Gottes selbst und schlechterdings ist die Erlösung gesetzt. — Der Talmud hat die Idee der Feindesliebe durch einen Begriff vertieft, welcher die psychologische Beseitigung der Feindschaft zu ermöglichen geeignet ist. Es ist dies der Begriff des „grundlosen Hasses". Dieser grundlose Hass bedeutet nicht etwa eine besondere Abart des Hasses, welcher der begründete Hass gegenüberstände. Vielmehr wird der Hass überhaupt und an sich als grundlos bezeichnet. Das ist das erhabenste und heiligste Urtheil, das über diese traurige und unselige Verirrun« des Gemüthes gefallt werden kann. Es gibt keinen Grund zum Hasse. Jeder scheinbare Grund ist ein Irrthum. Der Mensch ist zum Lieben geschaffen. Und wenn er hasst, so wird s^in Dasein vergeblich. Es ist nur satanische Dialectik, die ihm das Recht zum Hasse vorspiegelt. Das Gesetz, das da lehrt: „Auge um Auge, Zahn um Zahn," die lex talionis bedeutet die Genugthuung durch einen sachgemässen Ersatz. Die Glieder des Leibes sollen je nach ihrer Functionsleistung beurtheilt und für den Ersatz abgeschätzt werden. Der Ersatz des Auges für das Auge, der Ersatz des Zahnes für den Zahn. Bei Verletzungen, die Bettlägerigkeit zur Folge haben, muss, wie die Verse B. M. IS, 19) besagen, auch die Versäumnis erstattet werden, und ausserdem wird die Heilung zur rechtlichen Pflicht, gemacht. „Schon diese Verse machen es schlechterdings sinnwidrig, dass Auge um Auge die Wiedervergeltung im Striefen Sinne bedeuten könnte. Denn dann müsste der erste Geschädigte dem zweiten die Versäumnis erstatten; und da auch er vermuthlich bettlägerig werden wird, ihm auch noch den Arzt beschaffen und die Curkosten bezahlen. So gienge das Urtheil noch über das des weisen Daniel hinaus."

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